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Kunststudenten hinterfragen Völkerkunde

Grassi-Museum Kunststudenten hinterfragen Völkerkunde

Das Grassi-Museum für Völkerkunde will zu einem Ort politischer Bildung werden. Dafür hat seine neue Direktorin Nanette Snoep Leipziger Kunststudenten eingeladen, die Dauerausstellung zu bearbeiten. „Fremd“ heißt der Titel dieser dreimonatigen Intervention. Das Ergebnis polarisiert.

Sieht antik aus, ist aber hochaktuell: In der Ausstellung "fremd" problematisieren drei Vasen die europäische Flüchtlingspolitik am Mittelmeer.

Quelle: Linda Schildbach

Leipzig. Antik muten die drei Keramikvasen auf den schwarzen Stelen an. Doch bei näherem Hinsehen wird erkennbar, dass die Muster aktuelle Situationen der Flüchtlinge am Mittelmeer zeigen: Menschenreihen mit Koffern, Polizisten in Kampfmontur und Personen im Wasser mit Schwimmringen. Ein paar Schritte weiter versammelt eine Videoinstallation Kommentare von Youtube-Nutzern unter dem Thema „Ich bin wirklich nicht rassistisch, aber“.

Mit ihrer Ausstellung „fremd“ im Grassi-Museum für Völkerkunde wollen die Studenten der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchdruck (HGB) vermeintlich klare Begriffe wie „fremd“ hinterfragen und die Besucher zum Nachdenken anregen. „Mich hat interessiert“, erklärt HGB-Professor und Mit-Kurator der Ausstellung, Benjamin Meyer-Krahmer, „dass diese Debatte um sogenannte fremde Kultur und unsere Kultur im Moment wieder sehr stark in Richtung Abgrenzung geführt wird.“

Auf zwei Etagen setzen sich die 26 Kunststudenten so mit dem Konzept des ethnologischen Museums auseinander. Ist Völkerkunde in Zeiten des Internets noch relevant? Ist es aktuell? Durch Dokumentarfilme und Interviews zeigen sie zum Beispiel Folgen der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia, die sonst in der Ausstellung kein Thema ist. Oder sie stellen einen kleinen Fernseher vor eine indische Hütte und lassen „Traumschiff“-Ausschnitte abspielen, um zu zeigen, dass in dieser deutschen Erfolgsserie andere Kulturen als exotische Kulisse benutzt werden. Das „Fremde“ existiert hier als Projektionsfläche für Träume und Sehnsüchte. „Wir wollen das Museum selbst zum Exponat machen“, erklärt Benjamin Meyer-Krahmer. Denn bei dem Völkerkundemuseum handelt es sich um eine europäische Erfindung des 19. Jahrhunderts, zu Hochzeiten des Kolonialismus. Laut dem Kurator wurde so der Graben zwischen „unserer“ und „fremder“ Kultur institutionell etabliert.

Wir wollen zeigen, dass sich die Zeit verändert“

Das Grassi-Museum für Völkerkunde wurde 1869 gegründet und besitzt 200 000 Exponate, die zu 80 Prozent aus der Kolonialzeit stammen. „Was erzählen uns diese zigtausend Objekte eigentlich über die sogenannten fremden Kulturen?“, fragt Meyer-Krahmer. Ein grundlegendes Problem ist, dass die Exponate im Museum größtenteils nicht datiert sind und den Besuchern damit keine Möglichkeit zur zeitlichen Einordnung der gezeigten Werkzeuge oder Lebensweisen dieser Kulturen zu geben. Das kreiere unterschwellig das Bild von der fortgeschrittenen „eigenen“ Kultur gegenüber der rückständigen „fremden“, so der Professor. Einige Studenten haben deshalb auch Informationstafeln erstellt, die die Exponate in einen historischen und politischen Kontext einbettet.

Der Kunststudent Jamal Cazaré war von der Vielzahl der gezeigten Objekte überfordert, als er die Original-Grassi-Ausstellung sah: „Man verliert den Blick auf das Detail und kann die Gegenstände gar nicht mehr richtig erfassen.“ So auch bei der Sammlung von Kunstgegenständen aus dem ehemaligen westafrikanischen Königreich Benin. Hier werden Bronzeabgüsse, die Kriegsmomente und kulturelle Szenen zeigen, mit monumentaler Elfenbeinschnitzerei und Katzenfiguren zusammengestellt. Der 29-Jährige Kunststudent hat sich deshalb entschieden, die Vitrinen dieser Sammlung mit schwarzer PVZ-Folie abzukleben und nur vereinzelt vertikale Streifen freizulassen. Das zwinge die Besucher dazu, andere Perspektiven einzunehmen und die Exponate einzeln zu betrachten, nicht als Masse. „Wir wollen nicht zeigen, dass wir es besser machen“, erklärt Jamal Cazaré. „Wir wollen zeigen, dass sich die Zeit verändert und damit auch die Perspektive auf eine solche Ausstellung.“

Über Fremdheit muss diskutiert werden

Auch Nanette Snoep will das Museum verändern. Seit Januar 2015 ist sie die Leiterin der Sächsischen Ethnografiesammlungen, wozu auch das Grassi-Völkerkundemuseum gehört. In der Modernisierung von Museen hat sie Erfahrung: Zuvor hatte sie in Paris gelebt und das Museum „Quai Branly“ zu Frankreichs modernstem Ethnologie-Museum entwickelt. Ein Museum ist für sie ein Ort politischer Bildung, für aktuelle Diskussionen und Konflikte. Durch die Veranstaltungsreihe „Grassi invites“ (Grassi lädt ein), möchte sie das Leipziger Museum einem breiteren Publikum zugänglich machen und zu Debatten anregen. Den Auftakt machte am 29. Januar die HGB mit ihrer Ausstellung „fremd“, weitere Kooperationen mit internationalen Ethnologen und geflüchteten Personen folgen. „Wir müssen diese Diskussion anfangen“, sagt die 44-Jährige, „besonders hier in Sachsen mit dieser ganzen Xenophobie!“

Nanette Snoep und die Studenten der HGB bringen frischen Wind in ein Museum, das seit sieben Jahren unverändert dieselbe Dauerausstellung zeigt. Doch mit der Intervention der Studenten prallen auch die Vorstellungen der akademischen Kunstwelt auf die der normalen Besucher. „Da wird kontrovers diskutiert“, erklärt die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit Ute Uhlemann die Reaktionen der Besucher. „Sie sind zweigeteilt: Entweder sie finden es gut, dass wir uns öffnen, oder sie sind total irritiert. Es gibt da kein Grau, nur Schwarz und Weiß.“ Alles in allem würde die Ausstellung jedoch gut angenommen, sagt Uhlemann. „Und vor allem: die Leute diskutieren und das ist ja, was wir wollten.“

Von Linda Schildbach

Hinweis: Von der Ausstellung „fremd“ kann man sich noch bis zum 8. Mai 2016 selbst ein Bild machen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Das Grassi-Museum für Völkerkunde nimmt auch an der „Museumsnacht Halle + Leipzig“ an diesem Sonnabend, dem 23. April, teil.

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