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HTWK-Professor Richter: „Echte Kreativität wird vorerst menschlich bleiben“

Künstliche Intelligenz HTWK-Professor Richter: „Echte Kreativität wird vorerst menschlich bleiben“

Ende Juli wurde Hendrik Richter, Professor für Reglungstechnik an der HTWK, mit dem Best Paper Award des diesjährigen IEEE World Congress on Computational Intelligence in Vancouver ausgezeichnet. LVZ Campus sprach mit dem 47-Jährigen über seine Forschung zu Künstlicher Intelligenz.

Quelle: Pixabay

Leipzig. Herr Richter, wann werden die Maschinen dank künstlicher Intelligenz die Herrschaft übernommen haben?

Richter: Die stärksten Schachprogramme sind mittlerweile deutlich stärker als die besten menschlichen Schachspieler. Trotzdem funktioniert das Schachprogramm völlig anders als die Prozesse, wie sie vermutlich in unserem Gehirn ablaufen. Und so ähnlich ist es bei anderen Anwendungen auch. Sehen Sie, was Computer tun, ist rechnen. Sind sie deshalb intelligent? Intelligenz ist das, was uns Menschen ausmacht – es ist ein Begriff, der auf den Menschen abzielt. „Künstliche Intelligenz“ transportiert somit eine ganz falsche Fragestellung, die mittlerweile unpassend ist. Dass uns die Maschinen irgendwann beherrschen könnten oder uns sogar überflüssig machen, halte ich daher für eine irrationale Angst. Hinzu kommt das sogenannte Frame-Problem. Rechner können den Algorithmus, den Frame, nach dem sie Daten verarbeiten, nicht selbst setzen, zumindest bisher nicht.

Wenn „Künstliche Intelligenz“ als Schlagwort ein falsches Bild vermittelt, welche Formulierung für dieses Forschungsfeld würden Sie bevorzugen?

Richter: Ich würde maschinelles Lernen oder maschinelle Problemlösung bevorzugen. Künstliche Intelligenz ist ein Marketing-Begriff aus der Anfangszeit dieses Forschungsfelds.

Waren Sie überrascht über die Auszeichnung Anfang Juli in Vancouver?

Richter: Ich fand‘s überraschend. Das Gebiet der Computational Intelligence zerfällt noch einmal in drei Teilgebiete: Das eine sind die neuronalen Netze – das ist etwas, das momentan super modern ist. Wenn Sie Spracherkennung in Ihrem Mobiltelefon haben, dann liegt da ein neuronales Netz drunter. Oder Bilderkennung bei Facebook. Dann gibt es das zweite Gebiet, Fuzzy-Logik. Und dann gibt es das dritte Gebiet, evolutionäres Rechnen, in dem ich seit ungefähr zehn Jahren arbeite. Der Gedanke hinter meiner Arbeit ist, Berechnungsalgorithmen zu entwerfen, die Grundideen aus evolutionären Prozessen heranziehen. Das Thema meines Artikels, für den ich den Preis bekommen habe, ist eher randständig.

Ihr prämierter Artikel trägt den Titel „Analyzing coevolutionary games with dynamic fitness landscapes“. Worum geht es darin?

Richter: Die zugrunde liegende  Idee ist, dass man biologische Phänomene mathematisch beschreiben kann – in meiner Arbeit geht es konkret um evolutionäre Prozesse. Evolution ist zunächst einmal der Wettbewerb innerhalb einer sowie zwischen verschiedenen Spezies. Daneben gibt es in der Evolution aber auch Phänomene der Kooperation. Und an diesem Punkt sind wir bei der Spieltheorie. Wir haben zwei Spezies, zwei Teilnehmer in einem Spiel, dessen Zweck das Überleben ist. Im Spiel sind verschiedene Strategien möglich – vereinfacht gesagt: Kampf oder Kooperation. Die Erfolgsaussichten der Spielvarianten lassen sich mathematisch codieren. Nun kann man einem Computer beibringen, sich anhand dieser mathematischen Codes strategisch zu verhalten, also Varianten, die zum Ziel führen, abzuwägen.

Sich also am Ende intelligent zu verhalten...

Richter: Sind Rechner intelligent? Können Maschinen denken? Nein. Es handelt sich um Prozesse der Automatisierung. – Automatisieren heißt ja immer, ich kann es einem Rechner beibringen und der Rechner bearbeitet eine Aufgabe im Ergebnis in ähnlicher Qualität, wie wir es tun würden. Also es geht darum, dass Menschen bestimmte Dinge nicht mehr selber machen müssen.

Wenn es um die Erschaffung künstlicher Intelligenz geht, scheint das Silicon Valley in Kalifornien momentan der Nabel der Welt zu sein. Welchen Beitrag leisten Leipzig bzw. die HTWK zur Arbeit dort?

Richter: Keinen wirklichen. Unsere Forschungen kommen dort nicht an. Im Silicon Valley stehen neuronale Netze im Mittelpunkt. Es geht da oft um esoterische Dinge. Die Algorithmen, die zugrunde liegen, sind aber relativ alt. Das ist eigentlich alles ziemlich unintelligent. Man verarbeitet Riesenmengen an Daten und heraus kommt eine kleine Menge eher banalen Outputs. Die algorithmische Idee ist sehr einfach, aber, mit massiver Rechenkraft ausgestattet, doch recht effektiv. Da geht es dann vorrangig um Sprach- und Bilderkennung sowie die Zusammenführung von Daten.

Das Thema künstliche Intelligenz hat eine ethische Dimension. Gibt es interdisziplinäre Kooperationen mit Geisteswissenschaftlern in der Forschung?

Richter: Ja, die großen Softwareunternehmen arbeiten gern mit interdisziplinären Teams. Aber warum macht ein Unternehmen das? Nun, um Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen, die andere Menschen spannend finden und für die sie Geld ausgeben. Auf diesem Feld bringen Geisteswissenschaftler Kompetenzen mit, die für die Entwicklung von Produkten sinnvoll sind.

Und was ist mit interdisziplinären Kooperationen, die die Gefahren neuer Entwicklungen abwägen? Unternehmen wie Google oder Apple nehmen massiv Einfluss auf die Zukunft, verändern die Gesellschaft mit ihren Produkten.

Richter: Das machen Unternehmen immer. Technologischer Fortschritt führt selbstverständlich dazu, dass sich Gesellschaft und Menschen verändern. Das ist ein dynamischer Prozess.  Man denkt immer, man ist etwas ganz Besonderes und die Zeit, in der man lebt, ist ebenfalls etwas ganz Besonders. Wenn man das aus historischer Perspektive betrachtet, ist das nicht wirklich so. Natürlich war das Leben vor Erfindung der Eisenbahn komplett anders als danach. Und so ähnlich wird auch das zunehmende Automatisieren von Arbeitsschritten, die wir als Kopfarbeit bezeichnen, die Gesellschaft verändern.

Wie genau wird es die Gesellschaft verändern?

Richter: Ich denke, es wird große Verschiebungswellen geben; menschliche Arbeitskraft wird schlicht von einer Domäne in eine andere übergehen. Das kann für den Einzelnen schon negative Effekte haben, wenn er zum Beispiel mit der Qualifikation, die er hat, im Arbeitsprozess einfach nicht mehr vorkommt. Es gibt Bereiche, in denen kein Mensch mehr arbeiten wird. Das betrifft auch Anwendungsgebiete, die wir momentan noch als zutiefst menschlich betrachten. So sehen wir momentan schon massive Veränderungen in der Medizintechnik mit Assistenzsystemen für ärztliche Entscheidungen. Doch genauso gibt es auch noch in absehbarer Zukunft Dinge, die nur Menschen tun können. Echte Kreativität wird noch eine ganze Weile lang menschlich bleiben.

Aber Maschinen werden sich uns weiter annähern?

Richter: Naja, es gibt noch kein abschließendes Naturverständnis über die Vorgänge im Gehirn. Wir wissen nicht, wie aus neuronalen Prozessen unsere Gedanken hervorgehen. Computer rechnen – das sind vermutlich völlig andere Vorgänge als im Gehirn. Und die Frage nach dem Bewusstsein ist noch einmal eine ganz andere Geschichte. Es gibt starke Argumente dafür, dass Bewusstsein nur mit einem Körper funktioniert. Solange Computer nicht über einen echten eigenen Körper verfügen, können sie kein Bewusstsein haben. Aber das sind Dinge, die meiner Meinung nach noch richtig weit weg sind.

Daniel Salpius

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