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DAZ-Dorfporträt: Ein Schmied, viele Kühe und laute Räder

Reinsdorf DAZ-Dorfporträt: Ein Schmied, viele Kühe und laute Räder

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal ging es mit dem DAZ-Reporterauto in einen Ort voller spannender Menschen – nach Reinsdorf bei Waldheim.

Veit (l.) und Jan Zimmermann betreiben in Reinsdorf eine Schmiede.
 

Quelle: Sven Bartsch

Reinsdorf.  Die Straße nimmt kein Ende, immer neue Häuser tauchen entlang des Weges auf, dazwischen schneebedeckte Wiesen. Während man den Ortskern in anderen Ortschaften schnell entdeckt hat, kann sich der Besucher in Reinsdorf beinahe verfahren. Flächenmäßig ist der Ort größer als die benachbarte Stadt Waldheim, zu der er offiziell gehört. „Vom ersten bis zum letzten Haus läuft man eine Stunde“, sagt Jörg Möbius, Vorstandsmitglied der Kirchengemeindevertretung. Und es klingt ein bisschen stolz.

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Reinsdorf hat immerhin 500 Einwohner und gehört damit zu größeren Ortschaften rund um Waldheim. Ein Besuch im Kuhstall, in der Gaststätte und beim Schmied des Ortes.

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Treffpunkt ist die Kirche Sankt Nicolai, ein weiß-rosa Schmuckstück unter knallblauem Himmel, das 2002 die letzte Frischzellenkur verpasst bekam. Möbius, 54 Jahre alt, grauer Vollbart, arbeitet seit 30 Jahren als Museumsführer auf der Burg Kriebstein. Heute erklärt er die Besonderheiten der Reinsdorfer Kirche. Wie alt das Gotteshaus ist, weiß er nicht genau. Klar ist: Das Gebäude vereint romanische und gotische Bauteile, hat aber einen barocken Anbau. 1667 wurde die Kirche umgebaut, innen ist fast alles original erhalten. Über schmale Treppen geht es hinauf zu den oberen Sitzbänken und zur Orgel, die aus Bubendorf stammt, einem Ort bei Geithain, der zu DDR-Zeiten der Braunkohle weichen musste.

Jörg Möbius ist Mitglied der Kirchengemeindevertretung der Reinsdorfer Nicolai-Kirche

Jörg Möbius ist Mitglied der Kirchengemeindevertretung der Reinsdorfer Nicolai-Kirche.

Quelle: Sven Bartsch

1825 schlug während einer Hochzeit der Blitz in die Kirche ein, und zwar in die Taste F der damaligen Orgel. „Der Kantor fiel tot von der Orgelbank, die Blasebalgknaben hatten einen Hörsturz“, gibt Jörg Möbius die Anekdote wider und zeigt dann eine weitere Besonderheit des Hauses: eine enge Wendeltreppe in der Kirchenmauer, die zur Kanzel hinaufführt. „Wir können nur ganz schmale Pfarrer einstellen“, sagt er und schmunzelt. Rainald Richber steigt diese Stufen regelmäßig hinauf. Im September hat der Pfarrer das Kirchspiel Waldheim-Geringswalde übernommen, zu dem Reinsdorf gehört. Alle drei Wochen wird vor Ort zum Gottesdienst geladen. Etwa 300 Menschen nehmen regelmäßig teil. Jörg Möbius ist damit zufrieden.

Bevölkerung ist gut gemischt

Auch was die Bevölkerung von Reinsdorf angeht, kann der dreifache Vater, der mit seiner Familie einen alten Bauernhof bewohnt, nicht klagen. „Es ist eine ausgewogene Mischung zwischen Jung und Alt.“ Seit 1987 lebt der gebürtige Kriebethaler in Reinsdorf. „Zu DDR-Zeiten war mehr los, schon allein, weil wir einen Konsum hatten.“ Der war der Treff des Dorfes und ist schon lange dicht, genauso wie die beiden alten Gasthöfe, der Kindergarten und das Gemeindeamt. „Das fiel mit der Wende alles weg.“ Die Reinsdorfer Schüler fahren nach Waldheim oder Hartha zur Schule, der Spielplatz der ehemaligen Kita ist verschwunden, ein neuer geplant. Bisher tue sich da aber nichts, sagt Möbius.

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So hat sich das Dorf Reinsdorf bei Waldheim im Laufe der Jahre verändert.

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Trotzdem ist Reinsdorf kein reines Wohndorf. Diverse Vereine sorgen für Leben, sei es die Feuerwehr, die Frauensportgruppe, der Karneval Klub oder der Männerchor mit seinen acht Sängern, die bei Geburtstagen ein Ständchen geben. Im September trifft sich das Dorf zum Fest der Vereine, das viele Besucher aus der Gegend anlockt. „Ich habe den Eindruck, es wird immer mehr“, sagt Jörg Möbius.

Feuerwehr-Chef Rainer Hempel hat die Leitung  jetzt an seinen Sohn Sven übergeben

Feuerwehr-Chef Rainer Hempel hat die Leitung jetzt an seinen Sohn Sven übergeben.

Quelle: Gina Apitz

Kürzlich lud die Feuerwehr spontan zum Schlittenfahren mit Lagerfeuer und Grillwürsten ein. „Die, die sich fürs Dorf interessieren, die kommen dann vorbei“, sagt der ehemalige Ortswehrleiter Rainer Hempel, der die Geschäfte erst kürzlich an seinen Sohn übergeben hat. 20 Jahre lang stand der 60-Jährige an der Spitze der 1922 gegründeten Wehr, die 23 aktive Mitglieder zählt. „Fortschritt ran, Jugend ran“, sagt Hempel zum Generationenwechsel. Der 35-jährige Sven Hempel wohnt mit im Haus des Vaters, war jahrelang dessen Stellvertreter. Nachwuchssorgen hat die Feuerwehr derzeit nicht. „Es sind sechs junge Kameraden dazugekommen“, freut sich Rainer Hempel.

Einige Firmen haben in Reinsdorf ihren Sitz

Neben den Vereinen tragen auch diverse Firmen zu Belebung des Dorfes bei: Eine Autolackiererei, zwei Bauern, eine Agrargenossenschaft, ein Malerbetrieb und eine Kfz-Werkstatt haben in Reinsdorf ihren Sitz. Sogar ein ganz altes Handwerk hält sich bis heute. Jan Zimmermann betreibt gemeinsam mit seinem Bruder Veit eine Schmiede im Ort. Aus der Werkstatt dringen Schleifgeräusche nach draußen, aus dem Radio Swingmusik. Die Firma – 1896 gegründet – haben die Söhne von ihrem Vater übernommen, der hier früher noch Pferden die Hufe beschlug.

Jan Zimmermann ist der Schmied von Reinsdorf und übernahm die Firma von seinem Vater

Jan Zimmermann ist der Schmied von Reinsdorf und übernahm die Firma von seinem Vater.

Quelle: Sven Bartsch

Das Handwerk lernten der 54-Jährige und der 44-Jährige von ihm. Und was muss ein guter Schmied können? Jan Zimmermann antwortet in einem Wort: „Fingerfertigkeit“. Die beiden Brüder leben gerne in Reinsdorf, sagen sie. „Es ist nicht wie in der Stadt, wo sich jeder fremd ist“, findet Jan Zimmermann. Hier kenne er fast jeden, außer die neu Zugezogenen.

Günter Seidel ist ein Reinsdorfer Urgestein

Wer echte Ureinwohner treffen will, muss bei Familie Seidel vorbeischauen. Gudrun und Günther wohnen in einem alten Bauernhaus mit Torbogen, auf dem die Ziffer 1965 prangt. In diesem Jahr wurde am Haus gebaut, auch der Bogen erneuert. Familie Seidel bittet in ein Wohnzimmer mit niedrigen Decken, in dem ein Kachelofen angenehme Wärme verbreitet. „400 Ostmark hat der damals gekostet“, erinnert sich Günter Seidel und lacht. „Ein Schnäppchen.“

Gudrun und Günter Seidel zeigen ein Bild ihres Hauses, das 1908 gemalt wurde

Gudrun und Günter Seidel zeigen ein Bild ihres Hauses, das 1908 gemalt wurde.

Quelle: Sven Bartsch

Vor 86 Jahren wird der Rentner in diesem Haus geboren, acht Jahre geht er in Reinsdorf zur Schule, ist anschließend Lehrling auf dem Hof seiner Familie. 1961 heiratet das Paar, beide sind in der Landwirtschaft tätig, ziehen zwei Kinder groß, ihr Schwiegersohn ist heute Ortsvorsteher von Reinsdorf.

Alte Fotos zeigen das Leben damals im Dorf

Fotoalben landen jetzt auf dem Wohnzimmertisch. Darin kleben Bilder von der 700-Jahrfeier des Dorfes 1996 und Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Männern und Frauen mit Pferdegespannen. Einblicke in den Alltag auf dem Land damals. „Das Leben war nicht schlecht, der Zusammenhalt groß“, sagt Günter Seidel. „Wir waren oft im Gasthof tanzen, das war schön“, sagt Gudrun Seidel.

 Die Gemeinschaft im Dorf hat sich zum Teil erhalten. Das Ehepaar spielt mit sechs anderen Reinsdorfern regelmäßig Skat und Rommé. Auch heute sind sie zum Spielenachmittag verabredet.

Landleben damals

Landleben damals: Das Fotoalbum von Familie Seidel hält viele historische Aufnahmen bereit.

Quelle: Familie Seidel

Nächster Stopp auf der Tour durchs Dorf: das Ausflugslokal der Raudis, nebst Motocross-Strecke. Viola Raudies ist leicht gestresst, sie muss für den Abend Gerichte vorbereiten. Trotz der Hektik fragt die energische Frau mit lauter Stimme: „Was kann ich Ihnen anbieten?“ Eine Saftschorle landet auf der Theke, während die 61-Jährige erzählt – von der Leidenschaft für den Motorrad-Sport.

Viola Raudies und ihr Mann betreiben eine Gaststätte neben ihrer Motocross-Strecke

Viola Raudies und ihr Mann betreiben eine Gaststätte neben ihrer Motocross-Strecke.

Quelle: Sven Bartsch

1972 lernt Viola, eine studierte Rechtswissenschaftlerin, ihren Mann Dietmar kennen. Er ist es, der den Sport nach Reinsdorf bringt, vorher gibt es Motocross nur in Waldheim. „Mit der Liebe kam das Motocross“, sagt Raudis. „Die Liebe hat angehalten, das Motocross gibt es auch noch“, sagt sie und lächelt. 1974 organisiert das Paar das erste Rennen, damals für 50 Besucher. Mit den Jahren wächst das Interesse.

Deutsche Meisterschaften im Motocross

1991 kommen zu ihrer jährlichen Großveranstaltung 20.000 Besucher und 450 Helfer. „112 Ehrenamtliche saßen allein an den Kassen, 60 Mann halfen in der Versorgung“, erinnert sich Raudis. „Damals gab es noch kein Catering.“ Bis 1996 veranstaltet das Ehepaar auf ihrer Rennstrecke sogar deutsche Meisterschaften im Motocross.

Die Motocross-Rennen locken jedes Jahr noch immer tausende Besucher nach Reinsdorf

Die Motocross-Rennen locken jedes Jahr noch immer tausende Besucher nach Reinsdorf.

Quelle: Sven Bartsch

„Wir haben Reinsdorf bekannt gemacht“, ist sich Viola Raudis sicher. Der Sport bestimmt das Leben des Paares. „Da ist auch mal die Wäsche liegen geblieben“, sagt sie. „Bei uns war immer Wuling.“ Ihre drei Söhne wurden nebenbei groß, sie sind alle – Überraschung – begeisterte Motocrosser und trainieren heute den Nachwuchs. Ihr großer Sohn leitet den Verein, der 43 Mitglieder zählt.

Durch die Veranstaltungen kommen damals ständig viele hungrige Gäste nach Reinsdorf. „Die saßen anfangs alle in meinem Wohnzimmer“, erzählt Raudis und lacht. So kommt die Idee auf, die alte Scheune zu einer Gaststätte umzubauen. 1987 wird das Lokal eröffnet und ist bis heute ein beliebtes Ausflugsziel, mit dem das Paar seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Sauna wird zum Verhängnis für den Ruf des Lokals

Die Sauna, die sie in den Keller einbauen, wird ihnen allerdings zum Verhängnis. In den 90ern mietet ein Stuttgarter das Haus, um dort unten „Pärchenpartys“ zu veranstalten, wie Viola Raudis es nennt. Der Gasthof gerät als Bordell in Verruf, die Reinsdorfer meiden die Gaststätte fortan. „Dabei war es war nie ein Puff“, sagt die Chefin, noch immer empört. Den schlechten Ruf aber wird der Gasthof so schnell nicht wieder los.

Zahlreiche Pokale zeigen den Erfolg von Viola Raudis Söhnen im Motocross

Zahlreiche Pokale zeigen den Erfolg von Viola Raudis Söhnen im Motocross.

Quelle: Sven Bartsch

Heute sind die Veranstaltungen auf der Rennstrecke kleiner geworden, es kommen nur noch etwa 1000 Gäste. Der Aufwand werde immer größer, die Auflagen strenger und es sei schwer, genügend Ehrenamtliche zu finden, klagt Viola Raudis. Die Motocross-Freunde setzen jetzt eher auf Breitensport, veranstalten Rennen für Hobby-Fahrer. „Wir sind auch ein bisschen abgeschliffen“, sagt Viola Raudis, mit 61 gehe sie immerhin aufs Rentenalter zu.

Agrargenossenschaft leidet unter Milchpreisen

Ekkehard Thiele hat dagegen noch ein paar Jahre mehr bis zum Ruhestand. Der 56-jährige studierte Landwirt leitet seit zehn Jahren die Reinsdorfer Agrargenossenschaft, einen Betrieb mit 1200 Hektar Ackerflächen und 530 Milchkühen. Wer den Hügel zur Genossenschaft hinauffährt, hört sofort das dumpfe „Muh“ aus den Ställen und nimmt einen strengen Geruch wahr, Landluft eben.

Ekkehard Thiele leitet seit zehn Jahren die Reinsdorfer Agrargenossenschaft mit 530 Milchkühen

Ekkehard Thiele leitet seit zehn Jahren die Reinsdorfer Agrargenossenschaft mit 530 Milchkühen.

Quelle: Gina Apitz

Die niedrigen Milchpreise machen auch der Genossenschaft zu schaffen. „Ohne Querfinanzierung würde es nicht gehen“, gibt Thiele zu. Es ist vor allem die 2010 errichtete Biogasanlage, die den Betrieb trägt. „Die Anlage läuft hervorragend, hält uns aber auch über Wasser“, erklärt Thiele.

In den jeweils 43 Meter breiten Behältern landen Futterresten, Mist, Gülle, Gras-Silage, aber auch Mais. Daneben erstrecken sich die Ställe, in denen die Kühe stehen und fast ununterbrochen fressen. Zwei Mal pro Tag werden die Tiere gemolken, in dem so genannten Melkkarussell geht es 21 Kühen gleichzeitig an den Euter.

22 Kühe können im Melkkarussell gleichzeitig gemolken werden

22 Kühe können im Melkkarussell gleichzeitig gemolken werden.

Quelle: Gina Apitz

Die einstige LPG hat heute 22 Anteilshalter und beschäftigt 32 Mitarbeiter, von denen die meisten in Reinsdorf wohnen. Während in anderen Dörfern zugezogene Stadtmenschen manchmal über den Gülle-Geruch auf den Feldern schimpfen, habe es von den Reinsdorfern noch nie Beschwerden gegeben, sagt Thiele, während er über das Gelände führt. „Hier sind noch viele der Landwirtschaft verbunden.“

Von Gina Apitz

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