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Lach- und Sachgeschichten – Die Macher von „Die Anstalt“ diskutieren in Leipzig

Schlagzeilen Lach- und Sachgeschichten – Die Macher von „Die Anstalt“ diskutieren in Leipzig

Sie blicken dorthin, wo es schmerzt. Mit inhaltlicher Schärfe und bitterbösen Pointen beleuchten die Kabarettisten von „Die Anstalt“ Zusammenhänge hinter den Schlagzeilen.

Quelle: Johnas Schreijäg

Leipzig. Sie blicken dorthin, wo es schmerzt. Mit inhaltlicher Schärfe und bitterbösen Pointen beleuchten die Kabarettisten von „Die Anstalt“ Zusammenhänge hinter den Schlagzeilen. Und erreichen damit auch politikferne Zuschauer. Ist Satire der neue Journalismus? Claus von Wagner und Dietrich Krauß haben darüber am Mittwoch mit dem Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger diskutiert.

Mit den Machern von „Die Anstalt“ darüber zu diskutieren, ob Kabarett der neue Journalismus ist – diese Chance wollten sich viele nicht entgehen lassen. Bereits eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn sind die Reihen des Hörsaals an der Uni Leipzig komplett besetzt. Die Leipziger Journalistik hatte den Kabarettisten Claus von Wagner und den Rechercheur Dietrich Krauß zum Gespräch mit Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger geladen.

Zusammen mit Max Uthoff verbinden die beiden einmal im Monat Satire mit guter Recherche. Das Konzept der Sendung: kaum beleuchtete Hintergründe des alltäglichen Medienrauschens, kombiniert mit beißendem Sarkasmus, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Für Informationen über Griechenland oder Pegida trauen viele Zuschauer der „Anstalt“ mittlerweile besseren Journalismus zu als den großen Tageszeitungen; auch, weil sie Defizite des publizistischen Arbeitens entlarven.

Hier geht es zum Kurzinterview mit den „Die Anstalt“-Kabarettisten

Was machen die Kabarettisten besser als Journalisten? „Wir tragen einfach nur Standardfakten zusammen. Das wird als wahnsinnige journalistische Leistung wahrgenommen“, sagt Dietrich Krauß lakonisch. „Offenbar fällt das schon auf, weil in dieser Informationsmühle der Blick für die großen Fragen verloren geht.“ An den Berichten über Griechenland störe ihn häufig die Faktenfreiheit und der Mangel an großen Zusammenhängen, aus denen eine Art Meta-Journalismus entstehe. „Wir wissen nichts über den Inhalt, berichten aber trotzdem darüber. Es kann doch nicht sein, dass eine ARD-Anstalt anonyme Gerüchte raushaut, nur damit was gesagt ist“, findet Krauß.

Claus von Wagner beobachtet eine „merkwürdige Sperre gegen Informationen bei Journalisten“. Einen Schritt zurückzutreten, während alle anderen Zeitungen etwas über das Thema bringen, sei schwer. Dennoch rät er: Wenn es nichts Neues gibt, im Zweifel lieber das große Ganze betrachten, die Geschichte in ein Narrativ einordnen. „Das erfordert Mut und Anstrengung. Aber das ist es auch, was die Leute suchen: Orientierung“, stellt von Wagner klar. „Warum sie da zu uns kommen, weiß ich auch nicht.“

 Vielleicht, weil sich „Die Anstalt“ nicht im alltäglichen Kleinklein verliert, sondern Themen meinungsstark so aufbereitet, dass sie die Zuschauer verstehen: Das passiert nicht irgendwo weit weg und tangiert mich nicht, das geht mich etwas an. Es ist eine der Stärken des Formats, dass der Zuschauer am Ende mit einem bitteren Nachgeschmack zurückbleibt. „Wir wollen mit Themen so umgehen, dass die Leute verstehen, warum sie relevant sind“, erklärt von Wagner.

Dietrich Krauß vermisst in den etablierten Medien zudem strittige Themen, zu konform ist ihm die Herangehensweise an komplexe Sachverhalte. Es entstehe sehr schnell ein Konsens, abseits dessen keine Meinung existiere. Dadurch gehen andere Perspektiven auf vielschichtige Konflikte unter. „Wenn ich den Leuten Komplexität nicht zumuten will, lande ich halt im Ressentiment“, stellt Krauß heraus. Es krankt freilich nicht nur an der Arbeit einzelner Journalisten, sondern auch an Konkurrenz und Zeitdruck. Unter diesen prekären Arbeitsbedingungen Qualitätsjournalismus zu produzieren, ist schwierig, das ist den Machern der „Anstalt“ bewusst. „Klar haben wir den Luxus, zu reflektieren und auch mal in eine Sackgasse zu laufen. Wir können die Sau, die grade durchs Dorf getrieben wird, vorbeilaufen lassen und dann eine von ganz früher nehmen“, räumt Claus von Wagner ein.

Der Bedarf an unterhaltender Information ist da, das zeigen die Fragen aus dem Publikum. Mancher wünscht sich, dass die Kabarettisten gar seriösen Journalismus machen. „Ihr macht eure Sache richtig gut. Nur: Warum muss am Ende immer noch ein Witz gerissen werden?“, fragt einer. Satire sei ihre einzige Legitimation, ihre Meinung zu verbreiten, antwortet Dietrich Krauß. „Wir dürfen das alles nur, weil wir auch unterhalten.“ Wer den Irrsinn der Welt persifliert, hat die Narrenfreiheit, den Finger in die Wunde zu legen.

„Satire lebt davon, dass man Widersprüche rauskitzelt, die einen Witzfaktor haben. Das muss kein Schenkelklopfer sein, aber immer eine Zuspitzung. Und ich liebe auch einfach einen guten Witz“, sagt Claus von Wagner. „Kommt das auch bei Zuschauern an, die sich sonst nicht mit dem politischen Geschehen auseinandersetzen?“, kommt die Frage aus dem Publikum; eine These, die auch in vielen Rezensionen über die Sendung aufgestellt wurde. Von Wagner schließt sich dieser an: „Nach der Sendung kommen Leute zu uns, die anpolitisiert sind. Es gibt auch Zwölfjährige, die Passagen aus unserem letzten Stück auswendig können. Die jungen Leute entdecken das altmodische Kabarett neu.“

Was können sich also Journalisten von den Kabarettisten abschauen? Von Wagner plädiert dafür, offen an Themen heranzugehen, Lust darauf zu haben, den Dingen auf den Grund zu gehen. Eigentlich selbstverständlich, aber gar nicht so leicht, wenn einem die Deadline im Nacken sitzt. „Ich sage nicht, dass es einfach ist“, stellt von Wagner heraus. „Aber du musst trotzdem die Grundgeschichte erklären, immer wieder. Die Kirche macht das seit Jahren. Dann muss man halt mal den lustigen Rausschmeißer weglassen bei der Tagesschau.“

Elisabeth Kimmerle

„Die Anstalt“-Kabarettisten im Kurzinterview

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