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Dokwoche Leipzig: Der zweite Tag

Ist das noch Dokfilm oder schon Inszenierung? Dokwoche Leipzig: Der zweite Tag

Am zweiten Tag des Internationalen Wettbewerbs der Leipziger Dokwoche heizte Roberto Minervini mit „The Other Side“ eine alte Diskussion wieder an: Wie weit kann, darf, soll ein Dokumentarfilm gehen? Und wo beginnt die Inszenierung, also der Spielfilm?

„The Other Side“ von Roberto Minervini erzählt von Mark, der im tiefsten Louisiana lebt, an der Nadel hängt, Kriegsspiele liebt und Obama hasst.

Quelle: Dokwoche

Leipzig. Jahr für Jahr die gleichen Fragen: Ist das noch dokumentar? Oder ist das schon inszeniert? Gehört also gar nicht in Leipzigs Dokwoche, sondern in ein Spielfilmfestival. Der Italiener Roberto Minervini Goldene Taube 2013 für „Stop the Pounding Heart“, Familienporträt aus der amerikanischen Provinz) heizt die Genre-Diskussionen wieder mal so richtig an.

„The Other Side“ reiht erneut Szenen aus der amerikanischen Provinz. Louisiana, wo es am tiefsten ist. Mark lebt mit Lisa in einem Trailer. Sie spritzen Stoff. Sie baden nackt im Fluss. Sie haben Sex. Er rudert durch Mangrovensümpfe, besucht die krebskranke Mutter und die gebrechliche Großmutter, die zu Country-Musik versunken tanzt, streift bei Kriegsspielen durch die Wälder, steigt mit dem Bruder in die Schule ein, hasst Obama und liebt die American Legion. Die Grenzen zwischen Beobachtung und Inszenierung, wirklichem Leben und Leben nachspielen sind fließend und flirrend.

Unwirkliche Atmosphäre

„The Other Side“ will aber wohl auch eher eine schwüle, verschwitzte, unwirkliche Atmosphäre anrufen, als den Alltag weißer Rand-Existenzen porträtieren. Dabei ist er dann auch ungeheuer suggestiv – und erinnert an die somnambule Stimmung der Filme von Jim Jarmusch.

In Stimmungen taucht im Internationalen Wettbewerb auch Sergej Loznitsa ein. „The Event“ (Niederlande/Belgien) montiert Schwarz-weiß-Archivbilder, die zwischen dem 19. und 21. August 1991 in Leningrad entstanden, als Putschisten in Moskau Gorbatschow absetzten und Jelzin sich gegen die Putschisten stellte. In einer Szene ist Putin im engen Kreis der Stadtoberen an der Newa zu erkennen.

Leningrad beim Putsch gegen Gorbatschow

Die Kamera geht durch Demonstranten, blickt auf Barrikaden, Kundgebungen und Tribünen, auf denen für Reformen und Freiheiten und gegen die Junta gesprochen wird. Auf der Tonspur Radio-Aufrufe, Appelle, Anklagen, Ansprachen und „Schwanensee“-Musik. Das Ballett lief den ganzen Tag im TV. Die sowjetische Fahne wird eingeholt, die russische Trikolore gehisst, am Ende summt es durch den Smolny wie zur Oktoberrevolution. Doch nun wird die KP vertrieben.

„The Event“ ist eine Hymne, ein sinfonisches Schwelgen in Bildern, Worten, Klängen. Eine Erinnerung an einen Aufstand, der in Ernüchterung endete. Daran lässt der letzte Satz, der auf der Leinwand erscheint, keine Zweifel. Er bleibt der einzige Kommentar. Der Rest ist tiefes Vertrauen ins authentische Bildzeugnis.

Leben auf Lampedusa

Auf einen Felsen der EU-Grenze ist der Österreicher Jakob Brossmann mit „Lampedusa im Winter“ gegangen. Die Insel, 110 Kilometer vor Afrika, einen Kilometer lang, drei breit, 5000 Bewohner, trifft die Flüchtlingswelle immer wieder. Nicht nur dabei fühlen sich alle von Sizilien, Italien, der EU verlassen.

Die altersschwache Fähre ist ausgefallen, die Versorgung bricht zusammen. Die Insulaner wollen ein neues Schiff und blockieren dafür den Hafen. Doch die Fischer müssen aufs Mittelmeer, sonst verdienen sie nichts. Während der Zorn steigt, protestieren Flüchtlinge vor der Kirche, läuft die Küstenwache immer wieder wegen havarierter Flüchtlingsboote aus, liegen auf dem Friedhof jene, für die die Küstenwache zu spät kam. Eine unaufgeregte Reportage, die von einer Realität erzählt, die nie in den Nachrichten auftaucht.

Leise und langsam, bedächtig und behutsam erzählt Hyuck-jee Park aus Südkorea in „With or Without you“ von einer seltsamen Frauen-WG. Seit 46 Jahren leben Magg-i, die Lebenstüchtige, und Chun-hee, die geistig Zurückgebliebene, unter einem Dach. Magg-i holte Chun-hee als Zweitfrau ins Haus.

Sie bekam den Sohn für Magg-is Mann und durfte bleiben. Der Ehemann ist tot, nun arbeiten beide auf dem Feld, kaufen ein, gehen zum Arzt. Als Magg-i bei der Tochter ist, bricht Chun-hees Alltag zusammen. Als bei Chun-hee Anzeichen einer Demenz festgestellt wird, ist Magg-i in Sorge. Eine wehmütige, warmherzige Ballade über Alter, Armut, Aufopferung – und nicht ohne heitere Momente.

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Ein Film über das Leben im tiefsten Louisiana, Archivbilder aus Leningrad über die Rebellion gegen den Moskauer Putsch von 1991, eine Reportage über den Alltag mit Flüchtlingen auf Lampedusa und Szenen aus einer seltsamen Frauen-WG gab es am zweiten Tag des Internationalen Wettbewerbs.

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Von Norbert Wehrstedt

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