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„Der Balkan wird ein blutiges Comeback erleben“

Journalistik-Forum „Der Balkan wird ein blutiges Comeback erleben“

Lange Zeit hat Olaf Ihlau für die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel berichtet - unter anderem aus Belgrad, Athen, Neu Delhi und London. Jetzt kritisiert er den Spiegel wegen angeblich einseitiger Russland-Berichterstattung.

Olaf Ihlau mit Friederike Rohmann und Kahwe Mohammady beim Leipziger Journalistik-Forum.

Quelle: Angela Kreß von Kreßenstein

Leipzig. Stationen auf der ganzen Welt, Einschätzungen zur Flüchtlingskrise, dem Balkan und Indien. Das Wissen und die Erfahrung, die Olaf Ihlau seit 1942 gesammelt hat, lassen sich nicht leicht in 90 Minuten packen. Genau dieser Herausforderung stellten sich die Journalistik-Studierenden Friederike Rohmann und Kahwe Mohammady als Interviewer bei der letzten Ausgabe der Ringvorlesung „Reporter, Reporter, Kriegsreporter“ am 21. Januar.  

Zu den Themen Flucht und Vertreibung nahm Olaf Ihlau unterschiedliche Perspektiven ein. Zum einen die Sicht des Betroffenen. Als Dreijähriger flüchtete er mit seiner Mutter vor der sowjetischen Armee aus dem brennenden Königsberg und erfuhr am eigenen Leib, wie schwierig Integration sein kann. „Und zwar nicht als Syrer, sondern als Deutscher. Flüchtling zu sein und noch dazu evangelisch in einer stockkatholischen Umgebung ist nicht erstrebenswert.“ Aus Hunger begab sich Ihlau mit seinem Vater auf Hamstertouren und musste wieder flüchten – dieses Mal vor Hunden, die wohlhabende Bauern auf ihn hetzten. Am Sterbebett seiner Mutter versprach er, die Erlebnisse von damals festzuhalten. So entstand sein Werk „Der Bollerwagen – Unsere Flucht aus dem Osten“, das 2014 erschienen ist.

Ein zweites Palästina auf dem Balkan?

Zum anderen nimmt Ihlau zum Thema Flucht die Sicht des Experten ein: Als ehemaliger Jugoslawien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung blickt er mit Sorge auf den Balkan und ist überzeugt: Die Flüchtlinge, die dort eintreffen, gehen nicht freiwillig auf ein Boot, das sie zurück in die Türkei bringt. Gleichzeitig befinden sich Islamisten vom Balkan unter den Kämpfern des sogenannten Islamischen Staats in Syrien. Ihlau befürchtet zudem, das von Kroaten, Serben und Muslimen bevölkerte Bosnien-Herzegowina könnte auseinanderbrechen. Die Folge wäre ein zweites Palästina – mitten in Europa. „Der Balkan wird ein blutiges Comeback erleben“, ist Ihlau überzeugt. Die Balkanstaaten zu sicheren Herkunftsländern zu erklären, hält er trotzdem für richtig. Wenn man nicht Platz für alle habe, können man eben nur die aufnehmen, die am dringendsten Schutz benötigen.

Das 21. Jahrhundert wird das von Indien sein

Auch in Bezug auf Indien hielt sich der 73-Jährige nicht mit Prognosen zurück. Das „abstoßendste, faszinierendste und bunteste Land der Welt“ habe der chinesischen Konkurrenz etwas voraus. China wirke nach außen hin „wie ein Monolith, stark und mächtig“, aber innen brodle es. Im demokratischen Indien hingegen könne zwar ein Premierminister kippen, wenn die Zwiebelpreise zu hoch seien, und die Bürokratie arbeite sehr langsam. Aber dafür habe es aber nie einen Putschversuch der Armee gegeben. Das 21. Jahrhundert, glaubt Ihlau, werde das von Indien sein.  

Neben Indien gehört auch Afghanistan zu den Ländern, aus denen Ihlau berichtete. Wie viele Kriegsreporter sah er sich immer wieder gefährlichen Situationen ausgesetzt. Auf einer Fahrt nach Herat, eine Stadt im Westen Afghanistans, wurde sein Fahrzeug von den Mudschahedin attackiert. „Das ist nicht so angenehm, wenn Sie im Panzer sitzen und Gewehrkugeln dagegen knallen.“ Auf die Frage, ob er keine Angst gehabt habe, entgegnete Ihlau trocken: „Da schwitzen Sie dann schon.“

Olaf Ihlau verschonte auch seinen früheren Arbeitgeber, den Spiegel nicht und kritisierte ihn wegen seiner Russland-Berichterstattung. „Wenn der Spiegel mehr und mehr Mainstream wird, dann brauche ich mir den gar nicht mehr zu kaufen.“ Es werde regelrechtes „Putin-Bashing“ betrieben – was Ihlaus Meinung nach „zu gar nichts“ führe. „Wer hat denn die Ukraine in diesen Konflikt gedrängt? Das waren die Amerikaner! Natürlich wollten die langfristig an die Krim herankommen, um die russische Flotte zu vertreiben. Das müsste mal aufgeschrieben werden!“

Traumberuf Journalist

Fast wäre Ihlau deutscher Botschafter in Indien geworden. 1998 schlug ihn der damalige Bundeskanzler für den Posten in Delhi vor – mit dem Wissen, dass sich der Indienkenner im Gegensatz zu manch anderen Diplomaten öfter aus dem Büro hinauswagen würde. Ihlau hätte den Job gern gemacht, doch im Auswärtigen Amt gab es Widerstand gegen Quereinsteiger; er wurde auf das nächste Jahr vertröstet. Das ließ sich der Auslandskorrespondent nicht gefallen - „zumal das Dasein als Botschafter mitunter langweilig ist“.

Trotz zahlreicher Ortswechsel weiß Ihlau genau, wo er hingehört: „Heimat ist da, wo die Bücher sind, die Familie und die Kneipe.“ Und passend zu einer Veranstaltung, die von Journalistik-Studenten organisiert und besucht wird, brach Ihlau nebenbei eine Lanze für das Metier: „Es gibt keinen schöneren Beruf, als Journalist zu sein.“

Von Lisa Kutteruf

Die von Honorarprofessor Ruprecht Eser ins Leben gerufene Ringvorlesung „Reporter, Reporter, Kriegsreporter“ wird von der Abteilung Journalistik der Universität Leipzig ausgerichtet und von der Robert Bosch Stiftung unterstützt. Zum Moderationsteam gehörten Lauren Ramoser, Friederike Rohmann, Kahwe Mohammady, Anni Lindgren, Nina Monecke, Nadja Neqqache und Christoph Schäfer. Das Filmteam bildeten Sophie Aschenbrenner, Maria Gramsch, Angela Kreß von Kreßenstein, Natalie Montag, Julia Regis und Lisa Kutteruf. Sie alle studieren im ersten Semester des Journalistik-Masters.

Ausblick

Im nächsten Semester setzt sich die Ringvorlesung unter dem Motto „Reporter, Reporter, Sportreporter“ fort. Als Gäste werden unter anderem Béla Réthy (ZDF), Jessica Kastrop (Sky) und Thomas Kistner (Süddeutsche Zeitung) erwartet.

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