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Ungewöhnliche Diplomprüfungen an der Leipziger HGB

Kunst schaffen und drüber reden Ungewöhnliche Diplomprüfungen an der Leipziger HGB

Während andere hinter verschlossenen Türen still über ihren Klausuren sitzen oder vor einem Gremium aus Professoren auf sich allein gestellt sind, ist bei Diplomprüfungen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) volles Haus. Ein Bericht von einer etwas anderen Abschlussprüfung.

Martin Peter vor einem seiner Werke.

Quelle: Theresa Martus

Leipzig. Martin Peter ist entspannt. Er wandert umher in dem großen, lichten Saal, in dem seine Bilder an der Wand hängen, begrüßt hier einen neuen Gast, macht da ein bisschen Smalltalk und wirkt ganz und gar nicht aufgeregt. Zwischendurch steckt er die Stromkabel, die seine Installation versorgen, ein und wieder aus. Auch die Gäste – 80, vielleicht auch 100 Leute – sind gelöst und gesprächig, trinken Bier oder Limo und warten darauf, dass es losgeht. Martin Peters Bilder und Installationen sind an diesem Abend nicht in einer Galerie zu sehen, sondern in einem Saal der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) – und dies ist keine Vernissage, sondern Peters Diplomprüfung.

Peter ist einer von insgesamt 48 Diplomanden, die in diesem Sommersemester ihren Abschluss an der HGB machen. Anders als andere Studierende legen die Künstler ihre Prüfung nicht hinter verschlossenen Türen ab, sondern vor allen Kommilitonen und Dozenten, die sich dafür interessieren, und oft, wie in Martin Peters Fall, auch vor Familie und Freunden. Angst habe er keine, sagt er, aber er sei ein bisschen aufgeregt – „so wie man aufgeregt ist vor einer großen, schönen Sache.“

Die Prüfung ist auch eine Möglichkeit, die Arbeit, mit der er sich lange Zeit allein beschäftigt hat, einem Publikum zu präsentieren und Reaktionen zu bekommen. „Jeder der kommt, geht sehr offen mit Kunst um“, sagt er, mit harscher Kritik sei von den Gästen kaum zu rechnen. Er freut sich, dass auch viele hier sind, die sonst wenig mit der Schule zu tun haben. „Zu denen will ich heute vor allem sprechen.“ Die Gelegenheit dazu hat er: Die Prüfung beginnt mit einem Vortrag, in dem er von seiner Arbeit und den Gedanken dahinter berichtet. Seine Kunst anderen vorzustellen und zu erklären, findet Peter wichtig. „Es reicht nicht, etwas Gutes zu schaffen“, sagt er, „man muss auch darüber reden wollen.“

Doch bevor das Publikum erfahren kann, was es genau sieht, sind die Dozenten an der Reihe. Ein paar Minuten erbitten sie sich, um die Arbeiten in Ruhe zu begutachten. Alle außer den Professoren müssen also raus aus dem Raum, fünf Minuten Pause und für Peter noch einmal Gelegenheit Gäste zu begrüßen. Dann erst geht die Prüfung wirklich los, und Martin Peter erklärt, was Publikum und Dozenten auf den drei großformatigen Gemälde an den Wänden – 2,5 mal 4,75 Meter das größte von ihnen – und den Installationen sehen, die im ganzen Raum verteilt sind.

V2-Raketen und "Deutsche Palme"

Vor dem Malerei-Studium hat Peter Philosophie und Physik studiert, allerdings nicht bis zum Ende – „irgendwann wurde es mir zu genau, so viel musste ich nicht wissen.“ Aber die Themen der Fächer sind hängengeblieben: In den großen, weitgehend abstrakten Gemälden geht es um die V2-Raketen des Zweiten Weltkriegs, und die Stätten, an denen sie gebaut wurden; Peenemünde und Thüringen, Wissenschaft und Geschichte sind hier eingefangen in schwarz, weiß, braun, die großen Flächen immer wieder unterbrochen von Rot und Himmelblau.

Eine andere, zukunftsgewandtere Seite von Peters Arbeit repräsentieren die Installationen. Inspiriert vom Gemeinschaftsgarten Annalinde, wo er in seiner Freizeit mit anpackt, hat er etwas geschaffen, das er eine „deutsche Palme“ nennt: eine Säule, durch deren hohlen Innenraum Nebel wabert und die so die Möglichkeit bietet, hunderte Pflanzen auf sehr kleinem Raum wachsen zu lassen, völlig ohne Erde. Das Modell für die Prüfung ist aus Plastik und gekrönt von einem Zitronenbäumchen; eine fünf Meter lange Variante aus glänzendem Metall liegt noch unbepflanzt daneben. Sie wird später in der Annalinde aufgestellt werden. Dass diese Arbeit eine praktische Anwendung hat, ist ihm wichtig: „Es reicht nicht, Dinge theoretisch zu lösen.“

Der Moment der Dozenten

Während Peter redet, ist das Publikum still und aufmerksam. Dann kommt der Moment der Dozenten. Fünf von ihnen sind heute hier, sie kennen Martin Peter und seine Arbeit. Auch sie haben bis jetzt still zugehört, nun können sie fragen: Wie verläuft sein Arbeitsprozess? Was macht für Martin Peter Kreativität aus? Wie genau sieht er das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst, das seine Arbeit so beeinflusst hat? „Das sind für mich unterschiedliche Angebote, die Welt zu sehen“, sagt der Diplomand, und fügt hinzu, dass die Kunst mehr Spielraum biete als die Wissenschaft.

Der Ton der Fragen ist eher interessiert als prüfend, der Ton der Antworten reflektiert und entspannt und so ist das Gespräch dann auch mehr Konversation als Prüfungssituation. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Ende überraschend schnell zu kommen scheint: „Noch Bemerkungen?“, fragt einer der Dozenten das Publikum nach gerade einer halben Stunde, und das Publikum bleibt stumm, keine weiteren Fragen. Also Händeschütteln und Glückwünsche von den Dozenten, von der Familie, dann ist es offiziell: Martin Peter hat bestanden. Er ist froh, dass es gut lief und auch, dass es vorbei ist – das zumindest ist dann doch genau wie bei anderen Prüfungen.

Martin Peters Arbeiten und die der anderen Diplomanden sind ab dem 10. Juli in der Diplomausstellung in der Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie an ausgewählten Ausstellungorten in Leipzig zu sehen. Mehr Informationen unter www.hgb-leipzig.de

Theresa Martus

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