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Zweifel an Landarztzuschüssen für Medizinstudenten

Ärztemangel auf dem Land Zweifel an Landarztzuschüssen für Medizinstudenten

Die medizinische Versorgung auf dem Land wird prekärer: Fast 200 Stellen für Hausärzte sind in Sachsen unbesetzt, ein Viertel der aktiven Mediziner geht bald in Rente. Eine 2013 eingeführte Beihilfe für Medizinstudenten von 1000 Euro monatlich soll die Misere mindern – doch der Zuspruch ist mäßig.

Zu wenige Medizinstudenten wollen später Landarzt werden.

Quelle: Julia Runau

Leipzig. Lunge abhören, Blutdruck messen, Schürfwunden verarzten – der Alltag von Hausärzten ist meist Routinearbeit. Trotzdem ist die Arbeitsbelastung hoch, der Arbeitstag oft lang und der Verdienst im Verhältnis zu den Kollegen im Krankenhaus niedrig. Das schlägt sich auf das Image nieder: „Der Ruf der Allgemeinmedizin an den Unis ist deutlich schlechter als sie sind“, sagt Tim Vogel, Mitglied im Fakultätsrat Medizin der Uni Leipzig und bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD). So schlecht offenbar, dass es in ländlichen Regionen jetzt schon zu wenige Hausarztpraxen gibt, Tendenz steigend.

Damit sich das ändert, haben das Sächsische Sozialministerium (SMS) und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) im Jahr 2013 eine Ausbildungsbeihilfe für Medizinstudenten eingeführt. 1000 Euro monatlich erhalten Medizinstudenten, wenn sie sich verpflichten, nach dem Studium sechs Jahre lang als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten. Bisher nehmen 34 Studierende an dem Programm teil, zwölf davon sind an der Universität Leipzig immatrikuliert. Pro Jahrgang gibt es in Sachsen 20 Plätze, bisher sind nicht alle vergeben.

„1000 Euro pro Monat sind unheimlich viel Geld“, sagt Studierendenvertreter Vogel. Man müsse allerdings bedenken, dass Allgemeinmediziner in der Weiterbildung durchschnittlich auch weniger verdienen als andere Fachärzte. Insgesamt steht Vogel der Ausbildungsbeihilfe skeptisch gegenüber. Denn viele Medizinstudenten hätten bereits Ärzte als Eltern, oft schon mit einer Praxis im Hintergrund. „Die nehmen das Programm natürlich dankend an“, sagt Vogel. Das eigentliche Ziel sei damit verpufft, da so keine neuen Interessenten angeworben werden, sondern vor allem die Studenten, die auch ohne finanziellen Anreiz eine Praxis übernehmen würden. Weiterer Kritikpunkt: Die Unterstützung sei auch für Studenten mit sozioökonomisch schwachem Hintergrund attraktiv. „Wenn man keine Alternative hat, sein Studium zu finanzieren, ist ein solches Programm natürlich attraktiv“, sagt Vogel. Ein Problem, denn ökonomische Zwänge dürften nicht die Grundlage für die Wahl der Fachrichtung sein. „Damit wird zumindest schleichend die freie Berufswahl eingeschränkt“, bemängelt der Studierendenvertreter.

Weiterhin bezweifelt Vogel, dass man bereits zu Beginn des Studiums eine so richtungsweisende Entscheidung wie die der Facharztwahl treffen kann und sollte. „Mit 18 festzulegen, was ich die nächsten 15 Jahre meines Lebens mache – ich würde das nicht tun“, sagt Vogel, der selbst im achten Semester Medizin studiert. Da nur Studierende im ersten Studienjahr die Förderung erhalten, müssen Interessenten sich aber so früh entscheiden.

Die Kassenärztliche Vereinigung, die das Förderprogramm verwaltet, kann die Kritik nicht nachvollziehen. Die Berufswahl werde in keiner Weise eingeschränkt, heißt es dort. Das Prinzip des Programms sei es, Studenten mit Bezug zur Region dazu zu bringen, in Sachsen zu bleiben. „Sechs Jahre sind eine überschaubare Zeit. Man bindet sich ja nicht ewig“, findet Pressesprecher Ingo Mohn. Außerdem könne man danach noch eine andere Facharztausbildung machen.

Medizinstudent Vogel sieht das anders: „Normalerweise ist man mit Mitte zwanzig mit dem Studium fertig, dann kommen fünf Jahre Weiterbildung und die sechs Jahre als Landarzt. Dann ist man 37. Da noch einmal eine neue Facharztweiterbildung anzufangen ist schwierig.“ Die BVMD plädiert dafür, die Landarztförderung eher qualitativ anzugehen. „Allgemeinmedizin ist nicht unbedingt der Star unter den Fächern“, weiß Vogel. Diesem Image könne man entgegen wirken, zum Beispiel indem man die Allgemeinmedizin besser in das Studium einbinde. „Fast die Hälfte aller Fakultäten in Deutschland hat keinen eigenen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin“, kritisiert er.

Bisher setzt die Politik vor allem auf Pflichtelemente, um Studenten die Allgemeinmedizin näher zu bringen: Jeder Medizinstudent muss eine Famulatur, also ein Pflichtpraktikum, beim Hausarzt absolvieren. Außerdem wurde vor drei Jahren die Zeit für das Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin verdoppelt. BVMD-Mitglied Vogel hält das für verfehlt: „Es wird uns dem Ziel einer gesicherten landärztlichen Versorgung nicht näher bringen, wenn wir in der Allgemeinmedizin immer mehr Pflicht und Zwang aufbauen.“

Stattdessen schlägt die Studierendenvertretung vor, die Allgemeinmedizin über das gesamte Studium verteilt einzubinden. Außerdem hält der BVMD Stipendien für Praktika in Landarztpraxen und Informationsveranstaltungen über den Hausarztberuf für sinnvoll, um dessen Image zu verbessern. Die Kassenärztliche Vereinigung sieht das ähnlich: „Was das Image betrifft, sollten alle am selben Strang ziehen“, bestätigt Pressesprecher Mohn. Die Verantwortung dafür sieht er allerdings bei den Ausbildungsstätten: den Universitäten. Julia Ruhnau

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