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„March for Science“ auch in Leipzig

Forschung gegen Populismus „March for Science“ auch in Leipzig

Mit dem „March for Science“, einem Marsch für die Wissenschaften, wollen Menschen in den USA am 22. April gegen „alternative Fakten“ und Skepsis bezüglich des Klimawandels protestieren. Weltweit formiert sich Unterstützung – auch in Leipzig wird es einen „Science March“ geben.

Mitten in den Vorbereitungen: die Organisatoren für den Leipziger March for Science

Quelle: Kopfnagel-Design

Leipzig. Aus acht Leuten besteht das Leipziger Organisationsteam für den „March for Science“. Mit dabei sind unter anderem Professor Dr. Frank Gaunitz, Leiter der Forschungslabore für Neurochirurgie am Universitätsklinikum und Dr. Renate Matzke-Karasz, Privatdozentin für Paläontologie. Der überwiegende Teil der Gruppe arbeitet aber gar nicht im Wissenschaftsbetrieb: Birte Sedat ist Grafikdesignerin, Maik Hoffmann studiert an der HTWK, Jana Steinhaus ist Kauffrau in Elternzeit und Maximilian Steinhaus arbeitet als Rechtsreferendar. Gefunden haben sie sich über die sozialen Medien, Anfang März gab es das erste Treffen.

LVZ Campus: Ihr organisiert die Demo in Leipzig – wie kamt ihr dazu und was sind eure Beweggründe?

Maik Hoffmann: Gefunden haben wir uns über die sozialen Medien. Es gab zunächst eine Facebook-Gruppe und Anfang März das erste Treffen.

Maximilian Steinhaus: Mehrere von uns haben außerdem über die Leipziger Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung von dem Marsch erfahren, die die Demo auch finanziell unterstützt.

Jana Steinhaus: Die Bandbreite der Themen, die uns bewegen, ist groß. Diskutiert haben wir unter anderem über Impfgegner, Homöopathie, Reichsbürger, Traditionsblindheit, Kreationisten, Homo-Heiler und die Einflussnahme religiöser Interessenvertretungen auf die Politik. Entscheidend ist, dass sich der Vorbereitungskreis des “March for Science” auf eine Reihe von Statements geeinigt hat.

Forderungen

Wir fordern,

1. dass wissenschaftlich gesicherte Fakten und rationale Argumente in Politik, Medien und Gesellschaft die Grundlage jeder Auseinandersetzung sind und nicht “alternative Fakten” oder gefühlte Wahrheiten.

2. dass die staatliche Grundfinanzierung der Forschung gewährleistet bleibt und Forschung von kommerziellem Erfolgsdruck befreit wird. Nicht unmittelbar kommerziellen Interessen untergeordnete Grundlagenforschung ist deutlich stärker zu fördern.

3. Programme, die der Abwanderung von Nachwuchsforschern effektiv entgegenwirken. Der Trend, Wissenschaftler nur noch mit befristeten Verträgen anzustellen, muss dringend gestoppt werden.

4. dass öffentliches Engagement von Mitarbeitern der Forschungseinrichtungen stärker unterstützt wird.

5. eine ideologiefreie und evidenzbasierte Bildung, die Menschen zu freiem, kritischen Denken ermutigt. Wir brauchen mehr Wissenschaft in den Schulen, um schon bei Kindern ein Bewusstsein für deren Bedeutung zu schaffen. Dies fördert auch den aufgeklärten, kritischen Umgang mit Medien.

6. Wir unterstützen die Open-Access-Initiative, die den freien Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen für alle Kreise der Bevölkerung ermöglicht. Momentan wird dieses Ziel von kommerziellen Verlagen pervertiert, da Wissenschaftler enorme Beträge dafür zahlen müssen.

Anlass für die Demonstrationen ist ja vor allem die Trump-Regierung und ihre „alternative facts“. Warum findet ihr es wichtig, auch hier in Leipzig ein Zeichen zu setzen?

Birte Sedat: Die Menschen in den USA gehen ja nicht nur gegen Trump auf die Straße, sondern vor allem, um für freie Forschung und den Wert der Wissenschaft zu demonstrieren. Wenn fundierte Erkenntnisse und “alternative Fakten” gleichwertig nebeneinanderstehen, bedroht dies letztlich unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, die darauf beruht, Argumente auf Basis von Erkenntnissen und Fakten gegeneinander abzuwägen. Diese Ideale machen nicht an den Ländergrenzen halt.

Maximilian Steinhaus: Es geht auch nicht nur um “Fake News”. Immer wieder trifft die Politik Entscheidungen, ohne sich zuvor wissenschaftlichen Ratschlag zu holen. Oder es werden Expertenempfehlungen bewusst ignoriert, um die eigene politische Klientel nicht zu verprellen.

Frank Gaunitz: In Sachsen haben wir damit zu kämpfen, dass gute Nachwuchswissenschaftler abwandern, da uns keine Mittel zur Verfügung gestellt werden, sie zu halten.

Jana Steinhaus: Und Lehrer wandern ebenfalls ab.

Frank Gaunitz: Für die Zukunft von Bildung und Forschung ist das ein Desaster!

Unter Wissenschaftlern gibt es eine Diskussion darüber, ob es richtig ist, sich politisch zu äußern und zu engagieren. Einige finden, Wissenschaftler sollten neutral bleiben. Wie ist eure Einstellung dazu?

Am 22. April wird keine Demonstration der Wissenschaftseinrichtungen stattfinden, sondern ein Marsch für die Wissenschaften. So sehr wir uns auch über die zugesagte Unterstützung beispielsweise von der Universität und dem UFZ freuen – es werden dennoch die Bürger sein, die auf die Straße gehen.

Birte Sedat: Natürlich bleibt es die Aufgabe der Politik, konkrete Entscheidungen zu treffen. Aber als Bürger ist es unser gutes Recht, von der Politik zu fordern, dabei wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen, anstatt sich auf „gefühlte Wahrheiten“ zu verlassen.

Maik Hoffmann: Sicher werden viele Menschen demonstrieren, die selbst im Wissenschaftsbetrieb tätig sind. Aber von Wissenschaftlern zu verlangen, sich nicht zum Stellenwert der Wissenschaften in unserer Gesellschaft zu äußern, würde auch bedeuten, dass beispielsweise Lehrer und Ärzte keine Vorschläge zur Verbesserung der Schulen bzw. Kliniken unterbreiten dürften.

Maximilian Steinhaus: Manche argumentieren, die Demo würde das Vertrauen in die Wissenschaft untergraben. Aber wenn man einem Vogel die Flügel stutzt, verliert man das Vertrauen in seine Flugkünste ja nicht deshalb, weil er sich dagegen gewehrt hat, sondern weil er nun gestutzte Flügel hat.
Das Versprechen von freier Wissenschaft, Forschung und Lehre in unserer Verfassung bedeutet auch, dass es der Staat aushalten muss, wenn die Wissenschaft Ergebnisse hervorbringt, die nicht zum vorherrschenden politischen Mainstream passen. Mit dem Marsch wollen wir daher Wissenschaftler ermutigen, sich lauter zu Wort zu melden, wenn die Politik Entscheidungen trifft, die gesicherten Erkenntnissen zuwiderlaufen.

Frank Gaunitz: Rechtlich kann die Politik den Wissenschaftlern nicht den Mund verbieten, daher läuft die Einflussnahme viel subtiler ab: Durch Kürzung von Forschungsgeldern können kritische Stimmen „trockengelegt“ werden. Umgekehrt können der Politik passende Ansichten besonders gefördert werden – sei es durch Geld oder exponierte Beraterposten wie z.B. die „Wirtschaftsweisen“. Auch dadurch wird die öffentliche Meinung beeinflusst. Deswegen ist es so wichtig, dafür zu demonstrieren, dass wissenschaftliche Arbeit frei von politischen und ökonomischen Zwängen sein muss.

Steht ihr in Kontakt mit anderen Orga-Teams? In wie vielen Städten sind zurzeit Demos geplant?

In Deutschland nehmen bislang 14 Städte teil. Es gibt ein deutsches und auch ein internationales Organisationskomitee, in dem ein gewisser Austausch stattfindet. Vor allem gibt es eine gemeinsame Plattform, auf der man für das Projekt spenden kann.

Wann genau wird der Marsch stattfinden und wo? Wird es auch Kundgebungen oder andere Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Demo geben?

Wir sammeln uns ab 13.00 Uhr vor dem Naturkundemuseum. Um 14.00 Uhr beginnt unsere Demonstration durch die Innenstadt. Diese wird am Augustusplatz mit einer einstündigen Abschlusskundgebung enden. Dort finden sich auch Informationsstände. Es wird spannende Redebeiträge geben.

Mehr Informationen unter dem Hashtag #M4S und unter: www.marchforscience.de

Interview: Julia Regis

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