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Über den Dächern der Stadt

Freiräume Über den Dächern der Stadt

Es ist nicht ganz legal und auch nicht ungefährlich. Dennoch entspannen Leipziger Studenten auf Hausdächern und in leeren Fabrikgebäuden der Stadt.

Drei Zimmer, Küche, Dach: Matthias genießt den Blick von seiner Ersatzterrasse aus. Zuweilen wird hier auch gegrillt oder im Planschbecken gebadet.      

Quelle: Privat

Matthias lässt seinen Blick über das Leipziger Rathaus und die Katholische Probsteikirche St. Trinitatis schweifen. Er hat die Beine ausgestreckt und sitzt zurückgelehnt da, mit den Armen stützt er sich hinten ab. Matthias heißt eigentlich anders. Seinen richtigen Namen möchte der 21-Jährige lieber nicht in der Zeitung lesen. Denn das Flachdach, auf dem er sitzt, ist nicht frei zugänglich.

In Leipzig gibt es noch viele Dächer, die man ohne große Mühe betreten kann, meist durch eine kleine Luke auf dem Dachboden. Legal ist das nicht – und manchmal auch nicht ganz ungefährlich. Im Mai war eine 22-jährige Studentin in Schleußig tödlich verunglückt, als sie versuchte, auf ein Vordach zu klettern. „Ich denke, wenn man vorsichtig ist und nicht zu nah an die Kante geht, kann auch nichts passieren“, sagt Matthias.

Für den Studenten und seine Wohngemeinschaft im Zentrum Leipzigs ist das Dach wie eine eigene Terrasse. Einen Grill haben sie ganz in der Nähe deponiert. An heißen Tagen bauen sie manchmal sogar ein Planschbecken auf dem Dach auf. Sie befüllen es über einen Schlauch, den sie in der Dusche ihres Badezimmers anschließen. „Der Wasserdruck reicht locker, um ein Planschbecken auf dem Dach vollzubekommen“, sagt Matthias. Er selbst lernt auch gerne dort oben. Er studiert Tiermedizin im vierten Semester, bald steht das Physikum an. „Das Dach ist wie ein Stück Privatsphäre mitten in der Stadt“, sagt der Student und blickt sich um. „Wir haben auch schon Partys auf dem Dach gefeiert. Da gab es eigentlich nie ein Problem.“ Irgendwann habe er dann mal seine Wäsche auf dem Dach getrocknet. „Das hat scheinbar irgendwem nicht gepasst“, so Matthias. Danach sei das Dach gesperrt worden. Mittlerweile ist es wieder zugänglich.

Partys und Plantschbecken auf dem Dach

Doch nicht nur die Dächer von Wohnhäusern sind oft noch frei zugänglich. Nach der Wende wanderten viele Firmen ab, oft blieben die leeren Industriegebäude zurück. Einige wurden mittlerweile saniert, andere verfallen. Auch diese Industriebaracken haben zum Teil Dächer, die sich mit wenig Aufwand begehen lassen. „Auf jeden Fall eine lange Hose und feste Schuhe anziehen“, hat Lukas im Vorhinein über Whatsapp geraten. Auch er heißt anders, möchte anonym bleiben. Über einen Schleichweg drückt er sich an einem Zaun vorbei auf das Gelände einer alten Fabrik im Leipziger Südosten. An den verfallenen Gebäudeteilen entlang steigt er über Äste, Schutt und alte Farbdosen am Boden und geht zur Rückseite des Gebäudes. Von dort ist es leicht, in das Gebäude zu gelangen. Drinnen ist es stockdunkel, Lukas zieht eine Stirnlampe aus seiner Tasche.

Über fünf Stockwerke geht es nach oben. Eine dicke Schicht aus Staub und Schutt bedeckt den Boden, dazwischen Glassplitter, Zigarettenkippen und leere Bierdosen. „Es ist schon viel aufgeräumter als letztes Mal“, sagt Lukas und grinst. Der Soziologiestudent steigt immer wieder in alte, verlassene Gebäude ein. „Meist komme ich mit Freunden. Alleine ist es gefährlich. Man weiß nie, ob in alten Gebäuden nicht doch mal eine Treppe bricht“, erklärt er.

"Es ist ein schöner Platz, um abzuschalten"

Vom Turm des Fabrikgebäudes hat man einen guten Blick über ein Waldstück, einen Park und ein angrenzendes Wohngebiet. Der 25-Jährige schwingt sich auf die Mauer zwischen zwei Säulen und lässt seinen Blick über die Umgebung wandern. „Es ist ein schöner Platz, um abzuschalten“, sagt er. Und er gibt zu: „Eigentlich ist das Hausfriedensbruch. Ich wurde auch schon mal erwischt, aber meist passiert nichts weiter. Und eigentlich stört es ja keinen, solange man nur hier sitzt.“

Auf dem Weg nach draußen macht Lukas noch einen Abstecher durch die alte Maschinenhalle. Die Wände wurden mit bunten Graffiti besprüht. Teile des Dachs sind herausgebrochen. Von irgendwoher hört man ein Knacken. „Ich treffe hier oft auch auf andere Leute“, erzählt der Student. Weiter hinten erkennt man noch einen alten Aufzugschacht in der Wand. Auf dem Boden verlaufen rostige Schienen, die früher wohl dem Materialtransport dienten. Überall an den Wänden hängen Zettel mit schwarz-weißen Kästchen und Zahlen. „Es sieht so aus, als ob hier eine Renovierung geplant wird“, erklärt Lukas. Schade fände er es schon, wenn man nicht mehr in die Gebäude könnte. „Aber wenn sie etwas Schönes daraus machen, finde ich das auch gut.“

Angela Kreß

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