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Nestlés Geschäft mit dem Wasser

Leipziger Wissenschaftskino Nestlés Geschäft mit dem Wasser

Am 26. Januar fand im Zeitgeschichtlichen Forum das Wissenschaftskino statt, eine Kooperation der Leipziger Wissenschaftseinrichtungen mit Filmvorführung und Expertenrunde. Gezeigt wurde der Film "Bottled Life – Das Geschäft mit dem Wasser". Die Experten hätten sich von der Dokumentation mehr Realismus gewünscht.

Wie der Nestlé-Konzern mit dem lebensnotwendigen Gut "Wasser" umgeht, zeigt der Dokumentarfilm "Bottled Life".

Quelle: Bottled Life

Leipzig.. Der Saal im Zeitgeschichtlichen Forum ist gut gefüllt, als an diesem Abend der Film beginnt. In „Bottled Life“ – zu Deutsch „In Flaschen abgefülltes Leben“ – begibt sich der Schweizer Journalist Res Gehriger auf die Spur des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé und dessen Milliardengeschäft mit einem elementaren Gut: Wasser.

Im Film sagt die ehemalige  Uno-Chefberaterin für Wasserfragen, Maude Barlow, dass mehr Kinder durch mangelndes oder unsauberes Wasser sterben als durch Krieg, Unfälle und Aids zusammen. In der nächsten Szene erklärt Peter Brabeck, Präsident des  Verwaltungsrates von  Nestlé, er sehe in Wasser nicht unbedingt ein Grundrecht, sondern ein Gut, das wie andere Produkte auch einen Marktwert haben sollte.

Auf seiner Reise stößt Res Gehriger auf fragwürdige Praktiken des weltweit mächtigsten Lebensmittelkonzerns. So saugt Nestlé in Pakistan beispielsweise Grundwasser aus armen Gegenden ab und verkauft es teuer an die wohlhabende Oberschicht. In den USA nutzt Nestlé die noch aus der Gründerzeit stammende Rechtslage, dass jeder auf seinem Grundstück so viel Wasser pumpen kann, wie er möchte – der Wille der lokalen Bevölkerung ist dem Konzern dabei egal. Vor Gericht sitzt er in den meisten Fällen am längeren Hebel.

Die Priorität von Nestlé ist, Gewinn zu machen – Wen verwundert das?

„Bottled Life“ hat viele Preise gewonnen, unter anderem den als bester Film in der Kategorie "Journalistische Relevanz“ beim Internationalen Umwelt-Filmfestival von Rio de Janeiro 2013 oder den Herbert-Quandt-Medienpreis 2013. Doch bei der Podiumsdiskussion nach dem Film stellt sich heraus, dass die Experten den Film durchaus kritisch sehen. Der Biologe Dietrich Borchardt leitet unter anderem die Abteilung "Aquatische Ökosystemanalyse" am Magdeburger Standort des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung ( UFZ) und findet: „Der Film behandelt ein wichtiges Thema, aber das Nestlé-Bashing greift viel zu kurz, wenn es um das globale Wasserproblem geht.“ Auch Umweltökonom Paul Lehmann vom UFZ-Standort in Leipzig zeigt sich eher enttäuscht. Der Film arbeite viel mit Suggestion und wenig mit belegbaren Fakten. Sicherlich sei es richtig, dass es Nestlé in erster Linie nur um den Profit gehe. Aber daran sei auch nichts Verwunderliches.

Wasser: Grundrecht oder Ware? Diese Frage steht im Zentrum von „Bottled Life“. Doch ist es wirklich die entscheidende? Die beiden Experten finden das nicht. Ihnen zufolge ist es wichtiger zu klären, wie Wasser am besten verteilt werden kann. Die Dämonisierung der privaten Akteure in diesem Zusammenhang versteht Paul Lehmann nicht: „Ich halte es für unrealistisch, dass kurz- bis mittelfristig allein die öffentliche Versorgung für jeden den Zugang zu sauberem Trinkwasser gewährleisten kann. Die Gründe dafür können vielfältig sein, zum Beispiel fehlende finanzielle Ressourcen, Misswirtschaft, korrupte Eliten oder auch andere politische Prioritäten."

Zwischen öffentlicher Nutzung und totaler Privatisierung gebe es des Weiteren viele Mittelwege. Notwendig sei in jedem Fall ein starker regulatorischer Rahmen, innerhalb dessen Unternehmen agieren müssen. Und den müsse der jeweilige Staat setzen.

Es gibt keine einfache globale Lösung

Wasser umsonst für jedermann – das klingt zunächst gut und fair. Schließlich brauchen wir alle jeden Tag Wasser zum Trinken, zum Kochen, zum Wäschewaschen oder Duschen. „Aber die Hürden beim Zugang zu Wasser haben auch einen Sinn“, so Lehmann, „wenn jeder kostenfrei und unbeschränkt Wasser haben könnte, würden es die Leute verschwenden. Und das geht nicht, dafür gibt es nicht genug Wasser. Schon heute haben wir genug Nutzungskonflikte.“ Der Zugang müsse also so organisiert werden, dass die Menschen ihre elementaren Grundbedürfnisse befriedigen könnten, aber gleichzeitig Anreize für einen sorgsamen Umgang mit der Ressource Wasser haben.

Damit diese Konflikte und die Wasserknappheit in einigen Gebieten der Erde sich nicht verschärfen, fordert Dietrich Borchardt: „Man muss zunächst schauen, welche Ressourcen man ohne Schaden nutzen kann. Dann muss man darauf achten, Verschwendung zu vermeiden, wie sie zum Beispiel durch defekte Leitungen vielerorts geschieht.“ All diese Aktivitäten müssten auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit ausgelegt sein. Langfristige Lösungen seien auf Dauer übrigens auch kostengünstiger.

Laut Unesco verfügten 2014 weltweit schätzungsweise 768 Millionen Menschen über keine ausreichende Wasserversorgung. Erklärtes Ziel der Vereinten Nationen ist es, diesen Missstand innerhalb von 15 Jahren zu beseitigen: 2031 soll jeder Mensch Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen haben. Dafür können Dietrich Borchardt zufolge auch diejenigen, die schon Zugang haben, etwas tun: Firmen und private Verbraucher sollten verantwortungsvoll mit Wasser umgehen. Und in Ländern, wo das bedenkenlos möglich ist, ruhig öfter mal Wasser aus der Leitung trinken. 

Von Ines Eisele

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