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Chance for Science - „Nicht genutztes Wissen geht verloren“

Netzwerk für geflüchtete Wissenschaftler Chance for Science - „Nicht genutztes Wissen geht verloren“

Flüchtlinge, die ihr Studium in Deutschland fortsetzen wollen, müssen oft mehrere Jahre warten. Die Leipziger Initiative Chance for Science bringt geflüchtete Akademiker und Studenten mit deutschen Wissenschaftlern in Kontakt, damit sie sich über ihre Disziplinen austauschen können.

Sayed Khoshhal Sadat und Carmen Bachmann engagieren sich bei Chance for Science.

Quelle: Elisabeth Kimmerle

Leipzig. Muath sitzt in der Bibliothek und lernt medizinische Fachbegriffe auf Deutsch. Fünf Anläufe hat der 24-jährige Syrer gebraucht, um heute hier zu sitzen: Zweimal hat er in der Türkei ein Visum für internationale Studierende beantragt, dreimal hat er sich an deutschen Universitäten beworben.  Muath ist nicht wie viele andere aus Syrien geflüchtet, sondern regulär mit einem Visum für internationale Studierende nach Deutschland gekommen. Seitdem er in Damaskus im elften Semester Medizin studiert hat, sind beinahe drei Jahre vergangen. Im Oktober 2015 konnte er sein Studium fortsetzen; allerdings zurück im dritten Semester, weil er aufgrund der unterschiedlichen Curricula noch nicht alle Kurse fürs elfte Semester absolviert hat. „Es war ziemlich schwierig, an einer deutschen Uni genommen zu werden. Weil ich in einem höheren Semester studiere, musste ich lange auf einen Platz warten, auch wegen des Numerus Clausus“, erklärt er und fügt hinzu: „Aber ich hatte Glück, andere warten noch länger.“ Muath, der seinen Nachnamen nicht nennen will, ist angekommen in Leipzig, will hier später Chirurg werden.

Sayed Khoshhal Sadat hat den Weg an die Hochschule noch vor sich. Bevor der 25-jährige Informatiker aus Afghanistan sein Informatik-Studium fortsetzen kann, muss zuerst sein Asylverfahren abgeschlossen sein. Nur dann kann er einen Deutschkurs beginnen. Das Sprachzertifikat, das sehr gute Deutschkenntnisse nachweist, ist neben der fachlichen Eignung Voraussetzung, um als Flüchtling an der Uni Leipzig studieren zu dürfen.

Bis es soweit ist, engagiert er sich bei Chance for Science, einer Leipziger Plattform, die seit September 2015 geflüchtete Akademiker und Studenten mit deutschen Wissenschaftlern vernetzt. Sadat war einer der ersten, die sich in dem sozialen Netzwerk angemeldet haben. „Als ich den Flyer von Chance for Science in der Flüchtlingsunterkunft gesehen habe, habe ich mich gleich gemeldet. Ich will eure Kultur und Geschichte kennenlernen“, erzählt er und fügt strahlend hinzu: „Und der beste Weg, mit Deutschen in Kontakt zu kommen, ist Chance for Science.“

Das Projekt wurde initiiert von Carmen Bachmann, Professorin am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre. Ihr Konzept ist einfach: Interessierte können sich wie auf anderen sozialen Netzwerken anmelden und nach Nutzern suchen, die in ihrer Fachrichtung studieren oder forschen. Was sich aus den Kontakten entwickelt, bleibt den Nutzern überlassen. „Unser Ziel ist es, geflüchteten Wissenschaftlern und Studenten außerhalb eines institutionellen Rahmens die Möglichkeit zu geben, sich weiter mit ihren Fachbereichen auseinanderzusetzen, indem man sie zu Gastvorlesungen einlädt oder sich austauscht“, sagt Bachmann.

Dabei geht es der ehrenamtlichen Initiative nicht darum, Studien- und Arbeitsplätze an der Universität zu vermitteln. Entscheidend sei vielmehr, den Kontakt mit geflüchteten Wissenschaftlern zunächst überhaupt herzustellen und dadurch deren Bedürfnisse sichtbar zu machen. Die Professorin für Steuerlehre versteht ihr Projekt als soziales Netzwerk, das die Zeit überbrückt, in der geflüchtete Akademiker aus Gründen des Asylrechts nicht in ihren Disziplinen arbeiten dürfen. „Jemand, der jahrelang Fachwissen ausgebaut hat, möchte das auch anwenden. Wissen, das nicht genutzt wird, geht verloren“, erklärt Bachmann. Anfangs hätten sie und ihr Team unterschätzt, wie schwierig es sei, geflüchtete Wissenschaftler zu erreichen. Um das Projekt unter den Geflüchteten in Leipzig bekannter zu machen, besucht das Team von Chance for Science deshalb die Flüchtlingsunterkünfte in der Stadt und stellt die Plattform vor – und beobachtet dort, wie groß der Bedarf ist. „Egal, wo wir hinkommen, es gibt immer Studenten und Akademiker unter den Flüchtlingen, die das Grundbedürfnis nach geistigem Austausch haben.“ 344 Nutzer haben sich deutschlandweit bereits auf der Plattform angemeldet, davon 35 Flüchtlinge.

"Der Bedarf ist da. Das einzige Problem ist, die Leute richtig zusammenzubringen. Wir versuchen jetzt erst einmal die Kontakte aufzubauen und dadurch werden die Bedürfnisse der Geflüchteten sichtbarer", sagt Bachmann. Dafür braucht das Team Menschen wie Sayed Khoshhal Sadat, die Kontakte und Zugang zu Geflüchteten haben. Mit ihrer Hilfe will die Initiative die Suche nach geflüchteten Akademikern in den Flüchtlingsunterkünften intensivieren. „In den Aufnahmelagern gibt es viele Wissenschaftler. Die meisten dort wollen in Kontakt mit den Deutschen kommen, aber sie wissen nicht wie“, berichtet Sadat.

von Elisabeth Kimmerle

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