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Männer bauen Häuser - Frauen dekorieren

Ringvorlesung HTWK Männer bauen Häuser - Frauen dekorieren

Frauen gehören in private Räume, Männer halten sich in der Öffentlichkeit auf – so will es die Architektur. Warum das so ist und wie das anders werden kann, erklärt die Architekturtheoretikerin Alexandra Staub aus Pennsylvania.

Alexandra Staub lehrt eigentlich an der Pennsylvania State University, jetzt kam sie an die Leipziger HTWK.

Quelle: Theresa Hellwig

Leipzig. Auf die erste Frage, wie viele der Anwesenden im Hörsaal Feministinnen und Feministen seien, gingen zögerlich nur einige wenige Hände in die Luft. Besonders viele Männer tauschten irritierte Blicke. Alexandra Staub erklärte: „Viele von euch sind in Wirklichkeit Feministen, ihr wisst es nur nicht.“ Am Ende der Vorlesung aber würde sich das ändern, war sie überzeugt. Staubs Thema „Gleichmacherei: Warum Genderwahrnehmung in der Architekturtheorie unerlässlich ist“ lockte am Mittwochabend viele Studierende an die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK). „So viele sitzen selten in unseren Vorlesungen“, freute sich auch Annette Menting, Organisatorin der neuen Ringvorlesung „Positionen zu Architektur, Kultur, Stadt und Gesellschaft“.

Zu Beginn ihrer Vorlesung stellte Staub fest: „In der Architektur wird der Nutzer generell als männlich definiert.“ Besagter Nutzer ist in der Bauplanung die Person, für die ein Gebäude gedacht ist, also zum Beispiel die Bewohner eines Hauses oder die bummelnden Passanten in einer Einkaufspassage. Dass man bei dieser Person stets einen Mann vor dem inneren Auge sieht, hängt mit dem Sprachgebrauch zusammen. Dadurch, dass die männliche und die neutrale Form des Begriffes dieselbe ist, vergisst man schnell, dass das Wort auch die weibliche Person einschließt. „Wenn man von etwas nicht spricht – nämlich dem weiblichen Nutzer – dann verschwindet das allmählich ganz“, sagte Staub.

Das traditionelle Familienmodell beeinflusst bauplanerisches Denken

Auch Werbefotos für Häuser, zumeist aus Staubs Wahlheimat USA, wurden gezeigt; Werbefotos vornehmlich mit Müttern und ihren Kindern. Es seien klassische Denkmuster, die Architekten bei der Häuserplanung zu Grunde legten: Mutter und Vater, die ein Doppelbett in einem Schlafzimmer brauchen, dazu ein Kinderzimmer. Dass Frauen sich in diesen Idealen vor allem zu Hause aufhalten sollen, verdeutlichte Staub am Beispiel von so genannten Homeshows. Das sind Messen in den USA, in denen Inneinrichtung ausgestellt wird. Vieles richtet sich speziell an Frauen, etwa Dekoration. Dann gibt es natürlich noch Sekt und Wellness-Programme. All diese Denkmuster gelte es aufzubrechen, so die Gast-Dozentin. „Geht beim Planen nicht vom traditionellen Nutzer aus“, appellierte sie daher an die künftigen Architekten im Hörsaal.

„Die Frau als gesondert zu schützendes Wesen“ 

Natürlich ist nicht nur in der Architektur die Figur, um die es hauptsächlich geht, ein Mann. Dieses Muster ist weit verbreitet. Staub verdeutlichte das am Beispiel des Vitruvianischen Mannes von Leonardo da Vinci aus der Körperproportionenlehre, der auch auf der italienischen Ein-Euro-Münze zu sehen ist. Es ist – wie bei fast allen Figuren der Körperlehre – eine männliche Figur. Doch Staubs Anliegen war vor allem, dass die Genderdebatte auch in der Architekturtheorie nicht außen vorgelassen wird. Wenn Architekten grundsätzlich von einem männlichen Nutzer ausgingen, beeinflusse die Planung von Gebäuden und öffentlichen Räumen. Obwohl Staub ihre Beispiele offenbar gut durchdacht hatte, waren sie trotzdem nicht immer anschaulich. Gelegentlich fiel es schwer, den Gedanken der Theoretikerin zu folgen. „In der Architektur wird die Frau als gesondert zu schützendes Wesen gesehen“, sagte sie und präsentierte dann das Foto einer Straße.

Sie erklärte, dass hier öffentliches Leben stattfinde und Frauen genau deshalb nicht unbedingt sicher seien, etwa vor einer Gruppe Betrunkener. „Frauen im öffentlichen Raum wird geraten, ihr Verhalten zu ändern – oder es werden neue Räume geschaffen.“ Neben das Bild der Einkaufsstraße stellte sie ein Foto eines überdachten Einkaufszentrums. Dieses habe denselben Zweck wie die Einkaufsstraße – aber es sei ein privater Raum, in dem aufdringliche Personen Hausverbot bekommen können. So werde die Umgebung für Frauen sicherer – doch ob dies nun ein Verdienst der Architektur, der Gesellschaft oder schlicht des Kapitalismus ist, blieb offen.

Staub schloss den Bogen, indem sie ihr Verständnis von Feminismus erklärte. Für sie setze der Begriff schon früher an als bei der endgültigen Gleichberechtigung der Geschlechter. Feminismus bedeute, die klassischen Denkmuster aufzubrechen, bewusst Sachen andersherum zu sehen. Noch einmal fragte sie, wer der Studierenden ein Feminist sei. Deutlich mehr Hände als am Anfang ragten nun in die Luft.

Theresa Hellwig

Drei Fragen an Alexandra Staub

Frau Staub, woran merkt man, dass in der Architekturtheorie von einem männlichen Nutzer ausgegangen wird?

Das zeigt zum einen die Körperproportionenlehre, bei der in der Regel ein männlicher Körper als Beispiel verwendet wird. In Arztpraxen hängen zum Beispiel diese Bilder. Zum anderen merkt man das in der Architektur, wenn man Werbefotos ansieht – oder Baupläne. Die Frau ist als Nutzer immer nur dann zu sehen, wenn es um frauenspezifische Belange geht, etwa wenn es um effizientes Putzen geht.

Warum ist die Gender-Debatte in der Architektur wichtig?

Man denke zum Beispiel an den sozialen Wohnungsbau. Es geht immer darum, die Räume möglichst effizient zu gestalten. Und diese Wohnungen werden noch immer nach dem klassischen Familienmodell ausgerichtet. Es gibt dann ein elterliches Schlafzimmer, in das ein Doppelbett passt, und ein Kinderzimmer. Diese Wohnungen sind dann meistens nicht WG-geeignet. Vielleicht gibt es doch aber auch Alleinerziehende, oder aber Studierende oder Senioren möchten gerne in einer Wohngemeinschaft leben. Es ist wichtig, die klassischen Denkstrukturen aufzubrechen.

Ist die Gender-Debatte in der Architektur nur beim Bauplanen wichtig oder auch im Beruf, also in den Architektenbüros?

Auch im Beruf an sich ist das wichtig. In den USA studieren viel mehr Frauen Architektur als Männer. Und danach verschwinden die Frauen plötzlich. Sie sind dann die Arbeitspferde, die im Hintergrund tätig sind. Die Star-Architekten sind männlich, die Frauen haben meistens keine eigenen Büros. Je höher der Status der Architekten, desto weniger Frauen gibt es – da ist doch etwas faul.

Die nächsten Termine der Ring-Vorlesung „Positionen zu Architektur, Kultur, Stadt und Gesellschaft“ sind:

2.11.: FAS Book Release - Partizipation und urbane Intervention

7.12.: Katharina Bayer - Gemeinsam planen bauen wohnen

14.12.: Bernhard Architekten - Einige Anmerkungen zu Werk und Wohnen

11.1.2017: Robertneun Architekten - Architektur der Stadt und Bremmer-Preis 2017 Verleihung

18.1.: Christian Roth - Strategien im Wohnungsbau

Die Vorlesungen finden jeweils um 19 Uhr in der HTWK, Karl-Liebknecht-Straße 132, Audimax G 329, statt.

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