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Nietzsche: “Leipziger Studenten scheinen dumm“

Friedrich Nietzsches Lehrjahre an der Uni Nietzsche: “Leipziger Studenten scheinen dumm“

Er ist einer der berühmtesten Alumni der Uni Leipzig: Vor seinem Werdegang als Philosoph hat Friedrich Nietzsche vier Jahre an der Alma mater studiert. Auf Spurensuche nach einem Studentenleben zwischen Schopenhauer-Zirkeln, Hybris und Schmutzwäsche.

Friedrich Wilhelm Nietzsche im Jahr 1869.

Quelle: Wikimedia Commons

Leipzig. Vor 150 Jahren hat sich Friedrich Nietzsche an der Universität Leipzig immatrikuliert, und –  welch ein Zufall: genau ein Jahrhundert nach Goethe. „Ich kann gar nicht sagen, wie erfrischend dieses zufällige Ereigniß auf mich wirkte“, schrieb er später, „sicherlich ein gutes Omen für meine Leipziger Jahre.“ Laut dem Universitätsarchiv wurde Nietzsche zwar erst einen Tag später eingeschrieben, am 20. Oktober 1865 – doch die Legende hat überdauert.

Im Dorf Röcken in Sachsen-Anhalt als Sohn eines Pastors geboren und in Naumburg aufgewachsen, hatte der spätere Philosoph zu jener Zeit bereits ein Jahr lang klassische Philologie und evangelische Theologie in Bonn studiert. Mit seiner dortigen Lage unzufrieden, wechselt er als 21-Jähriger an die Leipziger Alma Mater. Er studiert wieder klassische Philologie, doch seine freien Stunden widmet er der Philosophie.

Nietzsches erste Eindrücke von der Uni sind ernüchternd. „Die Leipziger Studenten mißfallen uns. Sie sind zumeist knirpsartig und scheinen dumm“, schreibt er einem Freund. Doch das legt sich bald: Mit seinen Kommilitonen gründet er einen philologischen Verein und findet Gleichgesinnte, um alle zwei Wochen zu „schopenhauern“. Schopenhauers pessimistische Philosophie hatte er im Antiquariat seines Vermieters in der Blumengasse (heute Scherlstraße) entdeckt.

Die Zeit in Leipzig ist für Nietzsche die wissenschaftliche Selbstfindungsphase. Hier tut er sich als Musterstudent seines Professors Friedrich Ritschl hervor, der das philologische Ausnahmetalent seines Schülers erkennt und ihn fördert. Auch Richard Wagner lernt Nietzsche in Leipzig kennen. Die Begegnung der beiden im Haus des Professors Brockhaus überwältigt Nietzsche und markiert den Beginn einer wechselvollen Freundschaft.

Allzu wild ist Nietzsches Studentenleben in Leipzig nicht gewesen. Zwar geht aus seinen Briefen hervor, dass er durchaus gern Konzerte besuchte und in die Kneipe ging; aber seine Faszination fürs Dionysische wurde wohl eher beim Genuss von Wagners Musik als in exzessiven Trinkgelagen erweckt. Seinen Tagesablauf regelt Nietzsche diszipliniert: Er steht sehr früh auf, arbeitet morgens allein und besucht vormittags Kurse an der Uni. Danach setzt er sein Selbststudium fort bis zum Schlafengehen, wenn er sich nicht gerade mit Freunden zum Debattieren trifft.

Auch auf sein Äußeres achtet der Student. In Leipzig lässt er sich seinen unverwechselbaren Schnurrbart wachsen und seine Kleidung schickt er zum Waschen seiner Mutter in Naumburg. „Ihr bekommt heute schmutzige Wäsche; ich wünschte sehr, recht bald mit Wäsche und einigen Nahrungsmitteln versehn zu werden“, fordert er in einem Brief. Lässt die saubere Wäsche auf sich warten, wird er gar noch deutlicher und verlangt eine „rapide Beschleunigung des Wäschprozesses“.

Vier Jahre lebt Nietzsche in der Messestadt, bevor er 1869 mit gerade einmal 24 Jahren dem Ruf als außerordentlicher Professor für Philologie an die Universität Basel folgt. Die Zeit in Leipzig bezeichnet er in einem Brief an einen Freund als „höchst entscheidungsvoll für mein Leben“. Schon als frisch an der Alma Mater Eingeschriebener hatte Nietzsche die „bescheidne Hoffnung, dass man nach wieder hundert Jahren auch unserer Immatrikulation gedenkt“ – ebenso wie der Goethes. Diese Bescheidenheit ist freilich Selbststilisierung: Wie Ulf Heise in seinem Buch "Ei da ist ja auch Herr Nietzsche" schreibt, nennt sich Nietzsche schon lange vor seiner Promotion, die er übrigens erhält, ohne eine Dissertation geschrieben zu haben, selbstgewiss „Herr Doktor Nietzsche“.

Von Elisabeth Kimmerle

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