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Wo sich einsame Herzen finden

Universitätsbibliothek Albertina Wo sich einsame Herzen finden

Der Lesesaal West der Albertina unterscheidet sich von gewöhnlichen Bibliotheksräumen: "Saal der einsamen Herzen" lautet sein Beiname. Wer Handynummern austauschen oder sich zum Date verabreden möchte, ist hier richtig.

Im Lesesaal West der Albertina wird nicht nur gearbeitet, sondern auch geflirtet.

Quelle: Vera Podskalsky

Leipzig. Morgens, neun Uhr in Leipzig: Jule passiert die schwere Drehtür der Universitätsbibliothek Albertina, durchquert die imposante Eingangshalle und geht die Treppen hinauf. Sie biegt links ab und betritt den Lesesaal West. Der ist heller und schöner als die anderen Säle. Außerdem stehen weniger Computer auf den Tischen, sodass man viel Platz für Bücher und den eigenen Laptop hat. Jule setzt sich in die Mitte des Saals, packt ihre Sachen aus und macht sich an die Arbeit. Zunächst liest sie einen wissenschaftlichen Aufsatz. Wichtige Textstellen markiert sie mit ihrem pinkfarbenen Textmarker. Plötzlich rutscht ihr der Stift aus der Hand und landet auf dem Teppichboden. Sie will ihn gerade aufheben, als ihr eine fremde Hand zuvorkommt. Erstaunt blickt Jule in das Gesicht ihres Sitznachbarn, den sie zuvor gar nicht beachtet hat. Unwillkürlich ist sie von seinem Blick gebannt. "Kaffee?", flüstert der Fremde und lächelt charmant. Da Jule ohnehin nicht besonders gefesselt von ihrem Text ist, kommt ihr eine Pause nicht ungelegen. "Gerne."

Szenen wie diese sind keine Seltenheit im Lesesaal West. Caroline Bergter, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit in der Albertina, wundert das nicht: "Hier sitzen sich die Studenten direkt gegenüber und fühlen sich unbeobachtet – anders als im Lesesaal Ost, wo die Servicetheke mitten im Raum steht. Hier geht man eher hin, um schnell etwas am Computer nachzuschauen."

Nachdem Jules Kaffeepause vorbei und die Nummer ihres Sitznachbarn im Handy eingespeichert ist, kehrt sie zu ihrem Platz zurück. Prompt wird sie wieder vom Lernen abgehalten. Dieses Mal erfolgt die Kontaktaufnahme sehr direkt. Ein Student kommt auf sie zu und lädt sie ohne Umschweife in das Bibliotheks-Café ein. Nun wird Jule stutzig und hakt nach: "Darf ich fragen, warum du mich gerade hier ansprichst?" – "Aber du sitzt doch im Saal der einsamen Herzen!"

Die Mehrheit der Studenten kennt den Saal der einsamen Herzen

Fragt man im Café der Bibliothek nach, finden sich vereinzelte Bibliotheksbesucher, die genauso unwissend sind wie Jule. Manche reagieren sogar entsetzt, als sie von diesem Beinamen erfahren. "Was?! Dann setze ich mich da ab sofort nicht mehr rein", sagt ein Mädchen stirnrunzelnd. Eine andere kennt den Saal der einsamen Herzen und seine Bedeutung zwar, findet das "Getue um den Saal" aber albern und kindisch. Fast schon wissenschaftliches Interesse bekundet hingegen ein älterer Herr, der sich häufig in der Bibliothek aufhält: "Ist das eine gängige Praxis?", fragt er interessiert, als er von dem Mythos erfährt.

Die Mehrheit der Studenten jedoch kennt und schätzt den Saal. Eine Ehemalige, deren Studium bereits zehn Jahre zurückliegt, vergleicht den Saal sogar mit einer beliebten Dating-App: "Zu meiner Zeit war das wie Tinder.“

Wann genau und wie der Saal seinen Beinamen bekommen hat, lässt sich nicht mehr nachverfolgen. Den meisten Mitarbeitern der Bibliothek ist der Saal der einsamen Herzen inzwischen ebenfalls ein Begriff. Petra Löffler arbeitet an der Servicetheke im Lesesaal Ost. Der Spitzname des Lesesaals West ist für sie nichts Neues. Ihre Kollegin Lilija Künstling denkt sogar, dass der Name sinngemäß auf die ganze Bibliothek zutrifft: "Wenn man hier jeden Tag sitzt und immer wieder denselben Leuten begegnet, passiert so etwas schnell." So groß, dass man am Empfang eine Wegbeschreibung zum Saal der einsamen Herzen einholen kann, ist der Bekanntheitsgrad des Saals dann aber doch nicht. Der Sicherheitsbedienstete am Empfang reagiert zwar belustigt, hat aber noch nie davon gehört.

Jule hat bereits ihren dritten Kaffee intus. Nach Kaffee Nummer zwei hat sie ihr Gegenüber, ein Student in den Mittzwanzigern, immer wieder schelmisch angegrinst. Nach einer Weile ist er aufgestanden, hat sich über den Tisch gebeugt und eine Postkarte auf ihren Platz gelegt. "Du lernst so angestrengt. Lust, einen Kaffee zu trinken?", stand darauf. Trotz zunehmend schlechtem Gewissen aufgrund des unproduktiven Tages hat es Jule nicht übers Herz gebracht, die Einladung abzuschlagen.

Facebook-Seite mit fast 900 Fans

Verabredungen im Saal der einsamen Herzen scheinen häufig zu gelingen. Zumindest, wenn man dem Saal selbst glaubt. Seit März 2011 ist er auf Facebook aktiv und hat mittlerweile fast 900 Fans. Die Facebook-Seite ist unter anderem auch Anlaufstelle für diejenigen, die sich nicht trauen, den Sitznachbarn persönlich anzusprechen.  "Ihr träumt von dem gutaussehenden Mediziner, mit dem ihr noch nie ein Wort gewechselt habt? Der Saal der einsamen Herzen hat sich überlegt, euch zu helfen. Schickt mir eure Nachrichten, ich poste sie anonym hier auf dem Profil", heißt es im Informationstext auf der Facebook-Seite. Meistens sei Hilfe aber gar nicht nötig, schreibt der Saal in einem Facebook-Interview mit der LVZ-Campusredaktion: "So wie ich das beobachte, bekommen die das sehr gut alleine hin."

Jule hat ihren Vorsatz, produktiv zu sein, in der Zwischenzeit aufgegeben. Zum Kaffee wurde sie zwar nicht mehr eingeladen, doch der jüngste Kontaktaufnahmeversuch hat sie amüsiert: Dieses Mal kam ein Zettel mit einer Telefonnummer zu ihr herübergeflogen. Der Absender: Ein gutaussehender Student mit rostroter Lockenmähne. Bei näherer Recherche stellt sich heraus, dass dieser ein bekanntes Gesicht unter Bibliotheksbesuchern ist. Durch ausgereifte Taktiken imponiert er immer wieder hübschen Damen. Vor der Öffentlichkeit sollen diese Strategien aber offensichtlich geheim gehalten werden. Auf Kontaktversuche von LVZ Campus reagierte der Bibliotheks-Casanova zurückhaltend.

Mysterium Saal der einsamen Herzen

Damit ist er kein Einzelfall. Auf Anfrage der LVZ-Campusredaktion veröffentlichte die Universität Leipzig einen Facebook-Aufruf. Gesucht wurden Geschichten, die sich im Saal der einsamen Herzen ereignet haben. Der Aufruf erhielt zwar 425 Likes, wurde 19 Mal geteilt und 20 Mal kommentiert. Auf Nachfragen reagierte allerdings niemand. Das, was im Saal der einsamen Herzen vor sich geht, scheint genauso wie seine Entstehungsgeschichte ein Mysterium zu sein, das nicht gelüftet werden soll. Auch der Saal selbst gibt sich rätselhaft. Auf die Frage, wie er zu seinem Namen gekommen ist, antwortet er: "Oh, es war einmal… Und dann… am Ende… und jetzt heiß ich halt so." Caroline Bergter findet das nicht schlimm: " Wir möchten eigentlich gar nicht wissen, wer hinter der Facebook-Seite steckt. Wir lassen das einfach laufen. Es spricht ja schließlich für die Bibliothek, wenn sich die Besucher mit ihr identifizieren." Auch die Direktion wisse vom Saal der einsamen Herzen und betrachte das Ganze mit Wohlwollen.

Jule ist auf dem Nachhauseweg. Von den geschilderten Szenen hat sie in Wirklichkeit nur eine erlebt. Alle anderen haben sich zwar auch ereignet, allerdings sind sie nicht Jule passiert, sondern Interviewpartnern, die nicht genannt werden wollen. Welches Jules Erlebnis ist, soll ganz im Geiste des Saals der einsamen Herzen unaufgelöst bleiben.

Lisa Kutteruf und Vera Podskalsky

Schreibt uns eure Erfahrungen

Sicher ist: Es gibt noch mehr Geschichten rund um den Saal der einsamen Herzen. Die LVZ-Campusredaktion ist nach wie vor an Informationen jeder Art interessiert. Wer seine Erfahrungen teilen möchte, schreibt an campus@uni-leipzig.de

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