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Forschungsprojekt untersucht die Auswirkung von Theater auf Fremdenhass

Theater gegen Fremdenhass Forschungsprojekt untersucht die Auswirkung von Theater auf Fremdenhass

Theater ist eine Möglichkeit, Fremdes zu erfahren und Alternativen zu erproben, sagt Professor Günther Heeg. Eine Möglichkeit, Fremdenhass zu überwinden? Dieser Frage geht der Theaterwissenschaftler in seinem aktuellen Forschungsprojekt nach.

Günther Heeg erforscht die Auswirkung von Amateurtheatern auf Fremdenhass.

Quelle: Universität Leipzig

Leipzig. LVZ Campus: Herr Professor Heeg, in einem Forschungsprojekt wollen Sie unter anderem die Auswirkung von Amateurtheatern auf Fremdenhass erforschen. Wieso ist das so wichtig?

Günther Heeg: Wir stehen aktuell vor einer der größten Herausforderungen unserer Zeit: Unsere Welt wächst immer enger zusammen. Gleichzeitig beobachten wir überall ungeheure Ängste vor allem, was fremd ist, und das Bedürfnis, Grenzen dichtzumachen. Viele Menschen möchten die eigene Kultur von dem Fremden reinhalten. Das ist ein irrationaler Wunsch, der sich auf nichts Reales, auf keine Fakten stützen kann, der aber höchst reale Auswirkungen hat. Wir erleben derzeit ein Ausmaß an Fremdenangst und Fremdenhass, das in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft eigentlich für überwunden gehalten wurde. Es fehlt in hohem Maße an der Fähigkeit, sich Fremden gegenüber zu öffnen.

Wie kann man das ändern?

Es gilt, das Eigene mit fremdem Blick zu betrachten und das Fremde auch in der vermeintlich eigenen Kultur zu erfahren. Theaterspielen ist ein ausgezeichnetes Mittel, die Angst vor dem Fremden abzubauen. Unser vom Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft gefördertes Forschungsprojekt trägt den Titel „Fremde spielen. Amateurtheater als Medium informeller und non-formaler transkultureller Bildung“. Fremde spielen – das heißt, mich dem, was mir Angst macht und mich angeblich bedroht, im Spiel auszusetzen. Dabei können die Spielenden erfahren, dass man sich diesen Ängsten stellen und damit umgehen kann.

Sie widmen sich in Ihrem Forschungsprojekt dem Amateurtheater. Warum?

Zunächst einmal gilt es, ein Vorurteil zu widerlegen. Es gibt immer noch das Klischee, Amateurtheater sei etwas Provinzielles und Minderwertiges. Das seien Laien, die sich in ihrem Alltag ein bisschen vergnügen wollen. Das hat so nie gestimmt. Es gibt in Deutschland den Bund Deutscher Amateurtheater. 2400 Theatergruppen sind dort Mitglied. Einige blicken auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Und gerade, wenn wir an das Thema der transkulturellen Bildung denken, genügt es nicht, nur professionelles Theater zu betrachten. Wir müssen auch die Masse derjenigen in den Blick nehmen, für die Theaterspielen eine ganz alltägliche kulturelle Praxis ist. Es geht uns aber nicht darum, Amateurtheater und professionelles Theater gegeneinander auszuspielen, sondern zu sehen, wie sehr sie sich gegenwärtig aufeinander beziehen.

Wo ist das zum Beispiel der Fall?

Zum Beispiel in den Produktionen „Die Schutzflehenden /Die Schutzbefohlenen“ und „Die Maßnahme/ Die Perser“ am Schauspiel Leipzig, die mit Chören nicht-professioneller Akteure arbeiten, war das so.  Sie sind ein gutes Beispiel für die Vielzahl von Überschneidungen und Grauzonen zwischen professionellem Theater und Amateurtheater.

Denken wir noch einmal an die Überwindung von Fremdenhass. Erreicht Theater denn überhaupt die richtige Zielgruppe?

Theater kann Menschen helfen, den Umgang mit Fremden zu erlernen. Man erreicht damit zwar nicht den harten Kern derer, die ein fundamentalistisches Weltbild mit klaren Feindbildern brauchen, um über die Runden zu kommen. Es spielt aber eine ganz wichtige Rolle bei der transkulturellen Bildung von Kindern, Jugendlichen und anderen, die auf das Leben einer transkulturellen Migrationsgesellschaft vorbereitet sein wollen. Theater erlaubt, reales Geschehen und Handlungsabläufe so durchzuspielen, dass Alternativen sichtbar werden. Damit eröffnet das Theater Möglichkeitsräume; es ist ein „Laboratorium der sozialen Phantasie“, wie Heiner Müller es genannt hat. Das unterstreichen im Übrigen nicht zuletzt die jungen Geflüchteten, die hier in Deutschland angekommen sich mit großer Begeisterung in Theaterprojekten engagieren. Sie haben Schlimmes durchgemacht. Nun gibt ihnen das Theaterspielen die Möglichkeit, das Vergangene durchzuspielen und so Abstand dazu zu gewinnen. Sie können im Theater die neue, fremde Situation spielerisch erproben.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Ob Geflüchtete oder nicht – Theaterspielen ist ein wesentliches Medium, die Ängste vor dem Fremden ins Spiel zu bringen, sie aufs Spiel setzen und im Spiel dem Fremden begegnen. Das gelingt besonders in einem Theatermodell, das Bertolt Brecht gerade für nichtprofessionelle Theaterspieler entworfen hat. Dabei können Rollen getauscht und so die Gefühle des anderen erfahren werden. Dieses Theatermodell hat Brecht „Lehrstück“ genannt. Obwohl es keine konkrete Lehre vermittelt, sondern ein Lernen durch Theater-Erfahrung ermöglicht.

Damit arbeiten Sie dann in Ihrem Forschungsprojekt?

Genau. Dieses Modell, das heute bei Praktikern wie Wissenschaftlern erneut auf breites Interesse stößt, ist dann der Ausgangspunkt unserer Forschung. Es ist ein analytisches Instrument, mit dem sich unterschiedliche Formen von Theater und Theaterpraktiken analysieren lassen.

Wie gehen Sie also vor?

Das Forschungsprojekt ist auf drei Jahre hin angelegt. Im Forschungsprojekt selbst untersuchen wir unterschiedliche Formen und Praktiken von Amateurtheater in Geschichte und Gegenwart unter der Frage, inwiefern sie zu transkultureller Bildung beitragen oder ihr eher im Wege stehen. Dabei beziehen wir verschiedene Aspekte mit ein: die jeweiligen programmatischen Ziele der Amateurtheaterbewegung, die Bildungsvorstellungen, die Dramaturgien des Amateurtheaters, die historische Anthropologie seiner Akteure, den historischen Kontext und die Einbettung in die alltägliche Lebenswelt. Es ist uns wichtig, die Fülle der historischen Entwürfe und Ausgestaltungen sichtbar zu machen, die in der Gegenwart nachwirken oder von erneuter Relevanz sind. Wir wollen eine einseitige Sicht auf die Gegenwart verhindern und ihre Vielschichtigkeit zeigen. Dazu bedienen wir uns einer besonderen Darstellung, die man als eine Geschichtsschreibung der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen bezeichnen kann. Wir haben dieses Modell in dem DFG-Forschungsprojekt „Das Theater der Wiederholung“ entwickelt, das ich seit über drei Jahren gleichfalls leite.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Forschungsprojekt ist ein Kooperationsprojekt des Centre of Competence for Theatre an der Universität Leipzig, dem Bund Deutscher Amateurtheater und der Cammerspiele Leipzig.

Interview: Theresa Hellwig

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