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Mit Hauspartys gegen das System

Feierkultur zu DDR-Zeiten Mit Hauspartys gegen das System

Da es im Leipzig der 70er- und frühen 80er-Jahre so gut wie keine Ausgehmöglichkeiten gab, ergriffen die Studierenden selbst die Initiative. Ein Blick in die Feierkultur zu DDR-Zeiten.

Aufgrund der fehlenden Partykultur im Leipzig vor der Wende lud Olaf Walter oft zu Mottopartys in seine Wohnung.

Quelle: privat

Leipzig. Leipzig ist jung, Leipzig ist sexy – und Kneipentouren auf der Karli oder Technoclub-Besuche sind angesagt. Vor 30 Jahren war der Begriff „Weggehkultur“ noch nicht geprägt, die meisten Kneipen schlossen vor Mitternacht, in den Studentenclubs war offiziell 24 Uhr Schicht. In den Bars ging es freilich bis in die Morgenstunden – und natürlich bei den Hauspartys.

Abheben aus Oppositionsgründen

Olaf Walter war einer von denen, die zu DDR-Zeiten regelmäßig zum geselligen Umtrunk einluden. Er, der vor 15 Jahren die Szenekneipen „Besser Leben“ und danach das „Noch Besser Leben“ gründete, lud schon zu DDR-Zeiten regelmäßig zum geselligen Umtrunk in seine Dachgeschosswohnung im Leipziger Zentrum. Meistens standen diese Feiern unter einem bestimmten Motto: „Man hat sich immer ein bisschen Mühe gegeben, wenn man eingeladen hat. Von der Qualität des Alkohols war leider nicht so viel zu erwarten, deswegen wollten wir das durch unsere Kreativität wettmachen.“ Auf einem alten Foto sind Leute mit Gasmasken und Bierflaschen zu sehen. Ein anderes dokumentiert eine Wohnung, deren Boden mit zerknülltem Zeitungspapier bedeckt ist. Das dritte Foto zeigt den heute 53-jährigen Walter bei einer 20er Jahre Party mit Monokel. „Wir lebten ja in einem Arbeiter- und Bauernstaat. Da ging es schon aus Oppositionsgründen darum, sich ein bisschen abzuheben. Und da war diese intellektuelle Attitüde eine wunderbare Sache.“

Getrunken wurde auf diesen Partys eigentlich alles, was „irgendwie geleiert hat“. Neben Bier etablierte sich selbstgemachter Wein in vielen privaten Wohnzimmern zum Standardpartygetränk, während in so mancher Leipziger Küche eine Zehn-Liter-Gallone „Roter“, also Rotwein, vor sich hin gluckerte. Daneben war Obstwein beliebt. Der war zwar preiswert, aber nicht besonders bekömmlich. Herben Wein gab es selten und nur dann, wenn man sich gut mit der Konsum-Verkäuferin seines Vertrauens verstand. Dann wurde er kistenweise gekauft und man hoffte, dass die Ration das Wochenende überstand.

Das sogenannte „Clubbing“ war zwar noch nicht erfunden, aber  abseits der Hauspartykultur gab es eine vor allem studentische Clubszene in Leipzig. Nahezu in jedes Wohnheim war ein Partykeller oder eine Kneipe integriert – hinzu kamen etwa der TV-, Bahu- oder DHfK-Club. Und natürlich die Moritzbastei, wo jene, die kein Ticket ergattert hatten, freilich draußen blieben, bis zu vorgerückter Stunde die Gäste-Rotation in den Gewölben einsetzte.

Die MB entstand in den 70er-Jahren auf Initiative der Studierendenschaft und Mithilfe der FDJ. Von Anfang an dabei war Jochen Wisotzki. Von 1973 bis 1977 studierte er in Leipzig Journalistik und zählt zu den vielen GründerInnen der Moritzbastei: „Gefühlt jede Stadt in der DDR hatte damals einen Studentenclub. Weimar hatte den Kasseturm, Halle den Moritzturm, Dresden den Kellerklub. Nur Leipzig hatte nichts.“ Zuerst wurde ein zentraler Ort gesucht, an dem man feiern konnte. Die Katakomben der alten Stadtbefestigung schienen wie gemacht für die Interessen der Leipziger Studierenden. Nachdem die zuständigen Behörden überzeugt wurden, konnte die Bauphase beginnen. „Da haben Zehntausende im Laufe von zehn Jahren dran mitgearbeitet. Eigentlich fast jeder Student.“ Als der erste Bauabschnitt im Jahr 1979 offiziell in Betrieb genommen wurde, war der heute 63-jährige Wisotzki schon nicht mehr Student.

Spontanes Ausgehen? Keine Option!

Die Bands und DJs – damals als „Schallplattenunterhalter“ firmierend – bedurften einer offiziellen Einstufung durch eine staatliche Kommission, die vorher einen Blick auf die Playlist warf. Von geselligem Beisammensein war die Rede. „Wenn hinterher alle zur Musik rumgehopst sind, dann war das zwar erfreulich, aber oft nicht das primäre Ziel“, erinnert sich Walter.

Sowieso war die technische Ausgangslage für musikalische Klang-Ekstasen eingeschränkt. Die meisten Boxen waren selbstgebaut, die Verstärker selbst zusammengelötet. Im Rückblick erinnert sich Walter besonders an die Besuche im Keller der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), wo auch Indie-Bands auftraten, bevor die Disko startet. Die HGB-Leitung sei der studentischen Subkultur freundlich gesonnen gewesen.

Mit gemischten Gefühlen denkt Walter zurück an seine „wilden Jahre“ in der DDR. Natürlich sei man in seiner Freiheit eingeschränkt gewesen. „Da muss man sich nichts vormachen. Aber Herrgott, wir waren jung, wir waren verliebt. Es war eigentlich auch eine geile Zeit.“  

Kahwe Mohammady

Video: David Holland

Hinweis: Dieser Artikel wurde nach der Veröffentlichung redaktionell überarbeitet. Die Darstellung, es hätte zu DDR-Zeiten keine Weggehkultur gegeben, entbehrt der damaligen Lebenswirklichkeit.

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