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Opernaufführung „Kommilitonen!“: Ein lautstarker Aufruf zum Protest

Hochschule für Musik und Theater Opernaufführung „Kommilitonen!“: Ein lautstarker Aufruf zum Protest

Die Sommeroper der Hochschule für Musik und Theater (HMT) drehte sich in diesem Jahr um studentischen Protest und repressive Systeme. Die Erinnerung an die politische Verantwortung jedes Einzelnen fiel dabei sehr laut aus. In der vergangenen Woche fand die letzte Vorstellung statt.

Die Anführerin der Roten Garde (Lissa Meybohm) kennt keine Gnade mit "Volksfeinden".

Quelle: Siegfried Duryn

Leipzig. In einem Land regiert eine nationalistische Partei. Zuletzt hatte sie im Volk immer mehr Rückhalt gewonnen. Seitdem sie an der Macht ist, beschneidet sie nach und nach die Presse und bringt sie unter ihre Kontrolle. Bald wendet sie sich einer aggressiven Expansionspolitik zu. Ethnische Minderheiten werden diskriminiert und schließlich verfolgt. Ein paar Studenten begehren gegen die Zustände auf, starten kleine Aktionen, um ihren Protest auszudrücken und an ihre Mitbürger zu appelieren. Sie werden erwischt und landen vor Gericht, angeklagt wegen Volksverhetzung. Als sie nicht von ihren Überzeugungen ablassen wollen, werden sie hingerichtet.

Das Schicksal der Geschwister Scholl und ihrer Weißen Rose. Doch wer diese leichte Verallgemeinerung liest, wird keine Schwierigkeiten haben, die Begebenheiten auch in der heutigen Zeit zu verorten. Vielleicht noch ohne ihre so finale Konsequenz. Welch besseren Anlass gibt es also, in einem künstlerischen Werk an Studenten und ihr Leben in repressiven Systemen zu erinnern?

Die Hochschule für Musik und Theater (HMT) hatte in diesem Jahr die Oper „Kommilitonen!“ von Peter Maxwell Davies zu ihrer großen Sommeroper erkoren. Die Produktion vereinte verschiedene Korporationen der Hochschule. Chor, Orchester und Studenten des Masterstudiengangs Operngesang gestalteten das Stück gemeinsam unter der Leitung von Matthias Oldag und Matthias Foremny. Vergangene Woche gaben die jungen Sänger und Musiker ihre Abschlussvorstellung.

„Kommilitonen!“ - ein modernes Werk aus dem Jahre 2011 - vereint drei Geschichtsstränge: Die Geschwister Scholl und die Weiße Rose, zwei Studenten aus der chinesischen Kulturrevolution Mao Zedongs sowie James Meredith, ein Afro-Amerikaner, der sich 1962 als erster schwarzer Student an der Universität von Mississippi einschreiben will. Drei Stränge, drei Musikarten. Davies gestaltete die Themen nach ihren entsprechenden Schauplätzen. Für die Geschwister Scholl orientierte sich der Brite an deutschen Volksliedern, für James Meredith an amerikanischen Musicals und Gospels. Für die Ereignisse in China griff Maxwell unter anderem auf die traditionsreiche Erhu zurück. Ein zweiseitiges Streichinstrument, dessen Klang jeder sofort mit dem Reich der Mitte assoziiert. Als Spieler konnte Lu Jianguo gewonnen werden, ein Virtuose auf diesem Instrument und begeisterter Vermittler der chinesischen Kultur. Schade nur, dass sein schönes Spiel oft in dem großen Orchester der HMT unterging.

Auch der Gesang wurde mehrfach ein Opfer der lauten Instrumente. Ungünstig für eine Oper, die hauptsächlich aus rezitativischen Elementen besteht. Der Grund ist aber vor allem in der Art der Musik selbst zu suchen. Moderne, disharmonische Klänge beherrschen den allgemeinen Ton. Die unruhige Spielart greift die Gewalt der Szenen auf, unterstreicht Ungeheuerlichkeiten auf der Bühne mit ungeheurer Lautstärke und schrägen Melodien. Die Oper sägt am Nerv der Zeit. Vor allem der Chor musste in dieser Produktion seine Wandlungsfähigkeit beweisen: Von tobenden Roten Garden in China über die Geister der Ahnen bis zu Ku-Klux-Klan-Männern. Die jungen Frauen und Männer legten auf der Bühne eine sehr überzeugende Performance an den Tag und lieferten in jeder Geschichte den passenden, stimmgewaltigen Hintergrund.

Auch die Solisten zeigten neben großen gesanglichen auch gute schauspielerische Leistungen. Vor allem Philipp Jekal als James Meredith und Claire Gascoin als chinesischer Student Wu taten sich hier hervor. Jakob Eberlein als Großinquisitor überzeugte neben seinem Bass-Gesang auch mit seinem darstellerischen Ausdruck. Der Geistliche ist allerdings kein Teil der originalen Oper, sondern Teil einer klugen Variation: Die HMT-Akteure bedienten sich der Parabel vom Großinquisitor von Fjodor Dostojewski, in der ein spanischer Inquisitor dem im 16. Jahrhundert zurückgekehrten Jesus vorwirft, die Menschen mit seiner unbedingten Freiheit ins Elend zu führen. Unter Begleitung eines gregorianischen Chorgesangs legt die alte Erzählung ihren Finger in eine moderne Wunde: dass sich Menschen für das vermeintliche Gefühl von Sicherheit und Stabilität nur allzu oft einer freiheitsberaubenden Macht unterordnen.

Die Sänger trugen die Oper in jeder Hinsicht an die Zuschauer heran. Flugblätter flogen von der Empore in die Menge, Mitläufer des Naziregimes mischten sich als Leute wie du und ich unter das Publikum. Das Stück ist seinem Auftrag, Studenten wie Nicht-Studenten an die Notwendigkeit eines individuellen Protests zu erinnern, mehr als gerecht geworden. Wie viel die Vorgänge der einzelnen Geschichtsstränge verbindet, zeigte sich, als die verschiedenen Charaktere begannen, einander wahrzunehmen. Gleichzeitig verwiesen die Vorgänge um James Meredith und die chinesische Kulturrevolution auf die Frage, ob Gewalt ein legitimes Mittel des Widerstandes ist. Das Finale schließlich war - wie sollte es anders sein - stimmgewaltig. Für die, die aufstehen und kämpfen, „gibt es keine Grenzen für Freiheit“. Dazu ein wiederholtes „Kommilitonen!“, als Aufruf an die Bildungselite von morgen. Diese Parole aus dem Mund aller beteiligten Sänger, untermalt durch das Orchester und gipfelnd in einem gewaltigen Crescendo war jedoch schon wieder zu viel Pathos für ein solch gegenwärtiges und ernstes Thema.                                                            

„Selten schien es so wenig Grund zum Aufstand zu geben“, hieß es in der Einführung des Stücks. Deutsche Studenten seien weniger denn je an Politik als vielmehr an ihrer Karriere interessiert. Schön, wenn man es sich leisten könne. Doch die Möglichkeit und die Pflicht zum Protest solle dabei nie vergessen werden, damit am Ende nicht wieder „der kollektive Rausch über die individuelle Verantwortung siegt“. Die Sommeroper der HMT hat in einem lauten, nichtsdestotrotz beeindruckenden Rahmen dazu beigetragen.

Von Dennis Blatt

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