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Jenseits der immer gleichen Klischees über Afrika

Nachrichtenportal „JournAfrica!" Jenseits der immer gleichen Klischees über Afrika

Krisen, Konflikte und Katastrophen bestimmen das Bild von Afrika in den deutschen Medien. Dem wollen Studierende eine vielfältigere Perspektive entgegensetzen. Auf ihrem Nachrichtenportal „JournAfrica!“ übersetzen sie dafür Artikel afrikanischer Journalisten für den deutschen Markt.

Philipp Lemmerich Gründer des Portals JournAfrica

Quelle: JournAfrica

Leipzig. Krisen, Konflikte und Katastrophen bestimmen das Bild von Afrika in den deutschen Medien. Dem wollen Studierende eine vielfältigere Perspektive entgegensetzen. Auf ihrem Nachrichtenportal „JournAfrica!“ übersetzen sie dafür Artikel afrikanischer Journalisten für den deutschen Markt – und hoffen so, die Afrika-Berichterstattung nachhaltig zu verändern.

Westafrika im März 2014: Liberia, Guinea und Sierra Leone sind hilflos der Ebola-Seuche ausgeliefert, bis ein Krisenstab weißer Helfer aufbricht, die Epidemie einzudämmen. Es sind diese Bilder von Afrika, die sich in unserem Gedächtnis einprägen. „Gerade bei der Berichterstattung über Ebola war es augenscheinlich, dass die Leute vor Ort als passiv und hilflos gezeichnet wurden“, sagt Philipp Lemmerich, Ideengeber und Mitgründer des Nachrichtenportals „JournAfrica!“. „Wirklich aktiv sind meist die Weißen, die Europäer. Es waren immer die eingeflogenen Ärzte, die zu Wort kamen. Die Leute vor Ort sind dagegen die Opfer, die darunter leiden.“ 

Unbehagen daran, wie deutsche Medien über Afrika berichten, befiel den Leipziger Politikstudenten, als er bei einem Lokalradio in Togo arbeitete: Einerseits tauchen afrikanische Themen in den westlichen Nachrichten kaum auf, weil das Interesse des Publikums gering ist. Andererseits liege der Fokus klar auf der „K-Berichterstattung“, die sich Krisen, Kriegen und Katastrophen annehme. Das liegt in den Augen des 27-Jährigen daran, wie Auslandskorrespondenten in Afrika arbeiten. So müssten fest angestellte Korrespondenten im Schnitt 33 Länder abdecken, in die sie selbst teils noch keinen Fuß gesetzt hätten. Freie Journalisten hingegen berichteten tendenziell eher über Phänomene, die sie greifen und einschätzen könnten. „Das reproduziert Denkmuster, die sie zuhause gelernt haben und auf die afrikanischen Länder projizieren“, kritisiert Lemmerich.

Doch wie das undifferenzierte Bild ändern, das in den deutschen Medien von Afrika gezeichnet wird? Philipp Lemmerich reicht es nicht, in Radiobeiträgen alternative Sichtweisen einzunehmen. „Das ist nur ein punktueller Beitrag innerhalb eines großen Narrativs. Wir wollten strukturell dazu beitragen, dass es mehr Möglichkeiten im deutschsprachigen Raum gibt, sich zu informieren“, erklärt er. Seine Idee: auf die journalistischen Strukturen vor Ort zurückgreifen und Artikel afrikanischer Journalisten ins Deutsche übersetzen. Gemeinsam mit Freunden organisierte er im Mai vergangenen Jahres einen Aktionstag mit Vorträgen zu Redaktionsaufbau, Netzwerken vor Ort und Webdesign in Leipzig, an dem sie mit der Hilfe von Dozenten das Konzept von „JournAfrica!“ entwickelten. Es ist das erste deutsche Nachrichtenportal, auf dem afrikanische Journalisten über ihren Kontinent berichten – über Ärztestreiks in Simbabwe ebenso wie über Frauenrechte in Ostkongo und Migration trotz Wirtschaftswachstum. Heute stehen hinter dem Projekt ein Team von 15 Redakteuren aus ganz Deutschland, externe Übersetzer und ein wachsendes Netzwerk an afrikanischen Journalisten, die aus 25 Ländern berichten. Ziel ist es, bald alle 54 Länder des Kontinents abzudecken.

Zwar sind es auch bei „JournAfrica!“ die Deutschen, die entscheiden, welche Themen über Afrika gesetzt werden, räumt Philipp Lemmerich ein. Auch sie können sich westlichen Denkmustern nicht entziehen, das sei ihnen bewusst. „Wichtiger ist aber die Frage der Perspektive: Ein afrikanischer Journalist wird die Lage ganz anders einschätzen als jemand, der nur hingereist ist und die Dinge von außen beobachtet“, findet Lemmerich. Mit diesem Ansatz will das Nachrichtenportal eine Lücke füllen: Über Afrika sprechen in den deutschen Medien bislang vor allem die Europäer. „Uns geht es darum, möglichst viele Stimmen zu Wort kommen zu lassen und daraus ein umfassendes Bild einer komplexen Welt zu zeichnen.“

Das Interesse der afrikanischen Journalisten, sich am Projekt zu beteiligen, sei groß, sagt Lemmerich. „Es wird uns viel Vorschuss-Vertrauen entgegengebracht, immerhin haben wir keinerlei Reputation. Aber die Problematik der Afrika-Korrespondenz ist den meisten Journalisten, mit denen wir in Kontakt sind, bewusst. Wenn sie dann von einer Initiative hören, die guten afrikanischen Journalismus nach Deutschland bringen will, werden sie hellhörig.“ Die Vorstellung, alle Journalisten träten ihnen dankbar entgegen, sei dennoch falsch, erklärt Lemmerich: „Es gibt Vollprofis, die nicht bloß für die Aufwandsentschädigung arbeiten, die wir ihnen momentan nur bieten können.“

Noch arbeitet das Team von „JournAfrica!“ ehrenamtlich und bezahlt den Journalisten und Übersetzern ein kleines Honorar, das aus Stiftungsgeldern finanziert wird. Doch die Macher hinter „JournAfrica!“ planen Großes: Sie wollen ihre Artikel an überregionale Zeitungen verkaufen und die Berichterstattung über Afrika durch den Perspektivenwechsel bereichern. Externe Medienpartner spielen eine entscheidende Rolle, um das Konzept eines vielfältigeren Journalismus in die Breite zu tragen. Denn trotz passabler Klickzahlen auf Facebook: Wer sich für Afrika nicht besonders interessiert, wird sich kaum auf die Seite von „JournAfrica!“ verirren. „Wirkung erzielen wir nur, wenn wir mit großen Medien zusammenarbeiten.“ In der Frankfurter Rundschau werde bald einmal pro Monat ein Bericht erscheinen und die Resonanz anderer Medien sei „ganz gut“, berichtet Lemmerich.

Ersetzen wird „JournAfrica!“ die Arbeit der deutschen Afrika-Korrespondenten in den Augen Lemmerichs auch künftig nicht. „Entwicklungen über einen langen Zeitraum unabhängig zu beobachten und in einen internationalen Kontext zu stellen, ist enorm wichtig. Das können wir nicht leisten.“ Bei Konflikten bedürfe es eines unabhängigen Journalisten vor Ort, um die komplexe Gemengelage aufbereiten zu können, da stoße „JournAfrica!“ an seine Grenzen, meint Lemmerich: „Unsere Daseinsberechtigung ist die Lücke: Themen setzen, die nicht erzählt werden und Bekanntes mit einem anderen Blick betrachten.“

Elisabeth Kimmerle

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