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Sachsens schlechter Ruf schadet einer weltoffenen Uni

Donnerstagsdiskurs Sachsens schlechter Ruf schadet einer weltoffenen Uni

Den letzten Donnerstagsdiskurs im Jahr 2016 besuchte nur eine Handvoll Zuhörer. Spannend war die Diskussion trotzdem. Sie drehte sich um die Frage, was eine weltoffene Hochschule braucht – Internationalität und ein gutes Image.

Was braucht eine weltoffene Uni? Darüber diskutierten Experten aus Politik und Forschung beim letzten Donnerstagsdiskurs dieses Jahr.

Quelle: Hanna Voß

Leipzig. Es müsse wohl am Weihnachtsmarkt liegen, dass beim letzten Donnerstagsdiskurs in diesem Jahr nur so wenige Zuhörer da seien, mutmaßt Universitätsrektorin Beate Schücking mit enttäuschtem Blick auf das fast leere Auditorium. Um gleich anzuschließen, dass vor allem der Leipziger Weihnachtsmarkt ein Ausdruck der Internationalität sei. „Weltoffene Hochschule – mit wie viel Internationalität?“ ist das Thema an diesem Abend. Rund um Moderatorin Jessica Brautzsch von mephisto 97.6 versammeln sich Uwe Gaul, Staatssekretär im Sächsischen Wissenschaftsministerium, Dr. Claudia Maicher, hochschulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Prof. Dr. Francis Harvey vom Leibnitz-Institut und Aline Fiedler von der Leipziger CDU-Fraktion im Landtag, Vorsitzende des Arbeitskreises für Wissenschaft und Hochschule. Sie sagt: „In der Wissenschaft gibt es keine Ländergrenzen.“

Langfristige Partnerschaften und Seminare auf Englisch

Wer über Internationalität diskutieren möchte, muss sich zunächst auf eine Definition einigen. Fest steht für alle Beteiligten schnell: Internationalität lässt sich nicht nur daran messen, wie viele ausländische Studierende an einer Universität eingeschrieben sind. Vielmehr geht es darum, wie stark sich ausländische mit inländischen Studierenden vernetzen und wie viel von dieser Vernetzung nach dem Studium übrigbleibt. Also auch, ob etwa ausländische Studierende sich längerfristig für Deutschland als Lebens- und Arbeitsmittelpunkt entscheiden. 

Dafür, und auch da war man sich auf dem Podium weitestgehend einig, müssen die Universitäten die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Es brauche langfristige Partnerschaften mit ausländischen Hochschulen, die Leipziger Studierende genauso für ihren eigenen Auslandsaufenthalt nutzen können. Wichtig sei interkulturelle Kompetenz, wie etwa Lehrende, die ihre Seminare in Englisch anbieten, und die Bereitschaft, die Errungenschaften und Unterschiede fremder Hochschulsysteme mit nach Leipzig zu nehmen und dort zu integrieren.

Die Politik muss Weltoffenheit aktiv unterstützen

Schon bald streitet das Podium über die Finanzierung. Soll „Internationalität“ Teil der Grundfinanzierung im Landeshaushalt werden oder bleibt sie vielmehr ein Projekt, für das generell und im Einzelnen immer wieder neues Geld beantragt werden muss? „Die Aufgaben, die mit diesem Thema verbunden sind, müssen dauerhaft finanziert werden“, meint etwa Claudia Maicher von den Grünen. „Notwendig ist zudem, dass die Politik aktiv unterstützt, weltoffen zu sein, und es schaffen muss, dass mehr Studierende aus dem Ausland nach Sachsen kommen.“ Mehr ausländische Studierende - das wünschen sich alle. Doch ist das überhaupt umsetzbar? In der ersten Reihe zumindest rutscht HTWK-Rektorin Gesine Grande so unruhig auf ihrem Stuhl herum, dass sie in die Diskussion einbezogen wird.

„Ich habe da überhaupt keine Steuerungsmöglichkeiten“, sagt sie aufgebracht. „Selbst, wenn ich wollte, ich kann nicht mehr ausländische Studierende nehmen, wenn sie den entsprechenden Numerus clausus nicht haben.“ An der HTWK seien 90 Prozent aller Studiengänge NC-basiert. Ausgewählt werden diejenigen, die die erforderlichen Noten haben, die Besten der Besten also, unabhängig von Nationalität und Herkunft. Ein wenig zerknirscht wirken da die Diskutierenden auf dem Podium – Geld und Wille allein reichen eben nicht aus. Es braucht mehr, wie auch Aline Fiedler weiß: „Ich höre immer wieder, dass die Bedingungen vor Ort am Ende das Entscheidende sind, etwa die Vernetzung zu anderen Forschungseinrichtungen, das Umfeld in der Stadt, ob es beispielsweise englischsprachige Speisekarten gibt, wie die Arbeitsbedingungen als Forscher sind, und so weiter.“

Sachsens schlechtes Image wird zunehmend zum Problem

Ein weiteres Problem ist die Wirkung, die etwa Städte wie Dresden, doch auch Sachsen insgesamt mittlerweile nach außen tragen. Das betrifft längst nicht nur Studierende, die vor der Entscheidung stehen, wo sie einen Auslandsaufenthalt verbringen möchten, sondern vor allem auch ausländische Lehrende oder Verwaltungsmitarbeiter. Gerade in diesen Reihen habe Sachsen mittlerweile einen schlechten Ruf, dem entgegengewirkt werden müsse, finden die Podiumsteilnehmer. „Wir müssen bedenken, welche Bilder da kommen, wenn man Dresden googelt“, sagt Aline Fiedler. Und Staatsekretär Uwe Gaul ergänzt: „Wir kriegen entsprechende Rückmeldungen von Professoren. Da heißt es dann, man könne ja auch nach Lausanne, da ist es vielleicht angenehmer für meine Familien.“ Gaul verstummt kurz und sagt dann noch: „Das beschäftigt uns sehr, muss man ganz ehrlich sagen. Solche Signale bekommen wir auch von außeruniversitären Stellen.“ Um Spitzen-Forschungsbereiche, um die klügsten Köpfe überhaupt, müsse gekämpft werden.

In der ersten Reihe erhebt sich Prof. Rayan Abdullah. Auch er lehrt an der HTWK, und er möchte über Flüchtlinge sprechen. Darüber, wie ihnen die Hürden der Bürokratie das Studium erschweren. Dass sie an der HTWK gerne mehr als die 14 bislang eingeschriebenen geflüchteten Studierenden aufnehmen würden, aber Flüchtlinge aus anderen Bundesländern eben nicht nach Sachsen umziehen dürften. Recht geben ihm an dieser Stelle viele der Podiumsteilnehmer, die Verantwortung für das Problem will dagegen niemand übernehmen.

Dialoge und Austausch sind unerlässlich

Claudia Maicher allerdings möchte es dabei nicht belassen und sagt: „In Sachsen haben sich insgesamt 100 Geflüchtete eingeschrieben, da gibt es noch viel Luft nach oben. Es geht mehr, als der gesetzliche Riegel vorgibt. Es bleiben immer Spielräume, die es einem erlauben, auch auf Landesebene etwas anzustoßen.“ Abdullah organisiert sich noch einmal das Mikrofon. Er sagt: „Sehen Sie, die Flüchtlinge fragen sich zum Beispiel, warum in unseren Hörsälen die Wände immer weiß sind. Warum sie etwa keine Ornamente zieren, wie es im Orient der Fall wäre. Solche Unterhaltungen sind wichtig.“ Internationalität bedeute Austausch, und Austausch führe zu Weltoffenheit. Viel mehr als Weihnachtsmärkte.

Hanna Voß

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