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Nicht nur durch die Schießscharte schauen

Journalistik-Forum Nicht nur durch die Schießscharte schauen

Lange Zeit berichtete Jörg Armbruster als Korrespondent aus dem Nahen Osten. Als Kriegsreporter versteht er sich trotzdem nicht. In der Universität Leipzig sprach er über seinen Beruf, die Lage im Nahen Osten und warum er den Sinn schusssicherer Westen bezweifelt.

Jörg Armbruster beim Journalistik-Forum

Quelle: Theresa Held

Leipzig. Eigentlich wollte Jörg Armbruster die Einladung ins Leipziger Journalistik-Forum gar nicht annehmen. Da die Veranstaltungsreihe in diesem Semester unter dem Motto „Reporter, Reporter, Kriegsreporter“ steht, fühlte sich der frühere ARD-Korrespondent fehl am Platz. „Ich sehe mich einfach nicht als Kriegsreporter“, betonte Armbruster gleich zu Beginn des Abends. Er hätte während seiner Auslandseinsätze über alles berichten wollen, was das Leben vor Ort bestimmte. Dazu zählten neben Kriegen im Arbeitsgebiet des Korrespondenten für ihn vor allem  die Menschen, ihr Alltag und ihre ganz persönlichen Geschichten. Den sogenannten „Blick durch die Schießscharte“, bei vielen Kriegsreportern beliebt, findet er nicht ausreichend.

Bevor Jörg Armbruster als Korrespondent in den Nahen Osten ging, durchlief er eine klassische öffentlich-rechtliche Fernsehkarriere. Als Reporter und Moderator arbeitete er lange Zeit im Regionalen für den Süddeutschen Rundfunk (SDR). 1999 bekam er erstmals die Möglichkeit, für die ARD nach Kairo zu gehen. Wie er das geschafft habe, wollten die beiden Interviewerinnen Anika Reker und Hanna Voß wissen. Viel Glück, Interesse an der Region und seine Bereitschaft, in eine fremde Kultur und Sprache einzutauchen, seien ausschlaggebend gewesen. „Das Wichtigste ist, dass man sich von Klischees loslöst“, erklärte der ehemalige Korrespondent den gespannten Zuhörern im gut gefüllten Hörsaal.

Während seiner Zeit in Ägypten war Armbruster bei Ereignissen von weltpolitischer Bedeutung live dabei. Ein sehr prägender Tag sei für ihn der 11. Februar 2011 gewesen. Zum Höhepunkt der Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo hatte er eine Live-Schalte in der Tagesschau. Gerade in diesem Moment wurde der Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Mubarak bestätigt, und die Menge brach in Jubel aus. Daraufhin war er 45 Minuten lange live auf Sendung. Obwohl sich die politische Situation in Ägypten trotz anfänglich erkämpfter Erfolge der Revolution verschlechtert hat, wertet der Journalist diese trotzdem nicht als gescheitert. Auch in Deutschland hätte es von der Märzrevolution 1848 bis zur Gründung der Bundesrepublik 101 Jahre gedauert. „Dazwischen haben wir ziemlich viel Mist gemacht.“

Ohne kugelsichere Weste im Einsatz

Weltweit wurden im vergangenen Jahr nach Angaben der Nichtregierungs-Organisation „Reporter ohne Grenzen“ 110 Journalisten bei ihrer Arbeit getötet. Dass sein Job gefährlich ist, musste auch Jörg Armbruster am eigenen Leib erfahren. Nachdem er Ende 2012 seine Karriere als Korrespondent beendet hatte, reiste er wenig später für eine Dokumentation eigenständig nach Syrien. Am Karfreitag 2013 geriet er in Aleppo in einen Schusswechsel und wurde dabei schwer verletzt. Interviewerin Hanna Voß fragte Armbruster, ob es ihn nerve, dass alle ihn immer auf seine Verletzung ansprechen. Armbruster erwiderte trocken: „Sie fangen ja auch damit an.“ Nach einem kurzen Blick auf die Uhr erwiderte Voß: „Aber erst nach einer Stunde.“ Darüber musste auch Armbruster lachen.

Warum er an jenem Tag keine kugelsichere Weste trug, kann er ganz einfach erklären: „Wir haben in einer Schule gedreht. Hätte ich eine schusssichere Weste getragen, hätte ich den Schülerinnen signalisiert, dass ich ihnen misstraue.“ Die Schutzweste wirke auf den Interviewpartner wie eine Ritterrüstung und dies sei ein Eindruck, den er bei seinen Drehs möglichst vermeiden wollte.

Heute würde Jörg Armbruster nicht mehr in die syrischen Gebiete gehen, in denen er als Korrespondent oft gearbeitet hat. Das Risiko sei einfach zu hoch. Zum einen durch die Bedrohung des sogenannten Islamischen Staates, dessen Einfluss man nicht unterschätzen dürfe, zum anderen wegen der Gefahren, die von Assads Regime ausgehen, das mindestens genauso grausam vorgehe. Die Überlegungen westlicher Länder, mit dem Diktator zu verhandeln, sind für ihn nicht nachvollziehbar: „Das Assad-Regime ist nicht das kleinere Übel, es ist schlicht ein Übel.“ Dass Syrien jemals wieder zu dem Staat werden wird, den Armbruster während seiner Arbeit kennen und lieben gelernt hat, bezweifelt er. Jeden Tag werde es mehr zerbombt, ein normales Leben sei dort nicht mehr möglich.

Über die Frage, ob er mit seiner Arbeit etwas bewirkt habe, dachte Armbruster länger nach. Er wisse zwar nicht, was er mit seiner journalistischen Tätigkeit konkret verändert habe, doch ihm bleibe die Hoffnung, dass er den Blick der Bevölkerung auf den Nahen Osten schärfen konnte. Und seine Entscheidung, Korrespondent zu werden, bereue er bis heute nicht. „Ich habe wirklich viel erlebt, und würde trotz der Ereignisse in Aleppo jederzeit wieder denselben Beruf ergreifen.“

Von Theresa Held und Sarah Schneidereit

Die von Honorarprofessor Ruprecht Eser ins Leben gerufene Ringvorlesung wird von der Robert Bosch Stiftung unterstützt und von der Abteilung Journalistik der Universität Leipzig ausgerichtet. Zum inhaltlichen Team gehörten Sarah Emminghaus, Susi Große, Markus Lücker, Vera Podskalsky, Anika Reker und Hanna Voß. Zum gestalterischen Team zählten Isabell Bergner, Dennis Blatt, Elena Boshkovska, Theresa Held, Raja Kraus und Sarah Schneidereit. Sie alle studieren im ersten Semester des Journalistik-Masters.

Ausblick

Zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung wird noch folgender Gast erwartet:

21. Januar 2016 Olaf Ihlau: Sachbuchautor, ehem. Auslandsressortleiter "Spiegel" und Korrespondent in Belgrad, Athen, Neu Delhi und London.

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