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Mit Neugier, Respekt und festen Schuhen in den Krieg

Journalistik-Forum Mit Neugier, Respekt und festen Schuhen in den Krieg

Mit dem Gast Alexander von Sobeck startete das Journalistik-Forum in das neue Semester. Der langjährige ZDF-Auslandskorrespondet erklärte, was es braucht, um Journalist zu sein, welche Schrecken ihm als Kriegsreporter begegnet sind und wie drastisch Bilder in den Medien sein dürfen.

Alexander von Sobeck beim Leipziger Journalistik-Forum.

Quelle: Campus

Leipzig. Pinke Socken mit schmalen türkisfarbenen, gelben und roten Streifen, eine Elefanten-Krawatte und das passende Einstecktuch dazu: Alexander von Sobecks Auftritt beim Leipziger Journalistik-Forum war nicht nur wegen seines Outfits ein Hingucker. Der Leiter des ZDF-Studios in Rom hatte eines der letzten Flugzeuge erwischt, bevor am vergangenen Freitag der Streik der Flugbegleiter der Lufthansa beginnen sollte. Als erster Gast des diesjährigen Leipziger Journalisten-Forums war er schließlich unverzichtbar – sollte er doch über seine langjährige Erfahrung als Kriegs- und Krisenreporter erzählen. Wie er denn zurück in die italienische Hauptstadt komme, wollte Mitveranstalter Ruprecht Eser wissen. „Ich habe einen Plan B“, antwortete der Journalist und zupfte die Elefanten-Krawatte zurecht.

Dieser berühmte Plan B, er sei auch in den Kriegen dieser Welt unbedingt notwendig, betonte von Sobeck: „Man muss immer wissen, wie man seine Leute sicher nach Hause bekommt.“ Als er zum ersten Mal als Reporter ins Ausland ging, war er kaum älter als die meisten seiner Zuhörer im gut besuchten Hörsaal 7 aus dem Journalistik-Master und anderen Studiengängen. Mit 27 Jahren hatte er seinen ersten Einsatz im Krieg in Angola. „Am Anfang wohl vor allem aus Dummheit und Naivität.“

Einer der letzten pubertären Berufe

Er spielte auf das an, was vor allem die Nachwuchs-Journalisten im Publikum interessierte: Von welchem Schlag Mensch muss man sein, was braucht man für diesen Job, was treibt einen an? Wohl auch die Lust auf Abenteuer und Gefahr, wie die Interviewer Arnold Wande und David Holland aus dem ersten Semester des Journalistik-Masters mutmaßten. „Ist es nicht einer der letzten pubertären Berufe?“, fragte Wande und deutete an, dass wohl auch Spaß dazugehört. Natürlich habe er auch die „Lust auf Grenzerfahrungen“ verspürt, räumte von Sobeck ein. Sein zweiter wertvoller Begleiter sei aber stets auch die Angst gewesen: „Die hat mich davor bewahrt, allzu unvorsichtig und riskant zu agieren.“

Der langjährige Korrespondent erzählte auch, wie viele Kollegen ein solches Leben mit ihrem eigenen bezahlt haben. „Dennoch ist es unsere Pflicht als Journalisten, über diese Dinge zu berichten“, sagte von Sobeck. „Diese Dinge“, damit meinte er etwa den Völkermord in Ruanda, als sich sein Kameramann angesichts von Leichenbergen neben ihm übergeben musste. Oder als einem anderen Kollegen in einem Waisenhaus in Rumänien links und rechts Tränen die Wangen herunterliefen. Oder als eine Frau in Afghanistan ihm ihr Bündel von Kind, das keine Arme und Beine mehr hatte, mit nach Deutschland geben wollte.

„Eierlegende Wollmilchsau“

„Ich bin immer dafür, die Dinge so drastisch zu zeigen, wie sie sind“, sagte von Sobeck und erinnerte an die Diskussion über die Fotos des toten Flüchtlingsjungen Aylan im Sommer. „Wir müssen diese Geschichten erzählen und die Bilder zeigen.“ Und er betonte: „In Zukunft müssen Journalisten mehr noch als bisher die eierlegende Wollmilchsau sein.“ Ein crossmedialer Ansatz, wie er in Leipzig gelehrt wird, ist für von Sobeck daher geradezu unerlässlich. Angesichts immer weniger analoger, sondern komplexerer und asymmetrischer Kriege sei es mehr denn je die Aufgabe von Redakteuren, die Geschehnisse einzuordnen. Die Krim-Krise etwa ließe sich ohne ein Wissen über Putins Interessen in der Ukraine nicht verstehen.

Während der Zweiten Intifada arbeitete von Sobeck als Korrespondent in Tel Aviv. Wie wichtig es ist, als Reporter immer beide Seiten zu betrachten, wurde besonders bei diesem Thema deutlich. Ob objektiver Krisen- und Kriegsjournalismus überhaupt möglich sei, wollten die Zuschauer bei den zwei Fragerunden, die Moderator Ole Steffen führte, dann wissen. „Man ist gut beraten, sich selbst immer wieder zu hinterfragen, in Rücksprache mit der eigenen Redaktion zu bleiben und genau zu recherchieren.“ Die Möglichkeiten, Bilder oder gleich eine vermeintliche Wahrheit zu fälschen, seien heutzutage zahlreich. Auch deshalb dirigiert der Satz „Was im Krieg immer zuerst verloren geht, ist die Wahrheit“ die gesamte Diskussion.

Von Sobeck gab aber auch ganz simple Tipps, etwa, dass Anzug und Krawatte in einer Krisenregion schon als Schutz fungieren können, weil sie den Journalisten rein optisch als neutral kennzeichnen. Und: „Festes, gutes Schuhwerk ist das A und O“. Ob er in seinen Schuhen in seiner Zeit als Kriegsreporter auch die pinken Socken mit den bunten Streifengetragen hat, ist eine der wenigen Fragen, die an diesem Abend offen blieben. 

Hanna Voß

 

Die von Honorarprofessor Ruprecht Eser ins Leben gerufene Ringvorlesung wird von der Robert Bosch Stiftung unterstützt und der Abteilung Journalistik der Universität Leipzig ausgerichtet. Das Video über Alexander von Sobeck erstellten Markus Lücker und Theresa Hellwig im Rahmen der Lehrredaktion Fernsehen. Zum weiteren Team gehörten Sarah Emminghaus, Susanne Große, Vera Podskalsky und Hanna Voß. Zum Moderatoren-Team zählten Arnold Wande, David Holland, Daniel Salpius, Denis Gießler, Ole Steffen und Hermann Bessonov. Sie alle studieren im ersten Semester des Journalistik-Master.

 

Ausblick

Zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung werden in den kommenden Wochen folgende Gäste erwartet:

19. November 2015 Antonia Rados: RTL Chefreporterin Ausland, u. a. Afghanistan, Irak, Libyen, Ägypten, Kosovo, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, Deutscher Fernsehpreis

10. Dezember 2015 Golineh Atai: ARD Studio Moskau mit Schwerpunkt Ukraine-Berichterstattung, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und 2014 "Journalistin des Jahres" des Medium Magazins.

7. Januar 2016 Jörg Armbruster: ehem. ARD-Korrespondent Naher und Mittlerer Osten, 2013 im nordsyrischen Aleppo schwer verletzt, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und Ehrenpreis des Bayerischen Fernsehpreises 2015

21. Januar 2016 Olaf Ihlau: Sachbuchautor, ehem. Auslandsressortleiter "Spiegel" und Korrespondent in Belgrad, Athen, Neu Delhi und London.

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