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Dorfclub und Feuerwehr sorgen für Leben in Meinsberg

DAZ-Dorfporträt Dorfclub und Feuerwehr sorgen für Leben in Meinsberg

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal führte der Weg nach Meinsberg bei Waldheim.

Sie sorgen für Leben in Meinsberg: Ortschronist Wolfgang Wendler, Feuerwehrchef Stefan Voß und Dorfclub-Leiter Jens Koßack (v.l.)

Quelle: Wolfgang Sens

Meinsberg. „Tschüß Mausi!“ ruft Wolfgang Wendler seiner Frau zum Abschied zu, dann geht sie los, die Tour durch Meinsberg. Blauer Himmel, die Sonne lacht. Der kleine Ort zwischen Döbeln und Waldheim präsentiert sich heute in bestem Licht. Gemütlich reihen sich die alten Bauernhäuser, oft in Hanglage, aneinander. Gepflegte Vorgärten und grüne Wiesen wechseln sich ab mit großen Dreiseithöfen.

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Der kleine Ort Meinsberg liegt idyllisch auf einer Anhöhe in der Nähe von Waldheim – ein Dorf, in dem engagierte Einwohner so einiges auf die Beine stellen.

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Durch diese Dorfidylle läuft Wolfgang Wendler, ein Mann mit Schnauzbart und Jeanshemd, der immer wieder stehen bleibt – und erklärt. Kaum jemand kennt das Dorf so gut wie der 66-Jährige. Seit 1975 lebt der gebürtige Mügelner hier, bis zur Wende war er ehrenamtlicher Bürgermeister. Heute ist der ehemalige JVA-Beamte in Rente; erst kürzlich hat er eine dreibändige Chronik über das Dorf verfasst.

Schönes Bauerndorf, das gefragt ist

„Meinsberg war ein klassisches Bauerndorf“, sagt Wendler. Eine alte Karte von 1730 zeigt, dass der Ort ursprünglich aus zwölf Bauerngütern bestand, von denen eines noch vollständig erhalten ist. Die Familie Rockhausen besaß das größte Gut nebst Villa, die zu DDR-Zeiten als Kinderheim genutzt wurde und jetzt verfällt. Wendler zeigt den ehemaligen Hühnerstall, in dem früher über tausend Hennen gackerten. Heute steht dort ein Eigenheim mit Solarzellen auf dem Dach. Er läuft vorbei am ehemaligen Gasthof, der 1994 geschlossen wurde („schade drum“) und an der alten Schmiede, die bis vor drei Jahren noch sporadisch in Betrieb war.

Annemarie Liedtke  wohnt in einem der ältesten Häuser des Dorfes

Annemarie Liedtke wohnt in einem der ältesten Häuser des Dorfes.

Quelle: Gina Apitz

Wendler steht jetzt vor einem historischen Gebäude. Fast 300 Jahre alt ist das Haus, in dem Annemarie Liedtke seit 58 Jahren wohnt. „Ich bin mit dem Haus verwachsen“, sagt die 77-Jährige: „Ich würde nie woanders hinziehen.“ Die Rentnerin liebt das Leben in Meinsberg. „Wenn Sie nicht zuschließen, geht hier niemand in Ihr Haus, alle anderen passen auf“, sagt sie. Das einzige, was sie stört, sind die Neuankömmlinge. Meinsberg erlebt seit einer Weile einen Zuzug. Junge Familien bauen Häuser, auf dem neuen Bauabschnitt „Sonnenhufe“ gibt es mittlerweile kein freies Grundstück mehr. „Die Zugezogenen gliedern sich nicht ein, wollen mit uns Alten nichts zu tun haben“, beklagt Liedtke.

Der letzte Bauer von Meinsberg

Wolfgang Wendler vor dem Kriegerdenkmal von Meinsberg

Wolfgang Wendler vor dem Kriegerdenkmal von Meinsberg.

Quelle: Gina Apitz

Weiter geht die Tour durch den Ort. Vorbei am Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das 1921 errichtet wurde und dann die Straße hinauf zu einem der letzten Bauern des Dorfes. Gerhard Haferburg sitzt auf einer Bank in seinem Hof. Zwei Hunde tollen um ihn herum, versuchen seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Der 77-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen. Acht Hektar Land bewirtschaftete seine Familie früher, heute kümmert er sich nur noch um einen Hektar. Wenn man ihn fragt, wie das Leben zu DDR-Zeiten in Meinsberg war, sagt er „arbeitsreich“. Und dann: „Es gab aber auch immer was zu feiern.

Der letzte Bauer

Der letzte Bauer: Gerhard Haferburg mit seinem Hofhund.

Quelle: Gina Apitz

Heute sind es die Feuerwehr und der Dorfclub, die das Leben im Ort am Köcheln halten. Jens Koßack gehört zu den Gründern des Clubs, erzählt von den Anfängen. Nach der Wende sei das Dorfleben nahezu vollständig zum Erliegen gekommen, so der 46-Jährige. 1999 riefen deshalb 22 „veränderungswütige“ Meinsberger einen Verein ins Leben, ein Jahr später feierte man das 610-jährige Bestehen des Dorfes.

Dorfclub spielt wichtige Rolle

30 Mitglieder engagieren sich heute im Dorfclub, organisieren Frauentagsfeiern, Lagerfeuer, Volleyballturniere, die Sonnenwendfeier und Rentnerweihnachtsfeiern. Eines der Highlights ist das Open Air im Mai, ein Konzert für die Jugend mit Rockbands aus der Region und dem Ausland. 200 bis 300 Gäste lauschen dann den Musikern, die zum Teil aus Finnland oder Argentinien anreisen. Am Tag danach lockt das Dorffest mit einem kultigen Wettstreit nach Meinsberg: Beim Traktor ziehen verausgaben sich regelmäßig Jung und Alt. Es gilt, den roten DDR-Famulus möglichst schnell hinter sich her zu ziehen. Um die fünf Tonnen wiege das „kleine Eisenschwein“, sagt Jens Koßack und grinst.

Ein Spaß für Groß und Klein

Ein Spaß für Groß und Klein: das Traktor ziehen zum Dorffest in Meinsberg.

Quelle: Wolfgang Sens

Während die Dorffeten auf dem Festplatz am Rande von Meinsberg stattfinden, trifft man sich für andere Veranstaltungen in einem Haus, das ursprünglich der örtlichen Agrargenossenschaft gehörte. „Es wurde uns für einen symbolischen Euro überlassen“, sagt Jens Koßack. Der Verein steckte einige tausend Euro in den Umbau. Abgeschlossen ist das Projekt längst nicht:

Neue Fenster sind schon drin, aber es gibt trotzdem noch viel zu tun an dem neues Vereinsdomizil

Neue Fenster sind schon drin, aber es gibt trotzdem noch viel zu tun an dem neues Vereinsdomizil.

Quelle: Wolfgang Sens

„Es ist auch noch viel zu tun“, so Koßack. An manchen Stellen regnet es rein, auch der Fußboden muss erneuert werden. Jens Koßack packt beim Umbau des Hauses selbst mit an, praktischerweise ist er Chef einer Baufirma. Auch einen Fliesenleger, einen Elektriker und eine Hand voll weiterer kleiner Firmen gibt es noch in Meinsberg.

Forschungsinstitut in so kleinem Ort

Ein Stück auswärts, unten an der Zschopau, hat außerdem ein Forschungsinstitut für Mess- und Sensortechnik seinen Sitz, benannt nach dem Chemiker Kurt Schwabe, der es 1945 hier gründete. Heute leitet Michael Mertig, Professor für physikalische Chemie, die Einrichtung, der 40 Mitarbeiter angehören, etwa die Hälfte sind Wissenschaftler, der Rest Techniker, Laboranten und Verwaltung.

Michael Mertig,ist der Chef des Forschungsinstitut für Mess- und Sensortechnik in Meinsberg

Michael Mertig,ist der Chef des Forschungsinstitut für Mess- und Sensortechnik in Meinsberg.

Quelle: Gina Apitz

Nur eine Forscherin stammt aus Meinsberg, sagt Mertig. Der Rest fährt aus Leipzig, Chemnitz oder Dresden in das kleine Dorf. Ist man da nicht eine Insel im Ort? „Wir haben auch Austausch mit den Bewohnern“, sagt der 63-Jährige. Zwei Mal lud das Institut zum Tag der offenen Tür ein. „Da waren über 100 Leute da.“ Ortschronist Wolfgang Wendler sieht die Zusammenarbeit kritischer. Damals sei der Kontakt besser gewesen, sagt er. Immerhin haben zu DDR-Zeiten 40 Prozent der Meinsberger in dem Institut gearbeitet. „Professor Schwabe hat sich als Einheimischer gefühlt“, sagt Wendler. Öfter habe er gefragt, wie er das Dorf unterstützen könne. „Heute komme niemand mehr auf diese Idee.“

Kita ist weg, der Friseur noch da

Doch zu DDR-Zeiten war so manches anders: Kindergarten, Grundschule, Bäcker, Fleischer, Schumacher und Schmiede gehören längst der Vergangenheit an. Der Friseursalon ist der einzige, der übrig geblieben ist. Eike Schmidt betreibt ihn seit 20 Jahren mit vier Angestellten. Existenzsorgen hat die 43-Jährige nicht. Ihre Stammkunden schauen regelmäßig vorbei. Außerdem sei der Laden an der Durchgangsstraße von Waldheim nach Döbeln gut gelegen. Ein Umzug in eine größere Stadt kam für die Chefin nie in Frage. Die gebürtige Meinsbergerin will ihrem Heimatort treu bleiben, erzählt sie mit der Schere in der Hand.

Eike Schmidt betreibt in Meinsberg einen Friseursalon

Eike Schmidt betreibt in Meinsberg einen Friseursalon.

Quelle: Gina Apitz

Heute verpasst sie Birgit Okrei einen „Sommerschnitt“ nebst neuer Farbe. Die Rentnerin, die aus Döbeln gekommen ist, lobt die Friseurmeisterin in höchsten Tönen: „Sie ist spitze und sehr zuverlässig.“ Okrei stammt aus einer Meinsberger Fleischerfamilie, vor 35 Jahren zog sie weg, fühlt sich mit ihrem Heimatort aber noch immer verbunden. „Meinsberg ist ein schöner Ort“, sagt die 69-Jährige. Eike Schmidt nickt. „Wir haben eine gute Altersstruktur.“ Morgens warte eine Kinderhorde an der Bushaltestelle auf den Schulbus nach Waldheim, Döbeln oder Technitz.

Spiel und Spaß für die Kinder

Den Kleinsten wird in Meinsberg etwas geboten: Ein Spielplatz lädt zum Toben ein, im Winter kann gerodelt werden, die Ortsfeuerwehr verteilt zu Nikolaus Geschenke an die Jüngsten. „Bei unseren Kinderfesten ist immer Wuling“, sagt Stefan Voß, seit 2009 Wehrleiter. Elf Mitglieder hat die Feuerwehr in Meinsberg derzeit. Diese Zahl sei „im grünen Bereich“, so der 38-Jährige. „Damit sind wir einsatzfähig.“

Die Geschichte von Meinsberg

Der Ortsname leitet sich von „Andreys von dem Mengilzberge“ ab und taucht 1390 das erste Mal auf. In diesem Jahr wird Meinsberg erstmals urkundlich erwähnt, als es in den Besitz des Benediktinerinnenklosters in Döbeln gelangt. 1465 wird aus dem Namen „zcu Menißberg“, ab 1590 ist bereits von „Meinßberg“ die Rede.

1544 kauft Georg von Carlowitz den Ort. 1588 erwirbt Kurfürst Christian große Teile des Besitzes. 1639 und 1706 wird Meinsberg von den Schweden geplündert und zerstört. Im Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 ist die Gegend um Meinsberg nochmals Schauplatz kriegerischer Handlungen.

Meinsberg ist viele Jahre lang ein selbstständiges Dorf mit eigener Gemeindeverwaltung, 1813 baut man die erste Schule. Verschiedene Gewerbe siedeln sich an. 1834 leben 166 Menschen im Dorf. 1888/89 wird an der Zschopau eine Holzschleiferei und eine Papierfabrik errichtet. Damit beginnt der industrielle Aufschwung des Dorfes. 1910 erhöht sich die Einwohnerzahl auf 585.

1921 wird am Ortseingang ein Denkmal zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet. Es besteht aus einem großen Findling und hat eine gusseiserne Tafel, auf der 34 Namen stehen.

1973 wird die Gemeinde Meinsberg nach Ziegra eingemeindet. Seit 1. Januar 2013 gehört der Ort zu Waldheim. Heute leben etwa 380 Menschen in Meinsberg. Tendenz steigend.

Von Gina Apitz

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