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„Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss sich merklich unmerklich verändern"

Journalistik-Forum „Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss sich merklich unmerklich verändern"

Zum fünften und für dieses Semester letzten Leipziger Journalistik-Forum war Ulrich Deppendorf zu Gast im Hörsaal der Universität Leipzig. Das ARD-Urgestein gab Einblicke in das bewegte Leben als Hauptstadtjournalist und erklärte, warum Formate wie die Tagesschau immer noch aktuell sind.

Leipzig. Bevor sich das Leipziger Journalistik-Forum am 2. Juli 2015 in die Sommerpause verabschiedet hat, lud es sich noch einen ganz besonderen Gast zur Abschlussveranstaltung ein: „die Angela Merkel des deutschen Informationsfernsehens". So jedenfalls nannte der Tagesspiegel Ulrich Deppendorf, den ehemaligen Chef des ARD-Hauptstadtstudios. Der heute 65-Jährige blickt auf eine bewegende Karriere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurück. Der Mann mit seiner runden Brille, dem grauem Schnauzer und der charakteristischen Zahnlücke wurde zum Innbegriff der politischen Berichterstattung in Deutschland. Bei der Erstürmung der Stasi-Zentrale war er mittendrin und nach den Anschlägen des 11. Septembers stand er Seite an Seite mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder am Ground Zero in New York City.

Gespür für den richtigen Zeitpunkt

Deppendorf scheute nie die Konfrontation mit seinen Gesprächspartnern. Das ging so weit, dass Altbundeskanzler Helmut Kohl bis heute nicht gut auf Deppendorf zu sprechen ist. Grund dafür waren kritische Fragen auf dem Höhepunkt der CDU-Spendenaffäre. Für ein Interview mit Sigmar Gabriel wurde Deppendorf in den Medien heftig kritisiert. Auf eine scharfe Rückfrage des SPD-Chefs beendete er den „Bericht aus Berlin" anstatt zu kontern. Beim Leipziger Journalistik-Forum darauf angesprochen, erklärte Deppendorf die Hintergründe. Aus der Regie hätte er klare Anweisungen bekommen, die Sendung aufgrund der abgelaufenen Zeit sofort zu beenden. „Das Schlimmste, was im deutschen Fernsehen passieren kann, ist, dass die Tagesschau nicht pünktlich um 20 Uhr anfängt", fügte Deppendorf mit einem Schmunzeln hinzu. Für sein ruppiges Verhalten hätte sich Gabriel im Anschluss bei ihm per SMS entschuldigt und eine Flasche Wein versprochen. „Auf die warte ich aber noch bis heute", merkte Deppendorf an.

Sportlich in den Ruhestand

Zeit, um sich zurückzulehnen und guten Wein zu genießen, hat Deppendorf mittlerweile genug. Nach 39 Jahren TV-Journalismus und insgesamt 298 Sendungen von „Bericht aus Berlin" verabschiedete er sich vor wenigen Monaten und ging in Rente. „Nordic-Walking-Stöcke habe ich mir schon zugelegt und Golfspielen wollte ich auch mal ausprobieren, obwohl ich da nie so ein Fan von war", so der gebürtige Ruhrpottler. Denn eigentlich ist das Gesicht der deutschen Politberichterstattung trotz seines steilen Karriereaufstiegs auf dem Boden geblieben und hielt sich von der golfenden Berliner High Society eher fern.

„Die Tagesschau ist ein junges Format"

Zum Thema Zukunft des Journalismus riet Deppendorf, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit der Zeit gehen müsse. Er lobte die Tagesschau wegen ihrer Technik und dem „modernsten Studio der Welt." Sendungen wie tagesschau24 sollten in der Öffentlichkeit noch viel stärker nach vorn gebracht werden. „Es braucht merklich unmerkliche Veränderungen, damit junge und alte Zuschauer dabei bleiben", riet Deppendorf. Mit seinem Abschied von der ARD ist in der deutschen Fernsehlandschaft definitiv eine merkliche Veränderung eingetreten.

Von erfahrenen Journalisten lernen

Beim Leipziger Journalistik-Forum wurde im Sommersemester 2015 über die Probleme, Gefahren und Zukunftsaussichten des heutigen Journalismus diskutiert. Die von Honorarprofessor Ruprecht Eser ins Leben gerufene Ringvorlesung wird von der Robert Bosch Stiftung unterstützt und der Abteilung Journalistik der Universität Leipzig ausgerichtet. Das Video über Ulrich Deppendorf erstellten Laura Richter und Anika Reker im Rahmen der Lehrredaktion Fernsehen. Während des Leipziger Journalistik-Forums stellte sich Ulrich Deppendorf den Fragen der beiden Moderatorinnen Charlotte Schulze und Lisa Kettwig, Studentinnen des vierten Semesters des Masters Journalistik.

Laura Richter und Anika Reker

Ausblick

Im Wintersemester 2015/16 wird das Leipziger Journalistik-Forum fortgesetzt. Zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung haben folgende Gäste zugesagt:

5.11. 2015 Antonia Rados: RTL Chefreporterin Ausland, u. a. Afghanistan, Irak, Libyen, Ägypten, Kosovo, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, Deutscher Fernsehpreis

19.11. 2015 Jörg Armbruster: ehem. ARD-Korrespondent Naher und Mittlerer Osten, 2013 im nordsyrischen Aleppo schwer verletzt, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und Ehrenpreis des Bayerischen Fernsehpreises 2015

10.12.2015 Golineh Atai: ARD Studio Moskau mit Schwerpunkt Ukraine-Berichterstattung, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und 2014 "Journalistin des Jahres" des Medium Magazins.

07.01.2016 Alexander von Sobeck: ZDF Studio Rom. Vorher Paris, Johannesburg und Tel Aviv (mit Intifada-Erfahrung), ehem. Programmgeschäftsführer "Phoenix."

21.01.2016 Olaf Ihlau: Sachbuchautor, ehem. Auslandsressortleiter "Spiegel" und Korrespondent in Belgrad, Athen, Neu Delhi und London.

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