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Tiermedizin-Studierende zeigen Herz für Hund und Herrchen

"Bunter Hund" Tiermedizin-Studierende zeigen Herz für Hund und Herrchen

Der Leipziger Verein „Bunter Hund“ kümmert sich um die Tiere von wohnungslosen und suchtkranken Menschen. Tiermedizin-Studierende haben ihn gegründet und assistieren bei den Sprechstunden. Ein Praxisbesuch.

Zum ersten Mal beim "Bunten Hund". Hund Boba wird untersucht.

Quelle: Hanna Voß

Leipzig. Pfotenspuren neben Fußabdrücken weisen den Weg durch den Schnee. Zwei Discounter verstellen den Blick auf das niedrige flache Dach der Tierarztpraxis von Martina Menzel. Vor der Tür wartet eine Frau, die sich so tief in die dunkle Ecke neben dem Eingang gedrückt hat, dass sie beinahe mit ihr verschmilzt. Ihre gefärbten Haare sind ungekämmt, die Augen liegen in schwarzen Höhlen, eine Zigarette zittert zwischen ihren dünnen Fingern. Ihre Hündin, klein, schwarz-weiß und flauschig, rennt vor ihr auf und ab. Es scheint, als hätte sie ihrer Besitzerin jede Energie gestohlen. Die kann den schnellen Bewegungen kaum folgen.

Drinnen, im Wartezimmer: viele junge Frauen, zwei junge Männer ganz in Schwarz, zwei Hunde, lautes Gebell, ein Tresen für die Anmeldung, darauf eine Schale mit letzten Schoko-Weihnachtsmännern und eine Hundespardose. Es ist Mittwoch, 12 Uhr, und eigentlich hätte Tierärztin Dr. Martina Menzel Pause. Erst am Nachmittag ist wieder Sprechstunde. Doch um kurz nach halb eins schneit die kleine Frau herein, rubbelt sich weiße Flocken aus den kurzen, blonden Haaren und zieht sich ein graues T-Shirt über, auf dem "Bunter Hund" steht. Auch die anderen Frauen ringsum tragen das Shirt, sichtlich mit Stolz, und sie lächeln vorfreudig.

Jede Woche betreuen die Mitarbeiter vom "Bunten Hund" die Tiere von Menschen, die sich eine gewöhnliche Tierarztbehandlung nicht leisten können. Weil sie wohnungslos oder suchtkrank sind, manchmal auch beides. Streetworker, die mit den Betroffenen regelmäßig zusammenarbeiten und ihre Tiere kennen, überweisen sie an die Praxen. Dorthin, wo sich dann zum Beispiel Eva-Maria Stein um sie kümmert. Die 28-Jährige studiert Tiermedizin und ist im Vorstand vom "Bunten Hund". "Es geht vor allem darum, eine Grund- und Notfallversorgung zu gewährleisten: impfen, kastrieren, chippen", erklärt sie.

Ab dem ersten Semester können Studierende der Tiermedizin beim "Bunten Hund" mitmachen – sie organisieren die Sprechstunden, assistieren den Tierärzten bei den Behandlungen. "Das ist vor allem deshalb sinnvoll, weil wir sonst die ersten zwei Jahre unseres Studiums nur über Büchern hocken", sagt Lara von Lindeiner. Die 19-Jährige studiert im dritten Semester Tiermedizin, ist beim "Bunten Hund" bereits seit ihrem ersten Semester dabei. In einer Chemie-Vorlesung hatte sich der Verein vorgestellt, die junge Frau war begeistert. "Wir haben sonst keine Möglichkeit, vor dem Physikum Tieren so nahe zu kommen." Während des zweiten Semesters hat es von Lindeiner noch regelmäßig zu den Sprechstunden geschafft, doch jetzt, im dritten Semester, fehlt oft schlicht die Zeit. Stattdessen "haben wir zwei Prüfungen pro Woche", ärgert sie sich. Auf die Arbeit beim "Bunten Hund" verzichten möchten sie und ihre Mitstreitern jedoch keinesfalls. Wer Veterinärmedizin studiert, hat sich dafür ja meist aus der Liebe zum Tier entschieden.  

Aus schlechten Verhältnissen gerettet 

Im Wartezimmer von Martina Menzel sitzen Carlo und sein Freund Nico Möbius. Beide haben ihre Jacken und Mützen nicht abgelegt, dick eingepackt rutschen sie auf Stühlen herum, belegen gleich mehrere. Viel schwarzer Stoff umrahmt ihre Gesichter, das ältere von Carlo mit Lachfalten und Drei-Tage-Bart, und das jüngere von Nico mit einem Flaum auf der Oberlippe und einer Zahnspange im Mund. Die Hundeleinen in ihren Händen verknoten sich permanent, denn ihre Hunde sind aufgeregt, spüren, dass sie beim Arzt sind. Vor allem Nico Möbius hat sichtlich damit zu tun, seinen Labrador-Mischling ruhig zu halten. Boba, etwa kniehoch, das schwarze Fell mal weiß, mal beige betupft, wird zum ersten Mal vollständig durchgecheckt.

Carlo sagt seinen Nachnamen nicht, "kennen mich eh", sagt er stattdessen, ohne zu erzählen, wen er meint. Seine Hündin Hera legt ihren Kopf mehrmals zutraulich in seine oder andere Hände. Carlo sagt, jetzt gerade laufe es einfach nicht. "Kein Geld, keine Arbeit." Er stockt, schaut herausfordernd, schiebt noch hinterher: "Wohnung erst recht nicht". Nico, 18, erzählt so etwas von sich nicht, aber die Freunde sind sich einig: "Schon gut, dass es den ‚Bunten Hund‘ gibt."

Martina Menzel ruft Nico Möbius und Boba ins Untersuchungszimmer. "Woher haben Sie den?", fragt sie. "Habe ihn gerettet." "Aus was für Verhältnissen?" "Leute, die ihn geschlagen und eingesperrt haben." "Wie alt war er, als Sie ihn gerettet haben?" "Zehn Monate." "Wie alt ist er jetzt?" "Zehn Monate." Er merkt, dass sie auf eine weitere Information wartet, nuschelt: "Habe ihn erst seit drei Wochen." Sein schwarzes Stirnband, die Mütze und die Kapuze hat Möbius mittlerweile abgenommen, jetzt sieht er noch jünger aus als 18. Er hievt Boba, der immer aufgeregter und nervöser wird, auf den Untersuchungstisch. Während Boba geimpft und seine Temperatur gemessen wird, versucht er, an Menzels Händen zu knabbern. "Gewöhnen Sie ihm das bloß ab", sagt sie schroff zu Möbius. Reumütig nickt er, wagt keine Widerworte.

"Sie gibt mir Kraft, und ich gebe ihr Kraft"

Den "Bunten Hund" gibt es schon länger in Dortmund und Berlin, Tiermedizin-Studierende gründeten ihn 2011 auch in Leipzig. "Ich bin in der Stadt geboren und aufgewachsen und habe früh gesehen, was es bedeutet, wenn Menschen kein Geld für ihre Tiere haben", sagt Eva-Maria Stein. Wie sie darunter leiden, die Wohnungslosen, die Suchtkranken, die mit schwerwiegenden psychischen Problemen, wenn es ihrem Schützling nicht gut geht. "Bei vielen ist das Tier der einzige Bindungspunkt. Das ganze Leben hängt daran." Was etwa Hera ihrem Carlo bedeutet? "Alles", sagt der mit todernster Miene. "Sie gibt mir Kraft, und ich gebe ihr Kraft".

Der Bunte Hund

Die Studierenden und Tierärzte arbeiten ehrenamtlich. Der Verein lebt von den Mitgliedsbeiträgen (25 Euro pro Jahr), vor allem aber von der Teilnahme an Gewinnspielen und von Spenden.

So können etwa Arzneimittel-Patenschaften oder größere Operationen von Privatpersonen übernommen werden. 

Weitere Informationen:  www.bunterhund-leipzig.de

Als Nico Möbius mit Boba aus dem Untersuchungszimmer kommt, begrüßen ihn Carlo und Hera erfreut. Nico erzählt von Martina Menzels Mahnung, Boba das Händeknabbern abzugewöhnen. "Na, und was sage ich dir seit zwei Wochen?!", empört sich Carlo. Als die Vier die Praxis verlassen, folgt ihnen Martina Menzels Blick. Sie sagt, nicht alle seien so zugänglich wie die beiden, und erzählt von der Dame mit der schwarz-weißen Hündin, die noch immer vor der Tür steht: "Für sie hatte ich eine Therapie organisiert, zu der sie gemeinsam mit ihrer Hündin hätte hingehen können, die sie aber nicht angetreten hat." Dann sei sie nicht mehr gekommen, habe sich geschämt. "Aber jetzt ist ihre Hündin krank, da springt sie natürlich über ihren Schatten." Streng, aber freundlich ruft sie sie in ihr Sprechzimmer. 

Hanna Voß

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