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Dokwoche eröffnet: Drei Leipziger Lebenswege

So spielte die Wende Dokwoche eröffnet: Drei Leipziger Lebenswege

Die 58. Leipziger Dokwoche wurde mit „Alles andere zeigt die Zeit“, dem sechsten Leipzig-Film von Andreas Voigt, im Cinestar und im für 14 Tage betriebenen Zeitkino im Hauptbahnhof eröffnet. Bis zum 1. November laufen in den Festivaltagen, erstmals verantwortet von der neuen Direktorin Leena Pasanen, 316 Filme aus 62 Ländern.

Isabel in Leipzig 1990 im Dokwoche-Eröffnungsfilm „Alles andere zeigt die Zeit“.

Quelle: Dokwoche

Leipzig. Es war ein Aufbruch aus kaputten Häusern und rissigen Straßen. Aus der trüben Enge, in die trotzig eine rote Fahne aus einem Fenster hängt. Aus einer griesigen Welt mit Kohle-Hängern und zerwühlten Brachen, um die besetzte Häuser standen. Leipzig am Anfang der 90er. Nach der Euphorie der Herbst-Demos 1989 folgte Skepsis und Ernüchterung. Die ganze Stadt war im Zerfallen.

Sinnbild für das Leben von Sven, Isabel und Renate. Im Sog der neuen Zeit kam der soziale Druck. Umstellung und Anpassung schaffte nicht jeder. Kamen private Verwerfungen dazu, war der Absturz nicht weit. Von 1986 (Hochschul-Anschlussfilm „Alfred“) bis 1997 hat Andreas Voigt fünf Leipzig-Filme gedreht. „Alles andere zeigt die Zeit“, der sechste, ist, wie schon „Große weite Welt“ von 1997, ein Bilanz-Porträt.

Ein Verfolgen von Wegen über 25 Jahre hinweg. Kein Wende-Film, sondern ein Doku-Drama über die Kurven, die Schicksale so nehmen. Bilder aus den 90ern gehen in einen Dialog mit Szenen von heute. Was wurde aus Sehnsüchten, Träumen, Hoffnungen in der Zeit des Aufbruchs? Alles schien machbar und viel möglich. Der Blick zurück ist ernüchternd.

Ein gelungener Auftakt

Besser konnte wohl der 58. Jahrgang der Dokwoche in Leipzig gar nicht im Cinestar und im für 14 Tage wiedereröffneten Zeitkino im Hauptbahnhof (oberhalb der Buchhandlung Ludwig) gestartet werden. „Alles andere zeigt die Zeit“ ist nicht nur Zeitdokument, sondern auch emotionales Erzählkino. Das Leben wie es nun einmal lebt. Drei Geschichten über Häutung und Selbstfindung, Stolpern und Suchen – und eine familiäre Stasi-Verstrickung, der die Tochter nach dem Tod der Mutter endlich nachgeht.

Einer von zwölf Filmen im Internationalen Wettbewerb, der dieses Jahr erstmals nach über 20 Jahren wieder Dok- und Animationsfilme mischt. Allerdings hat es nur die animierte Doku „The Magic Mountain“ (verwirrendes Abenteuer eines Globetrotters, der schließlich bei den Mudschaheddin gegen die Sowjetarmee kämpft) in die Königsklasse geschafft. Die Platzierung war sicher nicht unbedingt notwendig.

Drei neue Preise

Um sieben Goldene und eine Silberne Taube (Preisgeld 75 500 Euro) geht es in den nächsten fünf Tagen, wobei drei Preise neu sind: Young Eyes Film Award, Taube für den besten deutschen Kurzfilm und der Publikumspreis Dok Neuland. Für den laufen in zwei Zelten auf dem Markt elf Projekte (Webdokus, Games, Apps, 360-Grad-Filme), über die dann gleich abgestimmt werden kann.

Insgesamt sind in den zwölf Kinosälen des Festivals (Cinestar, Passage, Polnisches Filminstitut) 316 Filme aus 62 Ländern zu sehen. Es gibt sechs Wettbewerbe mit 76 Produktionen, Filme aus Südkorea im Länderfokus, eine Hommage an den Videokünstler John Smith, der den Festivaltrailer machte, sowie eine Retrospektive mit 21 Streifen über Veränderungen in Osteuropa seit 1990.

Das Budget liegt, nachdem der Freistaat Sachsen weitere 100 000 Euro dazu gab, bei knapp unter zwei Millionen Euro. Junges Publikum (Durchschnitts-Besucheralter der Dokwoche: 33 Jahre) soll nicht nur durch die Reihe „Bodycheck“ angezogen werden, sondern auch durch die Simpsons Night (30. Oktober, Schaubühne Lindenfels). Immerhin ist David Silverman, einer der Simpsons-Animatoren, Mitglied einer der Festivaljurys.

Ein Film, der nachdenklich macht

Wie es auch immer weitergehen wird, die Eröffnung war vielversprechend. „Alles andere zeigt die Zeit“ ist einer dieser Filme, die nicht kalt lassen, die hinein ziehen, die berühren, die nachdenklich machen – und ihre Geheimnisse bewahren. Weil nicht jeder, der da beobachtet wird, alles sagt. Andreas Voigt lässt zwischen den Bildern lesen und den Sätzen hinter hören.

Wie aus dem Gruftie Isabel, die noch 1990 irgendwie auf die Wiederkehr von Marx hofft, aber schon ahnt, dass jetzt Materielles gefragt ist, die kurzhaarige, blonde, taffe, schwäbische Steuerberaterin im weißen Audi-Coupé wurde, ist erstaunlich. Sven hingegen irrt durch die Jahre – von Lehrenabbruch im Umbruch der Zeiten bis zur Arbeitslosigkeit, Bundeswehr, verkorkster Hüft-OP (sagt er), dem Bruch der Beziehung, Haftmonaten, Armen-Einkauf und offenbar deutsch-nationalen Gedanken. Was an Tattoos, T-Shirts und Tolle deutlich sichtbar wird.

Familiäre Stasi-Verstrickung

Als Jenny, Tochter der gestorbenen Ex-LVZ-Redakteurin Renate Florstedt, die Stasi-Akte ihrer Mutter einsieht, stellt sie nüchtern fest: Die Vergewaltigung durch einen Stasi-Oberleutnant, von der ihrer Mutter in einem anderen Film so eindrucksvoll erzählt hatte, könnte auch ganz anders gelaufen – und ihre IM-Verpflichtung keine Erpressung gewesen sein. Fest scheint zu stehen: Renates Ehemann Walter, auch Ex-LVZ-Redakteur, schob die Verpflichtung an. Im Gedächtnis bleibt das Gesicht der stillen, kultivierten, grübelnden Renate. Sie werde das alles irgendwann aufschreiben: „Ich bin im Aufbruch.“ Der Tod war schneller.

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Mit „Alles andere zeigt die Zeit“, dem sechsten Leipzig-Film von Andreas Voigt, begann die Leipziger Dokwoche.

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Von Norbert Wehrstedt

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