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Zwischen Weltruhm und Außenseitertum

Begründung der modernen Psychologie Zwischen Weltruhm und Außenseitertum

Der Geburtsort der modernen Psychologie lag nicht in Wien - sondern in der Leipziger Universitätsstraße. Hier vermaßen Forscher um 1879 den menschlichen Geist. Und begründeten damit das, was wir heute als Psychologie kennen.

Wilhelm Wundt und seine Mitarbeiter am Leipziger Institut, um 1910

Quelle: Universität Leipzig, Psychologisches Institut, Wundt-Archiv

Leipzig. Wie für viele Wissenschaften war das späte 19. Jahrhundert auch für die Erforschung der menschlichen Psyche eine wegweisende Zeit. So entwickelte in den 1880er Jahren in Wien ein gewisser Siegmund Freud die Psychoanalyse: der Versuch, das menschliche Bewusstsein zu lesen, durch Tiefenpsychologie zu enträtseln. Sie sollte Freud in den kommenden Jahrzehnten zu Weltruhm verhelfen.

Der Geburtsort moderner Psychologie lag aber wohl nicht Wien – sondern in der Leipziger Universitätsstraße. 1879 – Freud war erst 23 und hatte noch nicht einmal seine Dissertation eingereicht – zogen eine Handvoll Mediziner und Philosophen an den Augustusplatz. In den Jahren darauf zogen sie mehrmals um, zuletzt in die Universitätsstraße, in das dritte Obergeschoss des neu gebauten Paulinums – ungefähr dort, wo heute das Neue Seminargebäude steht.

Bedeutende Mediziner und Philosophen in der Philosophischen Fakultät

Und der Umzug war nötig: denn diese Forscher brauchten  Platz. Ihr neu gegründetes Institut belegte zwei Korridore des Gebäudes. Sie richteten einen komplett schalldichten Raum ein, und verlangten nicht nur einen Balkon, um direkten Zugang zu Sonnenlicht zu haben, sondern bauten einen ominösen „Dunkelraum“ – so die Bezeichnung auf dem alten Gebäudeplan. Und sie brachten Geräte in die Universitätsstraße, teilweise schwer und verkabelt, eines kurioser als das andere.

Dies war der Beginn des Leipziger „Instituts für Psychologie“. Sein Gründer, erster Leiter und seine bis heute prägende Figur war der Mediziner und Philosoph Wilhelm Wundt (1832 - 1920). Er und seine Mitarbeiter wollten das erste Institut gründen, das die menschliche Psyche vermaß, im Rahmen einer empirisch fundierten, experimentellen Psychologie.

Was heute banal klingt, war im Jahr 1879 eine Neuheit. Psychologische Fragen wurden bis dahin der Philosophie zugerechnet, ihre „Erforschung“ war ein ziemlich spekulatives Unterfangen. „Da wurde noch vom Schreibtisch aus überlegt, wie geistige Vorgänge eigentlich ablaufen“, sagt der Sozialpsychologe Immo Fritsche, der heute am Leipziger Institut forscht. Die Arbeit des Instituts fiel damit in eine Zeit, in der eine Disziplin sehr unterschiedliche Richtungen einschlagen konnte.

Erste Reaktionstests in Leipzig

Das brachte auch fragwürdige Thesen hervor. Eine zeitgenössische Theorie war die Phrenologie, eine „Schädellehre“, nach der es im menschlichen Hirn bestimmte Areale gibt, die für ganz bestimmte Funktionen da sind – etwa moralisches Denken. Phrenologische Überlegungen gingen im 20. Jahrhundert in Rassentheorien auf. „Theorien wie die Phrenologie waren vollständig unempirisch“, sagt Fritsche. „Man hat nicht wirklich nachgeschaut, ob sie sich bestätigen lassen.“ Das habe Wundts Institut in Leipzig revolutioniert: Sie haben nachgeschaut. Experimentell und systematisch.

Bei Wundt und seinen Mitarbeiter standen „Versuche“ auf der Tagesordnung, durchgeführt an den angesprochenen verdrahteten Maschinen, die derzeit in einer Ausstellung im Neuen Augusteum betrachtet werden können. Da findet sich ein Apparat, der aussieht wie eine verkabelte Miniatur-Guillotine, und mit dem die Leipziger Forscher die ersten Reaktionstests der Psychologiegeschichte durchführten. „Solche Apparaturen ermöglichten es, im Millisekundenbereich Stimuli zu aktivieren“, erklärt Fritsche. „Probanden sahen einen Buchstaben oder ein ganzes Wort und sollten genau dann eine Taste drücken, wenn sie erkennen, was ihnen gezeigt wird.“

Über solche Versuche stellten die Leipziger Forscher fest, dass Menschen für das Erkennen eines einzelnen Buchstabens und eines ganzen Wortes die gleiche Zeit brauchten. Ein wichtiger Schritt zur These, dass Menschen Informationen mental in „Gedächtniseinheiten“ repräsentieren. Mögen die Versuche zwar nicht so spektakulär gewesen sein, wie die dazugehörigen Geräte aussehen, boten sie Einblicke in die menschliche Wahrnehmung. Das war wissenschaftlich ertragreich – und sogar ethisch vertretbar.

Nur die wissenschaftlichen Standards von damals können ihr Alter nicht verbergen. Nicht selten führten die Psychologen ihre Experimente untereinander durch, oder zogen nahe Bekannte und Verwandte hinzu. An eine repräsentative und zufällig zusammengestellte Stichprobe der Versuchsteilnehmer, wie heute üblich, dachte man noch nicht. „Das waren eben noch die Anfänge einer Wissenschaft“, sagt Psychologe Fritsche und schmunzelt.

Psychologie stellte zeitgenössisches Denken in Frage

Dabei war die Arbeit des Instituts nicht nur neu, sondern stellte auch zeitgenössisches Denken in Frage, so zum Beispiel die These, dass die menschliche Psyche im Wesentlichen eine „Seele“ sei, die eine eigene Substanz habe. Die Versuche des Instituts dagegen legten nahe, dass es eine „Seele“ nicht gibt. Der Freiburger Psychologe Jochen Fahrenberg, der sich eingehend mit Wundts Werk beschäftigt hat, geht davon aus, dass der Institutsleiter auch deswegen als „Außenseiter“ gesehen wurde.

Ein Außenseiter allerdings mit phänomenaler Außenwirkung: Bald kamen Schüler aus aller Welt nach Leipzig, um hier zu forschen und dabei eine völlig neu gedachte Disziplin zu entwickeln. „Wundt genoss Kultstatus“, sagt Fritsche zum Verhältnis zwischen Institutsleiter und Mitarbeitern. Zu seinen bekanntesten Schülern zählte ein Emil Kraepelin, der die Empirie der Leipziger Schule nutzte, um psychische Störungen sauber zu diagnostizieren. Erster Assistent Wundts war der US-Amerikaner James McKeen Cattell, Mitbegründer der Intelligenzforschung und „Erfinder“ des psychologischen Tests. Viele Bereiche moderner psychologischer Forschungsprogramm haben damit ihre Wurzel in Leipzig.

Bei Weltruhm und Kultstatus blieb es aber nicht für das Leipziger Institut – auch dafür sorgten Schüler Wundts. Felix Krueger etwa, der Wundt 1917 als Institutsleiter folgte, hinterfragte kritisch die Arbeit seines ehemaligen Chefs, und zog die Rückkehr zu einer „Seelenlehre“ vor. Und anders als Wundt, der sich als Humanist sah und auch politisch progressiv eingestellt war, zeigte Krueger offen seine deutschnationale Haltung, unterstützte 1933 das „Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“. Zwei Jahre später wurde Krueger Rektor der Uni Leipzig.

Obwohl Wundts Schüler die Psychologie methodisch und programmatisch zu ihrer heutigen Form weiterentwickelten, zitierten sie ihren ehemaligen Chef aus Leipzig immer seltener, schreibt der Psychologe Jochen Fahrenberg. Ganz ablegen konnte er den Ruf des Außenseiters nicht. Was bleibt, ist das Vermächtnis: die Universitätsstraße als Ausgangspunkt moderner Psychologie.

Lucas Kreling

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