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Studienbeginn wird immer häufiger zur Aufgabe von Mama und Papa

Nicht ohne meine Eltern Studienbeginn wird immer häufiger zur Aufgabe von Mama und Papa

Raus aus der Schule, rein in die Uni – für junge Menschen traditionell der Start ins Erwachsenenleben und der erste Schritt in die Unabhängigkeit. Doch bei Infoveranstaltungen rund um das Studium stellen zunehmend die Eltern Fragen.

Quelle: Zeichnung: Janine Hesse

Raus aus der Schule, rein in die Uni – für junge Menschen traditionell der Start ins Erwachsenenleben und der erste Schritt in die Unabhängigkeit. Doch bei Infoveranstaltungen rund um das Studium stellen zunehmend die Eltern Fragen zu Studenten-Wohnheimen, Bafög und Credit Points. Ist diese Fürsorge übertrieben oder mangelt es angehenden Studenten an Selbstständigkeit?

Es ist Samstag um 12.30 Uhr, die Sitzreihen im Hörsaal 8 der Universität Leipzig füllen sich langsam. Die Veranstaltung hat begonnen, immer wieder trudeln Nachzügler ein. Alles wie immer also, nur dass an diesem Samstag keine Studenten auf den Stühlen sitzen, sondern Eltern. Genauer gesagt: die Eltern zukünftiger Studenten. Sie sind gekommen, um sich anzuhören, warum sich das Studieren hier lohnt, was Leistungspunkte sind und welche Vorzüge das Leipziger Nachtleben bietet.

Seit 2011 bietet die Universität auf dem jährlichen Studieninformationstag eigens Vorträge für Eltern an. Das Angebot wird rege genutzt, die Veranstaltungen sind jedes Jahr gut besucht. „Es kommen kaum mehr junge Leute ohne ihre Eltern“, schildert Claudia Schoder vom Career Service, der Berufsberatungsstelle der Uni, ihre Eindrücke. An den Infoständen auf dem Campusgelände sieht man tatsächlich viele Leute jenseits der Dreißig: viele alleine, einige mit Sohn oder Tochter im Schlepptau. „Die Eltern sind die, die das Wort führen“, fasst Schoder ihre Beobachtungen zusammen.

Kerstin und Steffen Gimpel sind mit ihrer Tochter Edeline aus Berlin angereist. Sie haben sich einen Vortrag zum Lehramtsstudium angehört, später wollen sie sich noch eine Wohnung ansehen und sich über die Studiengänge an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) informieren. „Aber das Lehramt interessiert sie am meisten“, erklärt Vater Gimpel die Studienwünsche seiner Tochter. Edeline lächelt schüchtern und nickt. Leipzig gefällt den Gimpels bisher gut, hier ist es heimeliger als in Berlin, findet die Mutter. „Da geht man ja unter.“

Die Eltern sind aus Neugier mitgekommen, um zu verstehen, was es mit Bachelor und Master, Modulen und Credit Points so auf sich hat. Steffen Gimpel hat zwar bis zur Wende selbst studiert, doch jetzt habe sich ja alles verändert. Die beiden Erwachsenen sind deshalb zur Unterstützung dabei, vor allem, weil Edeline gerade Abitur schreibt und nicht viel Zeit für die Studienplanung hat. „Die Entscheidung liegt natürlich bei ihr“, betont Steffen Gimpel, „aber am Anfang sind wir schon immer noch dabei.“

Die Angebote, die interessierte Eltern wie die Gimpels jetzt nutzen, wurden 2011 im Rahmen einer Imagekampagne für den Studienstandort Sachsen eingeführt, erklärt Dr. Solvejg Rhinow, Leiterin der Zentralen Studienberatung. „Wir haben uns da am Bedarf orientiert“, sagt sie. Das Interesse der Eltern an Studienthemen sei vor allem seit der Bologna-Reform 2006 stark gewachsen. Neben der Vorlesung gibt es am Informationstag deshalb spezielle Campusführungen, außerdem sind die Eltern eingeladen, die Mensa zu testen und Wohnheime zu besichtigen.

Am meisten interessiert Väter und Mütter dabei, wie viel das Studentenleben in Leipzig kostet: „Der Fokus liegt auf der Finanzierung“, erklärt Studienberaterin Sonja Butenuth. Neben Bafög und Semesterticket ist die Unterbringung ein Thema, teilweise auch die späteren Berufsaussichten. „Ich habe das Gefühl, dass Eltern weiter in die Zukunft denken“, sagt Butenuth. Sie habe allerdings auch den Eindruck, dass Vater und Mutter oft auf Wunsch ihrer Kinder dabei sind. „Für die sind die Eltern oft die kompetenten Ansprechpartner.“

Karin und Jens Bachmann wollen ihrem Sohn bei der Fächerwahl freie Hand lassen. „Das ist ja sein Leben“, finden die beiden. Allerdings ist er der erste in der Familie, der studiert. Die beiden sind deshalb gekommen, um sich anzusehen, wie das „System Uni“ funktioniert. Der Sohnemann ist derweil auf eigene Faust auf dem Campus unterwegs.

Die Unsicherheit darüber, was ein Studium bedeutet, ist einer der Hauptgründe, warum Eltern so zahlreich den Campus stürmen. Bei einigen ist das eigene Studium schon lange her, andere haben nie studiert. Viele sehen dem Studium daher mit Besorgnis entgegen und haben Angst, dass ihre Kinder überfordert sein könnten. „In den Medien liest man ja immer vom Leistungsdruck“, erklärt Rhinow das Phänomen. Viele Eltern fragen sich, ob ihr Kind nur eine Nummer ist. Die Angst vor einem Massenbetrieb, in dem ihr Sprössling untergeht, lässt viele aktiv werden.

Solange Vater und Mutter ihr Kind nicht zu sehr unter Druck setzen und kontrollieren, findet Rhinow das vollkommen in Ordnung. Befremdlich sei es dagegen, wenn die Eltern in Vertretung des Kindes Fragen stellen, findet Angela Hölzel, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit beim Studentenwerk. Sie glaubt, dass hinter dem Engagement der Anspruch steckt, von Anfang an alles richtig zu machen. „Da haben wir uns früher nicht solche Gedanken gemacht“, sagt sie.

Wenn angehende Studenten noch mitten im Abiturstress stecken, findet sie es gut, wenn deren Eltern ihnen bei der Studienwahl unter die Arme greifen. Sie sollten sich aber nicht zu sehr einmischen und ihren Kindern ruhig zugestehen, sich erst einmal auszuprobieren und Fehler zu machen. „Vielleicht kommt ja bald wieder die Erkenntnis, dass das so besser wäre.“

Julia Ruhnau

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