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"Abschalten ist sehr schwierig"

Journalistik-Forum "Abschalten ist sehr schwierig"

Als Golineh Atai für die ARD nach Moskau ging, ahnte sie nicht, dass sie die nächsten Monate über Leid und Krieg berichten würde. Im Leipziger Journalistik-Forum sprach sie über Kritik an ihrer Berichterstattung und den Druck, dem sie im Ukrainekonflikt ausgesetzt war.

Golineh Atai beim Leipziger Journalistik-Forum.

Quelle: Elena Boshkovska

Leipzig. Atai war bei den Kollegen in Deutschland vergangenes Jahr häufig gefragt. Inzwischen sei es ruhiger geworden. Vor fast zwei Jahren ging sie als ARD-Korrespondentin nach Moskau. Ihre Berichterstattung über den Ukrainekonflikt hat sie vielen Menschen bekannt gemacht.

Sie erinnere sich noch an ihren ersten Tag auf dem Maidan in Kiew. Wie sie sich mit der Situation vertraut gemacht und mit den Leuten gesprochen habe. Zu sehen, dass es richtige Fronten, Einlasskontrollen und Gewaltbereitschaft auf dem Platz gäbe, sei ein „heftiger Eintritt“ gewesen.

Eine von zwei Interviewerinnen an diesem Abend in Leipzig war Selina Bölle. Sie fragte: Wie Atai den Tag wahrgenommen habe, an dem es so viele Tote gegeben habe. Nach Angaben der Sanitäter vor Ort sind in Kiew am 20. Februar vergangenen Jahres 60 bis 100 Menschen auf dem Maidan getötet worden. „Es war einer der schwierigsten Tage in meinem beruflichen Leben, aber auch in meinem privaten Leben.“ Als Korrespondentin sei sie verantwortlich für die Sicherheit ihres Fernseh-Teams. Atai berichtete, dass eine Cutterin und ein weiterer Mitarbeiter eine Patrone in ihrem Zimmer gefunden hätten.

Ob es in solch einer Lage einen Feierabend gäbe oder die Arbeit nur vom Schlaf abgelöst werde, wollte Nathalie Montag, die zweite Interviewerin, wissen. „In solchen Situationen wie auf dem Maidan oder in der Ostukraine war es sehr schwierig abzuschalten.“ Sie habe die ersten dreieinhalb Wochen durchgearbeitet, wenig geschlafen.

Wegen des Interviews mit Atai kamen nicht nur die Studenten des Bachelors Kommunikationswissenschaft und des Masters Journalistik. Auch ältere Menschen waren im Publikum. Der Hörsaal war voll. Einige Zuschauer mussten auf den Stufen sitzen oder stehen.

Bölle stellte fest, dass in der Berichterstattung des russischen Fernsehens die Lage so dargestellt wurde, dass die ethnischen Russen auf der Krim von einer ukrainischen Offensive bedroht seien. Atai sagte, sie habe keine Bedrohung erlebt. Diese Berichterstattung bezeichnete sie als Propaganda der Russen.

Über die Bewohner der Krim sagten ihr heute viele Ukrainer, die in der Ostukraine gekämpft hätten: „Das sind Verräter. Wir sind froh, dass wir sie los sind.“ Sie habe das Gefühl, dass viele Politiker mit Erleichterung auf die Annexion der Krim zurückblickten.  Das täten sie aber auch mit viel Verbitterung.

Ob die Menschen auf der Krim heute über den faktischen Anschluss an Russland froh seien? „Mehrheitlich sind sie zufrieden“, so Atai. Die muslimische Minderheit der Krim-Tataren sei es allerdings nicht. Es gebe ein Überwachungsregime durch den russischen Geheimdienst. Die Mehrheit sei sich jedoch einig, dass die Annexion rechtens gewesen sei.

Wie sie sich vorbereite, wenn eine Bombe explodiert und es heißt: In einer Stunde solle sie auf Schalte gehen, fragte Montag. Eine Stunde sei wünschenswert, manchmal heiße es: „In zehn Minuten sind Sie drauf!“ Sie hasse solche Situationen. „Das hat nichts mit gutem Journalismus zu tun.“ Sie hätte gerne mehr Zeit zum Telefonieren und um Quellen zu sammeln. Wenn sie länger Zeit habe, lese und wäge sie viel ab. „Ich gehöre zu denen, die immer am letzten Drücker abspielen.“ Dennoch bleibe immer ein gewisses „Ungenauigkeits-Unbehagen“.

Im November sagte Antonia Rados (RTL) an gleicher Stelle, sie selbst sei häufig in ihren Beiträgen zu sehen, um zu zeigen, dass sie vor Ort sei. Auf die Frage einer Zuschauerin antwortete Atai: „Ich hasse es, wenn ständig der Reporter zu sehen ist und sich in Szene setzt!“ Es gehe um die Menschen, über die man berichtet und nicht um einen selbst.

Für ihre Ukraine-Berichterstattung bekam Atai 2014 den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit „der persönlichen Zurückhaltung, der akribischen Ernsthaftigkeit und dem unbedingten Willen zur Aufklärung“. Sie bekam allerdings auch viel Kritik wegen angeblicher Einseitigkeit: Mails an ihre private Adresse, Beleidigungen auf Twitter, Programmbeschwerden und auch ARD-Kollegen hätten sie gefragt, wie sie denn nur so berichten könne.

Ob es überhaupt möglich sei, objektiv zu berichten, wenn sich die Ereignisse so überschlagen würden? „Objektivität ist für mich fast schon ein religiöses Wort“, sagte Atai. Deswegen verwende sie diesen Begriff nie. Sie verwies darauf, dass immer auch die Biografie und das Weltbild eines Journalisten in seine Berichterstattung einfließt.

Gegenüber Medienkritik ist Golineh Atai nach eigener Aussage sehr aufgeschlossen. Auch wenn es gerade anscheinend zu einen neuen Geschäftsfeld in Deutschland werde. Die Medienkritik habe allerdings Ausmaße angenommen, die sie für nicht mehr vertretbar halte. So bekomme sie Programmbeschwerden, wenn sie die Debatten aus Russland abbilde. Es sei auch nicht bei der Kritik geblieben. So erhielt sie mehrere Todesdrohungen. Heute  habe sie viele irrationale Ängste. „Bevor ich hier reingekommen bin, hatte ich die Angst, dass jemand mit einem Messer auf mich zugeht.“ Sie traue sich auch nicht mehr, ihre Post aufzumachen.

Atai kritisierte, dass ein Brennpunkt schnell wieder zu einem blinden Fleck wird. Seit Monaten sei die Ukraine kaum noch präsent. Sie wünsche sich Formate, die noch mal dahin gingen, wo das Gros der Journalisten nicht mehr hinschaute . Und fragte: „Brauchen wir nicht einen nachhaltigen Journalismus?“

Von Arnold Wande

Die von Honorarprofessor Ruprecht Eser ins Leben gerufene Ringvorlesung wird von der Robert Bosch Stiftung unterstützt und der Abteilung Journalistik der Universität Leipzig ausgerichtet. Zum inhaltlichen Team gehörten Lisa Kutterruf, Selina Bölle, Nathalie Montag, Julia Regis und Maria Gramsch, Angela Kreß von Kreßenstein und Sophie Aschenbrenner. Zum gestalterischen Team zählten David Holland, Daniel Salpius, Denis Gießler, Ole Steffen, Hermann Bessonov und Arnold Wande. Sie alle studieren im ersten Semester des Journalistik-Masters.

Ausblick

Zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung werden im nächsten Jahr folgende Gäste erwartet:

7. Januar 2016 Jörg Armbruster: ehem. ARD-Korrespondent Naher Osten, 2013 im nordsyrischen Aleppo schwer verletzt, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und Ehrenpreis des Bayerischen Fernsehpreises 2015

21. Januar 2016 Olaf Ihlau: Sachbuchautor, ehem. Auslandsressortleiter "Spiegel" und Korrespondent in Belgrad, Athen, Neu Delhi und London.

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