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Réthy: "Wer die Kohle hat, bestimmt die Musik"

Leipziger Journalistikforum Réthy: "Wer die Kohle hat, bestimmt die Musik"

Bekannt für seine Stimme und seine Sprüche, wurde Béla Réthy vielfach ausgezeichnet und kritisiert. Im Leipziger Journalistik-Forum sprach der ZDF-Kommentator über den Reiz der Live-Berichterstattung, das Geld im Fußball und den Sieger der kommende EM 2016.

Béla Réthy beim Leipziger Journalistik-Forum.

Quelle: Ole Steffen

Leipzig. Zum Glück ist Béla Réthy nicht Gebärdendolmetscher beim Nachrichtensender Phoenix. Das sagt der ZDF-Kommentator zwar gern, wenn ihn jemand auf der Straße anspricht und nicht darauf kommt, woher er ihn kennt. Einen unpassenderen Job für den 59-Jährigen kann man sich aber kaum vorstellen. Sein Markenzeichen ist schließlich seine markante Stimme. Die sorgte auch am vergangenen Donnerstag im Leipziger Journalistik-Forum für Stadion-Feeling – 90 Minuten lang, vor vollbesetzten Rängen.

Seit über 40 Jahren arbeitet Béla Réthy für das ZDF, lernte dort bei Marcel Reif. Er kommentierte Fußball-Endspiele bei Europa- und Weltmeisterschaften, Champions League Finals und die Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Dass ihm dabei Millionen Menschen zuhören, macht ihn nicht nervös. „Ich war schon bei meinem ersten Live-Spiel nicht aufgeregt. Wahrscheinlich bin ich da ein bisschen autistisch veranlagt“, sagt er scherzhaft.

Selbst als er 1996 kurz vor Anpfiff des EM-Endspiels Deutschland - Tschechien versehentlich seine Notizen vom Laptop löschte, blieb er entspannt. Statt in Panik auszubrechen, habe er erstmal eine Tierdoku auf BBC geschaut, erzählt Réthy. Seine Notizen schrieb er letztlich aus dem Gedächtnis auf einen Pizzakarton. Beim EM-Halbfinale 2008 hatte er zwar seine Aufzeichnungen, die Zuschauer aber kein Bild – und der Fernsehkommentar schaltete um auf Radioreporter  Wie man in solchen Situationen cool bleibe? „Das ist Rock’n’Roll, deshalb ist man Live-Reporter. Das Spiel selbst ist unvorhersehbar.“ Zu wichtig will sich Réthy aber nicht nehmen. „Wir sind die Vermittler eines Ereignisses, deshalb schalten die Leute ein. Nicht, weil da einer rumlabert.“

Videobeitrag: Susi Große und Arnold Wande

Seine große Gelassenheit merkt man ihm auch an diesem Abend im Gespräch mit den Journalistik-Studentinnen Elena Boshkovska und Hanna Voß an. Selbst, als es um die zahlreichen Anfeindungen gegen ihn auf Facebook und Twitter geht. „Diese Kritik überfordert mich intellektuell. Das sind keine repräsentativen Meinungen.“ Als Kommentator beleidigt zu werden, gehöre eben dazu, so Réthy. Mal wird er als „Bayernschwein“ beschimpft, mal soll er die schwarz-gelbe Brille aufgehabt haben. Dabei schlägt sein Fußball-Herz für Eintracht Frankfurt und Mainz 05. Im Job blendet er das aber aus. „Wenn das Spiel läuft, bist du höchstens noch Fan des Ereignisses, des Spiels.“

Die große Faszination für Fußball liegt für Réthy im „Reiz des Augenblicks“. Während des Spiels vergesse man korrupte Fifa-Funktionäre, gekaufte Sommermärchen oder Vereinsfinanzen. Die Kritik an RB Leipzig und dessen Sponsor Dietrich Mateschitz findet Réthy heuchlerisch. „Man tut so, als würden große Vereine von der Stütze leben. Man sollte da nicht mit zweierlei Maß messen.“ Auch der englische Sensationsmeister Leicester City sei kein Dorfverein, der sich durch Mitgliedsbeiträge finanziere. „Wer die Kohle hat, bestimmt die Musik.“

Klare Worte findet Réthy auch als Botschafter der Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“. Dagegen müsse man sich immer wieder ganz laut positionieren. „Rassismus ist keine politische Haltung, sondern eine Krankheit.“ Für seine Sprüche wurde Réthy aber selbst schon als Rassist kritisiert. 2013 gab es eine Programmbeschwerde, weil er während eines Länderspiels USA – Deutschland über die wechselhaften Leistungen der US-Nationalmannschaft gesagt hatte: „Sie verlieren auch mal gegen irgendwelche Kokosnussinseln.“ Die geforderte Stellungnahme habe er verweigert. „Das war nicht rassistisch.“

Audiobeitrag: Lauren Ramoser

Als Journalist brauche man eben ein dickes Fell. Immer hartnäckig bleiben, rät Réthy den anwesenden jungen Journalisten. Immer weiterfragen, auch wenn der Gegenüber Pep Guardiola oder ein übel gelaunter Jürgen Klopp nach einem verlorenen Spiel ist. „Es gibt sicher dankbarere Aufgaben. Ein Interview mit Jürgen ist doch aber besser als mit jemandem, der nur sagt ‚Wir freuen uns aufs nächste Spiel und wollen drei Punkte holen‘.“

Gerade bereitet sich Réthy auf das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft in Frankreich vor. Mit dem vorläufigen deutschen EM-Kader ist er zufrieden. „Für Löw spielt der Teamgedanke und Mentalität eine große Rolle. Von daher kann man verstehen, dass Podolski dabei ist, sportlich nicht. Sonst hätte man auch Jan Böhmermann mitnehmen können, wenn man was Witziges haben will.“

Und obwohl Journalisten laut Réthy nicht tippen sollten, gibt er nach kurzem Zögern zum Schluss doch noch eine Prognose ab. Sein Europameister 2016: Deutschland.

Text: Nina Monecke

Demnächst im Leipziger Journalistik-Forum (LeJoFo)

In diesem Semester steht das Leipziger Journalistik-Forum, organisiert von Honorarprofessor Ruprecht Eser und gefördert von der Brost-Stiftung, unter dem Motto “Reporter, Reporter, Sportreporter”. Marcel Reif (Sky) machte am 21. April den Auftakt, gefolgt von Michael Horeni (FAZ). Es folgen außerdem:

26. Mai Bernd Schiphorst (Aufsichtsratsvorsitzender Hertha BSC)

9. Juni Jessica Kastrop (Sky)

Das Leipziger Journalistik-Forum findet in der Zeit von 17.00 bis 19.00 Uhr im Hörsaal 7 auf dem Campus Augustusplatz der Universität Leipzig statt.

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