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Eisenbahnstraße wird zur Studentenmeile

Gentrifizierung Eisenbahnstraße wird zur Studentenmeile

Aufgrund günstiger Mieten werden die Viertel um die Eisenbahnstraße immer beliebter. Studenten prägen zunehmend das Bild auf den Straßen, in öffentlichen Parks und Geschäften. Die neuen Leute im Kiez haben viele Brachen in kulturelle Begegnungsorte umgewandelt und sorgen sich nun, dass die Mieten steigen könnten.

Abendleben auf der Eisenbahnstraße im Leipziger Osten.

Quelle: Nicole Frank

Leipzig. An einem lauen Sommerabend kommen die ersten Spaziergänger aus dem Rabet zurück auf die Eisenbahnstraße. Einige Studenten spielen am Rand der Straßenbahnschienen Karten, der Asphalt ist noch warm von der Hitze des Tages. Gleisarbeiten legen derzeit den Straßenverkehr still und ermöglichen geselliges Treiben auf der Straße.

„Noch vor drei Jahren war es hier wie ausgestorben, jedes zweite Haus stand leer“, erzählt Alex, der im Leipziger Osten zusammen mit einem Freund einen Fahrradladen mit Selbsthilfewerkstatt betreibt. „Als wir damals unsere Werkstatt aufmachen wollten, haben uns die Banken geraten, lieber ein Bademodengeschäft im Leipziger Westen zu eröffnen.“

Henry Hufenreuter, der im Bürgerverein Neustädter Markt seit 1997 die Entwicklung der Gegend um die Eisenbahnstraße verfolgt und mitgestaltet, kennt die Gründe: „Bereits in den 1980er Jahren begannen Bewohner aus den Vierteln wegzuziehen, als bekannt wurde, dass die Stadt den Abriss der Gründerzeithäuser in Neustadt beschlossen hatte. Nach der Wende sind die Leute, die es sich leisten konnten, in die renovierten Wohnungen anderer Stadtteile umgezogen.“ Aufgrund fehlender Kunden schlossen nach und nach viele Geschäfte, die ehemals beliebte Einkaufsstraße wurde immer trister. Seither hat die Straße den Ruf, Leipzigs Zentrum des Drogenhandels und der Bandenkriminalität zu sein.

Alina, eine Politikwissenschaftsstudentin, hat damit kein Problem. Als die 21-Jährige vor drei Jahren mit einem Freund zum ersten Mal in die Gegend kam, war sie begeistert von der internationalen Atmosphäre. Obwohl ihr einige Kommilitonen damals davon abrieten, entschloss sie sich, hierher zu ziehen. Der wichtigste Grund: große Wohnungen und günstige Mieten.

Sie ist nicht die Einzige: „Die Eisenbahnstraße ist vor allem bei Studenten beliebt“, erzählt Immobilienverwalterin Franziska Lohmann. „Auf der Elisabethstraße haben wir ein ganzes Gründerzeithaus umgebaut und jeweils zwei Wohnungen zu einer zusammengefasst. Außer zwei Familien gibt es in diesem Haus nur WGs.“

Zwar sind die Stadtbezirke Süd und Mitte laut Zahlen des aktuellen Ortsteilkatalogs bei Studenten immer noch am beliebtesten. Aber seit einigen Jahren steigt der Studierendenanteil in den Vierteln rund um die Eisenbahnstraße: Waren es im Zentrum-Ost 2011 noch 9 Prozent, lebten dort 2013 schon 21 Prozent. In Neustadt-Neuschönefeld stieg der Anteil von 15 auf 24 Prozent, in Volkmarsdorf von 10 auf 12 Prozent.

Seitdem mehr Leute in die Gegend ziehen, hat sich das kulturelle Angebot stark entwickelt. „Während ich früher abends nur im Leipziger Westen unterwegs war, gehe ich inzwischen fast ausschließlich hier auf Konzerte, zu Theateraufführungen und Partys“, erzählt Studentin Alina. Einige Probleme sieht sie trotzdem: „Hier werden sehr oft Fahrräder geklaut und man wird als Frau immer wieder von fremden Männern angesprochen – und es ist eben auch sehr laut.“ Der Lärm habe aber auch Vorteile: „Wenn wir hier eine WG-Party machen, beschwert sich niemand.“

Bisher bietet der Osten Raum für Kreative, auch wegen der geringen Mieten. Das könnte sich bald ändern: Die Mietverträge von Initiativen wie dem Kulturtreff im Japanischen Haus oder der Selbsthilfewerkstatt Radsfatz stammen noch aus einer Zeit, als das Viertel vor allem von einkommensschwachen Menschen bewohnt wurde und es viel Leerstand gab. Je attraktiver die Gegend wird, desto mehr investieren Hauseigentümer und passen entsprechend die Mieten an. Auch der Gemeinschaftsgarten Querbeet hat nur eine Vereinbarung zur Zwischennutzung mit den Eigentümern der Fläche – bis Ende nächsten Jahres.

Studentin Alina kennt diese Probleme. „Falls die ehrenamtlichen Initiativen nicht bleiben können, bricht hier eine ganze Menge an Kultur weg. Es gibt bisher noch keine richtigen Cafés oder Clubs“, sagt sie. Aktuell plant die junge Frau, zusammen mit anderen Studierenden, Familien und älteren Menschen in ein Wohnprojekt auf dem hinteren Teil der Eisenbahnstraße zu ziehen. Auch Freiräume, zum Beispiel für ein Café oder Werkstätten, wollen sie dort schaffen, um die ehrenamtliche Kultur im Viertel zu erhalten.

Die Symbiose aus migrantischen, traditionellen und neuen Läden sowie die Begegnungsorte der ehrenamtlichen Initiativen prägen die Atmosphäre. Ein studentisches Pärchen ist genau aus diesen Gründen hergezogen. Als ihre neuen Nachbarn vom Deutsch-Türkischen Verein sie beim Möbelschleppen sahen, lud sie eines der Vereinsmitglieder gleich auf ein Getränk ein. Eine nette Geste, fand die junge Frau: „So etwas passiert dir in einem anderen Viertel vielleicht nicht so oft.“

Tom Leonhardt und Nicole Frank

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