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Einkaufsmöglichkeit zu später Stunde

Spätikultur Leipzig Einkaufsmöglichkeit zu später Stunde

Aus Leipzigs Studentenkultur sind die Spätverkäufe kaum noch wegzudenken. In vielen Stadtteilen finden sich die kleinen Läden, die meist bis spät in die Nacht geöffnet haben. Oft findet man hinter der Theke eine persönliche Geschichte der Besitzer und Geschichten der Nacht.

Auch die Lehramtsstudentin Laura und ihr Freund Stephan sind Spätverkaufs-Fans.

Quelle: David Holland

Leipzig. „Wer hart arbeitet, der muss auch feiern“, sagt Markus Wittpenn und grinst. Er redet von seinen Stammkunden, den Studierenden, die täglich in seinem Spätverkauf im Leipziger Westen einkaufen. „Studenten sind außerdem ein bisschen wie Schichtarbeiter“, ergänzt Wittpenn. Wenn auf den letzten Drücker noch eine Hausarbeit fertig oder ein Seminar vorbereitet werden muss, dann sei der Späti oft der erste Anlaufpunkt. Besonders gefragt: Club Mate, Kartoffelchips und Schokolade.

Der Begriff „Spätverkäufe“, von Studierenden liebevoll Späti genannt, kam in Leipzig in den 90er Jahren auf. Die ersten Spätverkäufe entstanden zu DDR-Zeiten in Ostberlin. Nach dem Fall der Mauer wurde der Begriff auch in Westberlin und später unter anderem in Leipzig übernommen. Spätverkäufe dienten ursprünglich der Versorgung von Schichtarbeitern mit Getränken und Waren des täglichen Bedarfs. Nach und nach entwickelten sie sich zu einem wertvollen Teil der Nachtkultur – besonders unter Studierenden. Längst sind sie nicht mehr nur Einkaufsmöglichkeit mit teils großem Sortiment, das weit über Bier und Softgetränke hinausgeht, sondern auch Treffpunkt. 

Wenn man den Laden von Markus Wittpenn in der Merseburger Straße betritt, fällt sofort die maritime Dekoration auf. „Ahoi“ hat er seinen Späti genannt, in Anlehnung an den alten Lindenauer Hafen gleich in der Nachbarschaft und um die weltoffene Haltung seines Geschäfts zu betonen. Jeder sei in seinem Späti willkommen. Der Raum ist hell, an den Wänden stehen Holzregale. Schokolade reiht sich neben Dosensuppe, Sojamilch und Klopapier. Auf der anderen Seite gibt es Getränke; neben herkömmlichen Marken führt der 53-Jährige auch Handwerksbiere und hochwertige Limonaden im Sortiment. Wittpenn war nicht immer Späti-Besitzer. Er hat in einer Werft als Maschinenschlosser gearbeitet, später Journalistik studiert und besitzt mittlerweile eine Security-Firma. Die Idee mit dem Späti habe er zusammen mit zwei Freunden gehabt. Die beiden anderen haben irgendwann wegen Zeitmangels das Projekt aufgegeben. Wittpenn blieb dran und eröffnete vor einem halben Jahr den „Ahoi“. „Der Westen ist eine spannende Gegend, da entwickelt sich noch viel“, sagt er. Im Süden Leipzigs sei alles schon etablierter.

Der Name „Späti“ deutet es an: Diese Verkaufsstellen haben auch nachts noch geöffnet, wenn alle Supermärkte ihre Türen längst geschlossen haben. Erlaubt ist das eigentlich nicht. Laut dem sächsischen Ladenöffnungsgesetz ist ein Warenverkauf nur von Montag bis Samstag zwischen 6 und 22 Uhr gestattet. Ausgenommen sind Apotheken, Tankstellen, Verkaufsstellen an Personenbahnhöfen und Flughäfen. Bestimmte Waren dürfen auch sonntags verkauft werden, das gesamte Sortiment der Spätverkäufe fällt aber nicht in die Regelung. In Leipzig scheinen die Spätis aber geduldet zu sein. In vielen Stadtteilen gibt es die kleinen Läden mittlerweile.

Auch Familie Soltani verkauft in ihrem Späti noch nach 22 Uhr. An ihrem Schild mit den Ladenöffnungszeiten haben sie kurzerhand drei Fragezeichen hinter die Schließzeiten geschrieben. Die Soltanis betreiben einen Späti in Alt-Lindenau. „Manchmal geht es hier zu wie im Zirkus“, erzählt Nancy Soltani. Besonders dann, wenn stark angetrunkene Kunden im Laden seien. Dann sei die Stimmung auch mal feucht-fröhlich und nicht selten gehe dann auch mal eine Flasche Bier kaputt. „Das nervt schon, besonders wenn viel los ist“, gibt Soltani zu. „Aber die Leute sind trotzdem das Beste an meiner Arbeit.“

Seit drei Jahren betreibt sie mit ihrem 40-jährigen Schwager Nader Soltani und einem von dessen Brüdern den Laden als Spätverkauf. Nader kam 1997 aus Tunesien nach Deutschland. Vor dem Späti hatte die Familie „normale“ Läden an wechselnden Standorten. Der Laden habe sich im Laufe der Jahre positiv entwickelt, erzählt Nancy Soltani. Das Sortiment sei größer geworden und durch den Zuzug vieler Studierender ins Viertel habe sich auch der Kundenstamm erweitert. „Die Studenten sind echt die besten Kunden“, sagt Nader Soltani und lacht. 70 Prozent seiner Kundschaft seien Studierende. Bier und Tabakwaren seien der Dauerbrenner in der Zielgruppe. Aber auch Bioprodukte seien bei jungen Leuten begehrt. „Studenten achten nicht so auf den Preis“, sagt die 29-Jährige. „Die sind froh, wenn sie in der Nacht noch ein Bier und was zu essen bekommen.“

Viele Studierende aus der Südvorstadt sind treue Kunden des „Südplatz-Späti“. Seit über zehn Jahren gibt es den Laden, seit sieben Jahren leiten Susanne und Che Jallow das Geschäft. Der Dauerbrenner auch hier: Mate. Jede Ecke in dem kleinen Laden wird genutzt, um die vielen Produkte auf dunklen Holzregalen aneinanderzureihen. Hinter der Theke hängt eine große Weltkarte, um sie herum Geldscheine aus verschiedenen Ländern. Che Jallow kommt ursprünglich aus Gambia. Wie auch Markus Wittpenn möchte er offen für alle sein und so ein Stück seiner Heimat in den Laden bringen. „Es gehört auch zu meiner Kultur zu helfen“, sagt er stolz. Neben den vielen Studenten kaufen beim „Südplatz-Späti“ auch die Bewohner des gegenüberliegenden Altenheims gern ein. „Es ist schön, dass man hier die Geschichten der Menschen mitbekommt“, sagt Jallow und lächelt. Das gefalle ihm am besten an seinem Job. Einmal sei ein junger Mann in den Laden gelaufen, habe gerufen, dass er Vater werde und sich eine Zigarre und ein Bier gekauft. „Solche Momente vergisst man nicht“, sagt der 35-Jährige.

Doch es gibt nicht nur die guten Seiten im Leben eines Späti-Besitzers. Bei Markus Wittpenn wurde bereits einmal in den Laden eingebrochen. Der Ärger und der finanzielle Schaden waren groß. Und auch die Kundschaft ist nicht immer angenehm. „Wir haben für Sterni und Pfeffi den Preis erhöht, um uns unangenehme Kundschaft vom Hals zu halten“, sagt Wittpenn. Doch trotz mancher Hürden sei der Späti immer noch „sein Baby“. „Mit ein paar Kinderkrankheiten ab und zu“, sagt Wittpenn. Der Anfang sei geschafft, nun wolle er noch weiter an seinem Angebot feilen: vegane Kuchen, Zeitschriften und Bratkartoffeln mit Spiegelei rund um die Uhr – wie in seiner Heimat Bremerhaven. 

Text: Angela Kreß

Audios: Ole Steffen 

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