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Thomanerchor: 200 Jahre Aufführungspraxis – eine detektivische Entdeckungsreise

Thomanerchor: 200 Jahre Aufführungspraxis – eine detektivische Entdeckungsreise

Nicole Waitz blickt angestrengt durch ihre schmale Brille auf den flachen Bildschirm vor sich. Die Augen zusammenkniffen, den Oberkörper nach vorn gebeugt. Dann ein kurzes Lächeln, ihr Gesicht entspannt sich.

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Quelle: Ulrike Sauer

Ein Klick und die zierliche schwarze Handschrift aus dem 19. Jahrhundert auf braunen Seiten verschwindet vom Bildschirm. Stattdessen erscheint eine weiße Seite mit einer Eingabemaske. Nicole Waitz ist studentische Hilfskraft und digitalisiert seit vergangenem Herbst mit drei anderen Studenten und dem Musikwissenschaftler Dr. Gilbert Stöck das Repertoire des Leipziger Thomanerchores.

Enge Zusammenarbeit zwischen Geisteswissenschaft und Informatik

„Die Angaben aus den Motettenbüchern zu den Auftritten der Thomaner übertragen wir in die Datenbank, die uns die Informatiker zur Verfügung gestellt haben“, sagt die Studentin der Musikwissenschaft. Aber bevor die Musikwissenschaftler mit dem Einpflegen beginnen konnten, war eine lange Vorarbeit zwischen ihnen und dem Topic Maps Lab, einer Einrichtung der Informatik der Universität Leipzig, nötig. Sie mussten entscheiden, welchen Anforderungen die Datenbank genügen und welche Forschungsfragen sie letztendlich beantworten soll. Die Informatiker um Dr. Lutz Maicher, Leiter des Topic Maps Lab, programmierten daraufhin eine maßgeschneiderte Software für das Projekt.

Denn am Ende soll nicht einfach eine Sammlung von Daten Im Internet bereitgestellt werden, sondern mit Hilfe dieser Datenbank Untersuchungen so einfach wie möglich durchgeführt werden können. Eine dieser Forschungsfragen ist zum Beispiel die nach der Kontinuität in der Aufführung Bachscher Werke. „Wir haben Herrn Stöck und seinem Team eine Datenbank anbieten können, die nicht mehr in einer herkömmlichen Baumstruktur aufgebaut ist, sondern mit Knotenpunkten arbeitet. Diese sind alle miteinander verknüpft“, erläutert Informatiker Peter Scholz. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts. So können letztendlich verschiedene Angaben wie Jahreszahlen mit Komponisten in Verbindung gesetzt werden.

Puzzle und Detektivarbeit

Seit 8 Uhr sitzt Waitz im Büro der studentischen Hilfskräfte vor dem Rechner, wie jeden Montagmorgen. In der dritten Etage des Mendelssohnhauses ist um diese Uhrzeit noch nicht viel Betrieb. Die 30-Jährige sucht den Vermerk in ihrem Notizbuch, an welcher Stelle sie in der vergangenen Woche im Motettenbuch (s. Foto) stehen geblieben ist. „Hier ist es ja, bei 1812.“ Die gescannte alte Buchseite erscheint. Auf den ersten Blick ist nicht viel zu erkennen. Sie rückt näher an den Bildschirm heran. „Die Schrift Anfang des 19. Jahrhunderts ist noch gut zu lesen. Hier hat sich noch jemand Mühe gegeben. Die Einträge späterer Jahre werden dagegen richtig unleserlich. Da rätsel ich teilweise sehr lang an einzelnen Wörtern“, sagt sie. Aber eigentlich sei es auch genau das, was ihr so einen Spaß macht: die Detektivarbeit.

Damit meint sie aber nicht nur das Entziffern alter Handschriften: „Oft kann ich einen Komponisten nicht eindeutig einem Werk zuordnen. Zum Beispiel gab es viele Komponisten mit Namen Weber. Welcher Weber jetzt hier gemeint ist, lässt sich manchmal nur durch viel Literatur- und Internetrecherche herausfinden.“ Doch in diesem Fall ist es für Waitz einfach. Es handelt sich um Carl Maria von Weber. Das aufgeführte Werk befindet sich bereits in der Datenbank, nur unter einem anderen Jahr.

Die nächsten Ziele

Die zur Übertragung benötigten Mitarbeiterstellen werden noch bis Ende September von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Doch es ist eine langwierige Arbeit. „Bisher haben wir rund 20 Jahre in die Datenbank eintragen können, von insgesamt 200“, sagt Gilbert Stöck. Deshalb hofft er, dass die DFG das Projekt noch ein weiteres Jahr unterstützen wird.

Betreut wird die Eingabe der Geisteswissenschaftler in die Datenbank von den Informatikern. Sie beseitigen schnell Probleme mit der Software, kümmern sich um das Design der zukünftigen Homepage und verschiedene Funktionen, die die spätere Suche in der Datenbank erleichtern sollen. „Im Frühsommer sollen die Suchfunktionen auf der Seite reibungslos funktionieren und das Layout auf die Seite übertragen sein“, sagt Dr. Lutz Maicher. Sein Mitarbeiter Scholz ergänzt: „Wir wollen neben der herkömmlichen Suchfunktion einen Regler installieren, den jeder Nutzer auf einem Zeitstrahl hin- und herschieben kann.“ Im Herbst soll das Projekt dann der Öffentlichkeit präsentiert werden, wenige Monate vor dem 800-jährigen Bestehen des Thomanerchores.

Die Autorin Ulrike Sauer ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der LVZ-Online-Redaktion.

Ulrike Sauer

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