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Trinken wissenschaftlich betrachtet: So funktioniert Alkohol

Hochprozentig Trinken wissenschaftlich betrachtet: So funktioniert Alkohol

Wie genau sind eigentlich Promillerechner, was passiert mit uns, wenn wir Alkohol trinken und was sollte man vor dem Trinken essen? Wir haben mit dem stellvertretenden Leiter des Rudolf-Böhm-Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Ralf Regenthal, über unser Trink-Experiment gesprochen.

Auch der Konsum von Alkohol kann wissenschaftlich beleuchtet werden.

Quelle: Julia Regis

Leipzig. LVZ Campus: Im Internet kann man mit sogenannten Promillerechnern – unter Angabe von Alter, Größe, Gewicht und Geschlecht – ausrechnen, wie viel Alkohol man für einen gewissen Promillewert trinken kann. Kann man sich auf solche Rechner verlassen?

Ralf Regenthal: Im Wesentlichen sind das die Faktoren, die den zu erwartenden Blutalkohol beeinflussen. Was allerdings weniger bekannt ist und von diesen Promillerechnern nicht berücksichtigt wird: Von Mensch zu Mensch schwankt, wie genau diese Promillerechner den Blutalkoholgehalt vorhersagen können. Bei dem einen kann der Promillerechner sehr genau sein. Bei dem anderen kann aber der Blutalkoholgehalt etwa 20 bis 30 Prozent von der Vorhersage des Promillerechners abweichen.

Angenommen, man würde einen bestimmten Promillewert über einen längeren Zeitraum halten wollen: Wie viel Promille baut der Körper pro Stunde ab?

Im Regelfall heißt es, dass der Organismus in etwa 0,1 Gramm pro Kilogramm und Stunde eliminieren kann. Aber auch diese Angabe unterliegt der Einschränkung, dass eine Variabilität von bis zu einem Drittel existieren kann.

Könnte man also theoretisch gegen diesen Verbrauch antrinken?

Theoretisch sollte das gelingen, praktisch aber wohl eher nicht. Den tatsächlichen individuellen Abbau in der konkreten Situation kann man nicht voraussagen. Das hängt ja auch zum Beispiel davon ab, unter welchen Bedingungen man Alkohol trinkt, ob Sie vorher gegessen haben oder nicht. Das hat alles einen Einfluss auf die Aufnahme des Alkohols aus dem Magen-Darm-Trakt, als auch auf die Blutspiegelkurve insgesamt. Außerdem darf man nicht vergessen: Mit der Dauer und auch der zunehmenden Eintrübung ist man in seinem Handling immer eingeschränkter. Man kann also möglicherweise gar nicht mehr umsetzen, was man sich vorgenommen hat.

Sie sagen, dass es einen Unterschied macht, unter welchen Bedingungen man Alkohol trinkt. Kann die psychische Verfassung oder die Einstellung den Trunkenheitsgrad tatsächlich beeinflussen?

Sie werden sich bei vergleichbarem Alkoholkonsum eher betrunken fühlen, wenn Sie vorher eine halbe Stunde gejoggt haben und dann zwei Bier trinken. Sie werden sich wahrscheinlich eher gut fühlen, wenn Sie aus einer relativ entspannten Situation heraus genüsslich nachmittags in ihrem Garten langsam ein kühles Bier genießen. Es ist also entscheidend, in welchem Maße man erregt oder ausgepowert ist.

Das hängt damit zusammen, in welchem Erregungszustand sich unser zentrales Nervensystem befindet. Es macht einen Unterschied, ob es eher ausgeglichen ist oder viele Neurotransmitter freigesetzt werden und wie viel Adrenalin im Organismus ist. Und wenn man völlig ausgepowert ist, einen eher niedrigen Blutzucker aufweist und das Niveau der zuvor stark erhöhten aktiven Neurotransmitter absinkt, stellt sich nur eine kurze Phase ein, die man als angenehm erlebt und man ist schneller betrunken, weil der Organismus arm an Energiereserven ist.

Immer wieder hört man, dass eine gute Grundlage vor dem Alkohol trinken wichtig ist. Was genau bewirkt das?

Wenn Sie sich eine definierte Menge Alkohol vorstellen, die Sie pro Zeiteinheit aufnehmen, können Sie im Vergleich mit oder ohne Nahrungsaufnahme vorher einen deutlichen Unterschied in den sogenannten Blutspiegelkurven feststellen. Bei gefülltem Magen, also mit guter Grundlage, erreichen Sie an Alkohol im Blut innerhalb einer bestimmten Zeit etwa nur zwei Drittel dessen, was Sie bei nüchternem Magen erreichen würden. Im Regelfall verzögert sich die Aufnahme des Alkohols ins Blut. Die Blutspiegelkurven erreichen nicht so stark ausgeprägte Spitzen, das beginnende Trunkenheitsgefühl oder die Angeregtheit verschiebt sich zeitlich nach hinten und damit verspürt man auch die Wirkung des Alkohols später und länger andauernd.

Muss man vorher essen oder hilft es auch, wenn man währenddessen etwas isst?

Man kann auch währenddessen noch schnell essen, das wird den gleichen Effekt, allerdings nicht in dem Ausmaß zeigen. Aber es kommt doch schon zu einer zeitlichen Verzögerung der der Aufnahme. Jedoch spielen dann natürlich noch andere Faktoren eine Rolle: Wie viel Volumen ist da schon an Bier oder anderen Alkoholika geflossen, wie ist der Magen gefüllt, sind hochprozentige Spirituosen im Spiel gewesen? Grundsätzlich sollte man möglichst nicht auf nüchternen Magen größere Mengen Alkohol trinken.

Wenn man mit Freunden in der Kneipe sitzt, fällt oft der Satz: „Ich spür den Alkohol schon!“ Was genau ist es, das man da spürt?

Grundsätzlich ist das, was man subjektiv als anfängliche Alkoholwirkung reflektiert, eher eine angenehme Wirkung. Man spürt, dass man aufgeschlossener, kontaktfreudiger, mitteilungsbedürftiger ist – bevor dann im späteren Verlauf bei weiterem Trinken vielleicht eher die negativen Wirkungen eintreten. Dieses positiv Erlebte resultiert aus einer Interaktion des Alkohols mit dem zentralen Nervensystem. Unsere normale Physiologie ist darauf ausgelegt, immer eine Homöostase anzustreben – also eine Ausgeglichenheit zwischen erregenden und hemmenden Einflüssen an bestimmten Hirnarealen. Man geht davon aus, dass der Alkohol die Funktionen spezifischer Rezeptoren beeinflussen kann. Dabei werden die enthemmenden Rezeptoren verstärkt angesprochen und das erlebt man dann subjektiv als Erregung.

Jeder hat so sein liebstes alkoholisches Getränk, mancher verträgt beispielsweise keinen Wein, hat aber mit dem höherprozentigen Wodka keine Probleme. Woran liegt das?

Es spielt natürlich eine Rolle, wie der Alkohol zusammengesetzt ist. Es gibt diese typischen Begleitstoffe in Weinen, die von manchen Personen weniger gut vertragen werden. Im Volksmund sind diese als Fuselöle bekannt. Rotweine zum Beispiel sind oft eine Kater-Bombe. Manche vertragen aber auch die Sulfite nicht, die im Prozess der Herstellung entstehen. Da gibt es viele Möglichkeiten, weshalb jeder für sich austesten muss, was er gut verträgt.

Welche Auswirkungen hat es, wenn man während des Trinkens beispielsweise noch zusätzlich raucht?

Das obliegt sicher auch einer sehr subjektiven Einschätzung. Neben der zunehmend narkotischen Wirkung des Alkohols kommt dann natürlich noch die Kohlenmonoxid-Belastung hinzu. Man raucht ja auch unkontrollierter, während der Blutalkoholspiegel zunimmt. Da man mehr Kohlenmonoxid ausgesetzt ist, entsteht ein erniedrigter Sauerstoffgehalt im arteriellen Blut. Dadurch wird vermehrt Energie anaerob, also nicht aus Glukose produziert, um die Grundfunktionen des zentralen Nervensystems aufrechtzuerhalten. Die Stoffwechselleistung insgesamt nimmt ab und es kann sich eine Ansäuerung entwickeln, die mit Gewebsanschwellung (Oedem) und Elekrolytverschiebungen verbunden ist. Das führt in Kombination mit Alkohol zu stärkeren Kater-Symptomen.

Wenn man Alkohol trinkt, muss man ab einem gewissen Punkt ziemlich häufig auf die Toilette. Woran liegt das?

Ein höherer Blutalkoholgehalt führt dazu, dass ein bestimmtes Hormon in unserer Hirnanhangsdrüse beeinflusst wird – das Adiuretin. Dieses Hormon sorgt dafür, dass viel von der in der Niere filtrierten Flüssigkeit wieder vom Körper aufgenommen wird. Durch den Alkohol wird die Adiuretin-Sekretion gehemmt. Unser physiologischer Regulator, der dafür sorgt, dass wir nicht zu viel Flüssigkeit ausscheiden, wird also während akuten Alkoholgenusses gehemmt. Wenn man aber beispielsweise Bier trinkt, hängt das natürlich auch mit der erhöhten konsumierten Menge an Flüssigkeit überhaupt zusammen.

Anmerkung: Alle Aussagen in diesem Interview, bezüglich der Wirkung von Alkohol oder beispielsweise dem Abbau von Alkohol, beziehen sich auf Erwachsene, also Menschen ab 18 Jahren.

Interview: Maria Gramsch und Julia Regis

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