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Wie Philosophen Probleme (auf)lösen

Leibniz-Professur Wie Philosophen Probleme (auf)lösen

Der amerikanische Philosoph James Conant von der University of Chicago ist seit November Leibniz-Gastprofessor für Philosophie an der Universität Leipzig. Mit LVZ Campus sprach der 57-Jährige darüber, wie wertvoll seine Disziplin sein kann.

James Conant.

Quelle: Clemens Volkmann

Leipzig. Campus: Prof. Conant, es ist nicht Ihr erster längerer Aufenthalt in der Stadt. Was führt Sie immer wieder nach Leipzig?

James Conant: Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon in Leipzig war. Das erste Mal war noch zu DDR-Zeiten, 1984. Damals war ich in Deutschland, um die Sprache zu lernen. Anfang der neunziger Jahre habe ich zum ersten Mal an der Universität Leipzig besucht. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren war ich fast jedes Jahr hier, oft nur ganz kurz: für einen Workshop, eine Tagung und einmal für eine Habilitationsverteidigung.

Sie halten Leipzig für einen der interessantesten Orte der Philosophie in Deutschland.

Leipzig ist natürlich nicht das Zentrum der Philosophie Deutschlands. Aber ich finde es großartig, dass man hier versucht, systematisch an die große Tradition der deutschen Philosophie anzuknüpfen. Das ist außergewöhnlich. Zumeist wird diese Tradition entweder gänzlich vernachlässigt oder gewissermaßen bloß antiquarisch behandelt. Die Texte werden zwar genau studiert, aber ohne aktuelle Bezüge herzustellen. Auf diese Weise bleiben die Texte bloß historisch. Man lernt nicht, mit ihnen zu denken.

Welche Stärken hat die Philosophie in Leipzig noch?

Ich schätze sehr, wie gut man sich hier in der analytischen Tradition auskennt. Die meisten Lehrenden des Instituts haben längere Zeit in den USA oder England verbracht und können daher zu einem wirklichen philosophischen Austausch über den Atlantik hinweg beitragen. Obwohl man das in Deutschland eigentlich erwarten würde, ist dies wirklich selten. Leipzig ist eine positive Ausnahme.

Können Sie etwas über die Projekte erzählen, die Sie hier geplant haben?

Eines meiner Forschungsprojekte ist dem Begriff der Notwendigkeit gewidmet. Was bedeutet es, von Formen des Denkens, Prinzipien oder Gesetzen zu sagen, sie seien notwendig? Vor 25 Jahren habe ich in einem Aufsatz versucht, die Entwicklung des philosophischen Denkens über Notwendigkeit seit Descartes zu skizzieren. Der Text hat damals einige Aufmerksamkeit erregt. Da Kollegen hier in Leipzig auch zu diesem Thema arbeiten, habe ich mich entschieden, diesen Aufsatz und seine  Rezeption zum Thema eines Seminars zu machen.

Heute werden Geisteswissenschaften häufig geringer geschätzt als etwa Naturwissenschaften. Warum braucht es Philosophie, was macht sie relevant?

Zunächst stellt sich die Frage, um welchen Art von Relevanz es bei der Forderung geht, die Philosophie solle ihre Existenz rechtfertigen. Umfasst der Sinn von Relevanz, der dabei zumeist vorausgesetzt wird, wirklich all das, was von Wert ist? Freundschaft und Liebe erfüllen uns als Menschen – aber sind sie in jenem Sinne relevant? Vermutlich nicht. Die Frage, was relevant und wertvoll ist, ist bereits eine philosophische Frage. Wenn man diese Frage ernsthaft stellt, merkt man sofort: Es wäre keine gute Idee, die Philosophie einfach abzuschaffen.

Sollte sich die Philosophie mehr in den gesellschaftlichen Diskurs einmischen und Antworten auf gegenwärtige Krisen suchen?

Diese Frage ist für die Philosophie viel schwieriger zu beantworten als für Disziplinen, in denen man sagen kann: „Dies sind unsere Methoden, und das ist unser Beitrag.“ Zum Beispiel: „Wir entwickeln Impfungen gegen Krankheiten.“ Die Philosophie kommt oft erst dann an die Reihe, wenn wir uns nicht mehr auskennen, wenn weder Weg noch Ziel klar sind. Aus diesem Grund ist es viel schwieriger zu sagen, wann die Philosophie gebraucht wird und worin genau ihr Beitrag besteht. Nicht weil wir sie nie bräuchten und sie nichts beizutragen hätte, sondern weil es sich nicht im Allgemeinen sagen lässt. Manchmal besteht der Beitrag der Philosophie genau darin zu zeigen, dass eine Frage, die wir für ganz dringend erachten, falsch gestellt ist oder schlicht auf einer Verwirrung beruht und daher letztlich obsolet ist.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ich möchte ein historisches Beispiel geben. Eines der zentralen Ziele der Physik Ende des 19. Jahrhunderts war die Erforschung dessen, was man Äther nannte. Man war sich sicher, dass es ihn gibt, und man hatte große Instrumente gebaut, um ihn zu messen. Aber das Unterfangen war wie der Versuch, das Licht im Kühlschrank zu sehen, während die Tür zu ist. Man macht die Tür zu, weiß aber nicht, ob das Licht an ist. Man konnte den Äther immer nur indirekt messen. Seine Substanz schien nie direkt beobachtbar. Einer der großen Verdienste Einsteins bestand in der Klärung verschiedener Fragen zu Raum und Zeit. Zu einem großen Teil waren dies jedoch philosophische Klärungen. Nachdem er damit fertig war, hat er eine physikalische Theorie entwickelt, in der sich dieser Äther als überflüssig erwiesen hat. Man brauchte diesen Begriff nicht mehr. Man konnte alles ohne ihn erklären.

Die vielen Fragen zur Vermessung des Äthers hat man aber nicht beantwortet.

Nein, die Perspektive hat sich so geändert, dass die Frage weggefallen ist. Die Probleme wurden nicht gelöst, sondern „aufgelöst“ wie ein Stück Zucker in einem heißen Tee. Manche Probleme werden von der Philosophie auf diese Art beseitigt. Man gibt keine Antwort auf die Frage, sondern man weist die Frage zurück. Nicht indem man sie verbietet, sondern indem man eine Perspektive entwickelt, aus der man sie sehen kann, warum sie sich nicht stellt. Das erfordert sehr viel Arbeit – begriffliche Arbeit, philosophische Analyse. Dies ist eine der Wege, wie die Philosophie zum Fortschritt beiträgt.

Interview: Edgar Lopez

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