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Norbert Blüm: „Wer Harmonie sucht, der muss in den Kirchenchor“

Prominenter Gast in der Lehrredaktion Campus Norbert Blüm: „Wer Harmonie sucht, der muss in den Kirchenchor“

Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm war in dieser Woche zu Gast an der Universität Leipzig. Mit Journalistik-Studenten sprach der Mann, den sogar Sarah Wagenknecht lieber als Bundespräsidenten hätte, über Trump, Europa, die Rente und darüber, was er eigentlich in der CDU macht.

Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm im Interview an der Universität Leipzig

Quelle: Elena Boshkovska

Leipzig. Vor 13 Jahren war Norbert Blüm schon einmal in Leipzig. Es sind wohl kaum schöne Erinnerungen, die er mit diesem Besuch verbindet. Damals wurde er auf dem CDU-Parteitag ausgebuht. Gemeinsam mit vier anderen Delegierten hatte er gegen die Einführung einer Kopfpauschale gestimmt. Einen „kollektiven Orgasmus“ nennt er diesen Parteitag rückblickend, als der 81-Jährige in dieser Woche auf Einladung von Prof. Ruprecht Eser und Jun.-Prof. Dr. Markus Beiler vor Journalistik-Studenten der Universität Leipzig sitzt. Und er bleibt bei seiner Entscheidung: „Das war doch richtig. Es durfte nicht sein, dass jeder, unabhängig von Einkommen und Vermögen, den gleichen Betrag zu zahlen hat!“

Nicht umsonst galt Blüm während seiner 16 Jahre als Arbeits- und Sozialminister unter Kohl als das soziale Gewissen der CDU. Bis 2001 war er stellvertretender Bundesvorsitzender der Partei, ein Jahr später schied er aus dem Bundestag aus. „Soziales Gewissen“ kann man ihn aber immer noch nennen: 2015 unternimmt er eine Undercover-Reise nach Katar, um sich von den Arbeits- und Lebensbedingungen der Gastarbeiter ein Bild zu machen. Im März dieses Jahres übernachtet er eine Nacht im Zelt im Flüchtlingslager Idomeni in Griechenland.

Er - der von sich selbst sagt, nie zum „Merkel-Fanclub“ gehört zu haben - stellt sich in der Flüchtlingsfrage hinter die Kanzlerin. Bei der Verteilung von Asylsuchenden in der Europäischen Union fordert er härtere Verhandlungen mit Ländern wie Polen und Ungarn. Dabei müsse man auch an die Geschichte dieser Länder erinnern: „Die, die von Europa gerettet wurden, die den Eisernen Vorhang weghaben wollten, die wollen jetzt wieder Zäune bauen - das kann nicht sein.“

Über die Verfechter von Zäunen, Abgrenzung, Nationalstaaten, wie Trump oder die AfD regt sich Blüm  auf. „Das ist ja wie die Vogelseuche – wir werden umzingelt von der Rückkehr ins 19. Jahrhundert.“ Blüm plädiert dafür, solchen rechtspopulistischen Strömungen ideell entgegenzutreten und wünscht sich eine kräftigere, streitlustigere Sprache. Er sehne sich nach Zwischenrufen im Bundestag, nach mutigen Rednern und auch nach mehr Meinung in den Medien. Blüm bietet gewissermaßen Linkspopulismus, der genauso auf die Marktplätze und an die Stammtische gehöre wie die Parolen der AfD. „Wir kriegen das, was wir wollen, nicht einfach so. Wir müssen dafür einstehen. Das wisst ihr hier in Leipzig doch am besten.“

Die größte Herausforderung bestehe künftig darin, die Überwindung des Nationalstaates auf der einen und den Wunsch vieler Bürger nach regionaler Identität und Zugehörigkeit auf der anderen Seite politisch zu vereinen. Wie das gelingen kann, sagt Blüm allerdings nicht. Die Lösungen soll die nächste Generation entwickeln.

Konkreter wird er beim Thema Rente. Die Riester-Rente und damit die staatliche Förderung privater Altersvorsorge hält er für einen Fehler. Stattdessen müsse die gesetzliche Rentenversicherung wieder gestärkt werden. Die jüngsten Vorschläge von Andrea Nahles, beim Rentenniveau bis 2045 eine Haltelinie von 46 Prozent einzuführen, hält er für unzureichend. 51 Prozent sollten es mindestens sein, findet er. Das gleiche fordert die Linkspartei. Warum er eigentlich in der CDU ist? „Das weiß ich auch nicht“, ist Blüms spontane Antwort. Die lässt er dann aber doch nicht so stehen. Auch in einer Partei sei es gut zu streiten: „Wer Harmonie sucht, der muss in den Kirchenchor.“

Julia Regis

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