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Psychotherapeuten in Ausbeutung: Protest gegen schlechte Ausbildungsbedingungen

Auszubildende demonstrieren Psychotherapeuten in Ausbeutung: Protest gegen schlechte Ausbildungsbedingungen

Ihr „letztes Hemd“ gaben Psychotherapeuten in Ausbildung sowie Leipziger Psychologiestudenten am Mittwochabend in der Leipziger Innenstadt her. Gemeinsam mit Studierenden aus neun weiteren deutschen Städten demonstrierten sie in einer bundesweiten Aktion gegen die schlechten Ausbildungsbindungen sowie die zu hohen und intransparenten Kosten.

„Ihr sitzt auf der Couch, wir sitzen auf der Straße.“ 50 Prozent der Psychotherapeuten in Ausbildung bekommen gar keine Vergütung für ihre praktische Tätigkeit in deutschen Kliniken.

Quelle: Nicole Frank

Leipzig.. „Ihr sitzt auf der Couch, wir sitzen auf der Straße.“ und „Wir geben unser letztes Hemd.“ war auf den verschiedenen T-Shirts zu lesen, die zwischen dem alten Rathaus und dem Löwenbrunnen des Leipziger Naschmarktes auf eine Wäscheleine gehangen wurden. Mit kreativen Protestschildern und Musik versammelten sich rund 200 Kundgebungsteilnehmer und wiesen auf die mangelhaften Ausbildungsbedingungen von psychologischen Psychotherapeuten hin. Amelie Conrad und Charlotte Scheumann vom Fachschaftsrat der Psychologie eröffneten die Veranstaltung und beauftragten ihre Kommilitonen, Passanten über ihr Anliegen aufzuklären. So wollen sich Studierende schon heute für ihre Zukunft als Psychotherapeuten einsetzen. Auffällig war, dass wesentlich mehr Studenten als

Kandidaten Leipziger Ausbildungsinstitute anwesend waren. „Das ist leider oft die Paradoxie, dass man keine Zeit zum Protestieren hat.“ bemerkte die Bundeskandidatensprecherin Daniela Foohs, die selbst noch am Sächsischen Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Leipzig lernt und alle 56 Ausbildungsinstitute der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie mit vertritt.

Ihr „letztes Hemd“ gaben Psychotherapeuten in Ausbildung sowie Leipziger Psychologiestudenten am Mittwochabend in der Leipziger Innenstadt her. Foto: Nicole Frank

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In ihrer Rede verdeutlichte sie die Ausbeutung junger Psychotherapeuten und betonte wie steinig der Weg zu diesem Beruf ist. Um eine Ausbildung absolvieren zu können, ist ein abgeschlossenes Psychologiestudium Voraussetzung. Die folgende Lehre dauert drei bis fünf weitere Jahre und kostet je nach Ausbildungsinstitut und -profil 12.000 bis 50.000 Euro. Die gesamte Summe muss vom Ausbildungsteilnehmer selbst aufgebracht werden. Abends sowie am Wochenende finden die Kurse statt. Während der Woche gehen viele Vollzeit arbeiten, um die laufenden Kosten decken oder den aufgenommenen Kredit abbezahlen zu können. Neben den Kursen beinhaltet die Ausbildung den Teil einer praktischen Tätigkeit im Umfang von 1800 Stunden. Laut Foohs nutzen viele Kliniken – auch Leipzig und Umgebung – dies schamlos aus. Psychologen mit abgeschlossenem Hochschulstudium werden als Praktikanten eingestellt und nur geringfügig oder gar nicht vergütet. Laut Forschungsgutachten des Bundesministeriums für Gesundheit verdienen 50 Prozent gar nichts und weitere 25 Prozent maximal 750 Euro brutto im Monat bei 30 Stunden pro Woche. Das entspricht einem Stundenlohn zwischen 3,00 Euro und 6,50 Euro – deutlich unter dem Mindestlohn. Sie wies darauf hin, dass angehende Psychotherapeuten keineswegs typische Praktikantenaufgaben übernehmen. Mit ihrer Arbeit ersetzen sie häufig eine bezahlte Psychologenvollzeitstelle. Die Kliniken rechnen die Leistungen mit den Krankenkassen ab. Von diesem Geld sehen die Ausbildungsteilnehmer allerdings nichts. Solch eine Vergütung bedeutet auch, sich selbst sozialversichern zu müssen. Kostenneutral sei die Ausbildung demnach auf keinen Fall, da mit den Einnahmen aus der Ausbildung nur deren Kosten gedeckt werden könnten. Lebenshaltungskosten sind nicht mit inbegriffen.

Deshalb forderten die Protestteilnehmer unter anderem eine angemessene Bezahlung sowie einen gesicherten arbeitsrechtlichen Status. Denn angehende Psychotherapeuten haben nicht den Status eines Praktikanten und sind auch keine Auszubildenden nach dem Berufsbildungsgesetz.

Passend dazu wurde für diese Aktion ein Flyer in Form eines Null-Euro-Scheins mit dem Antlitz Sigmund Freuds kreiert, mit dem auf eine dringende Abänderung des Psychotherapeutengesetzes aufmerksam gemacht wurde. Die Protestierenden sammelten Unterschriften, um ihrem Brief mit Forderungen an die Leipziger Bundestagabgeordnete Bettina Kudla (CDU) Nachdruck zu verleihen. Auch die anderen Städte beteiligten sich an der Unterschriftenaktion, die sich dort an den jeweils zugehörigen Abgeordneten richtet. Anwesende Ausbildungsteilnehmer schätzten zwar die qualitativ hochwertige Ausbildung, trotzdem muss auf die Missstände hingewiesen werden.

Laut Veröffentlichungen des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) ist kein rückläufiger Trend absehbar. Die Anzahl der Prüfungsteilnehmer in Deutschland steigt jährlich an. Im Herbst 2004 zählte das IMPP noch 179 angehende psychologische Psychotherapeuten. In diesem Frühjahr waren es schon 933. Das Psychotherapeutengesetz befinde sich im Vorfeld einer Novellierung und die aktuelle Lage sei sehr unübersichtlich, betonte das Leipziger Ausbildungsinstitut für psychologische Psychotherapie. „Ein neues Gesetz wird auf jeden Fall kommen“, versichert die Bundeskandidatensprecherin Frau Foohs und hofft darauf, dass die Bundesregierung die Forderungen wie angemessene Bezahlung, faire Arbeitsverträge und einheitliche Zugangsvoraussetzungen umsetzt. „Das Gesundheitsministerium hat auch schon zwei Stellen ausgeschrieben, die sich nur mit dem neuen Gesetzesentwurf befassen sollen. Fachverbände, Berufsvereinigungen und Experten wurden schon zu Anhörungen eingeladen.“ Nicole Frank

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