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Ruine, Rundes Haus und Rosen – zu Besuch in Mahlitzsch

DAZ-Dorfporträt Ruine, Rundes Haus und Rosen – zu Besuch in Mahlitzsch

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal fuhr das DAZ-Auto nach Mahlitzsch bei Roßwein.

Eine Rose für die Dame des Hauses: Abel Arnfried überreicht seiner liebsten Elke die Blume aus dem eigenen Garten.

Quelle: Sven Bartsch

Mahlitzsch. Die Mahlitzscher sind ein verschlossenes Völkchen: „Wir wollen nichts über unseren Ort erzählen, fragen Sie doch jemand anderen“, heißt es da mehrfach am Telefon und später an der Gartentür. Die Mahlitzscher bleiben lieber unter sich. Auch der erste Bewohner, den wir vor Ort treffen wollen, öffnet gar nicht erst die Haustür.

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Nur sechs Kilometer von Döbeln entfernt erstreckt sich am Ufer der Mulde der kleine Ort Mahlitzsch, ein Dorf, das einige interessante Plätze zu bieten hat.

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Revierförster Dirk Tenzler ist dagegen bereit, eine Runde durch das langgestreckte Dörfchen zu drehen. Doch auch er sagt: Eine Gemeinschaft gebe es nicht. „Es macht eigentlich jeder sein Ding.“ Schon zu DDR-Zeiten sei Mahlitzsch das einzige Dorf in der Gemeinde Niederstriegis gewesen, das kein eigenes Dorffest hatte. Woran das liegt, weiß der 53-Jährige nicht. „Keine Ahnung“, sagt er nur. Vielleicht habe es mit den Zugezogenen zu tun, die sich nicht als richtige Einheimische fühlen.

Dabei ist Tenzler selbst ein Zugezogener. Aufgewachsen in Döbeln verschlug es ihn 1988 in das nur sechs Kilometer entfernte Örtchen. Seitdem bewohnt er das ehemalige gräfliche Jagdhaus am Waldrand. Vögel zwitschern, es riecht nach Laub. Mahlitzsch liegt am Anfang des Naherholungsgebiets Zweiniger Grund, ein Paradies für Wanderer, auch der Biber fühlt sich hier wohl.

Revierförster Dirk Tenzler betreut 2700 Hektar Wald und liebt seinen Job

Revierförster Dirk Tenzler betreut 2700 Hektar Wald und liebt seinen Job.

Quelle: Sven Bartsch

Dirk Tenzler betreut eine Waldfläche von etwa 2700 Hektar, die Privatpersonen oder der Kommune gehört und sich vom Altkreis Döbeln bis nach Colditz/Großbothen erstreckt. Förster werden, das war sein Kindertraum, sagt er. Als Tenzler 1988 hier anfing, hatte er allerdings noch drei Waldarbeiter für ein Revier von 580 Hektar. Die Arbeiter gibt es längst nicht mehr, dafür hat sich die Fläche immer mehr ausgedehnt. „Mit jeder Strukturreform ist das Gebiet größer geworden.“ Trotz dieser Umstände ist Tenzler noch immer gern Förster. „Ich kann jeden Tag im Wald arbeiten und die Bäume wachsen sehen, das ist schon toll.“

Borkenkäfer macht Waldbesitzern zu schaffen

Heute berät er vorwiegend Waldbesitzer bei Problemen. Aktuell macht ihnen, wie schon vergangenes Jahr, der Borkenkäfer zu schaffen, vor allem jenen, die ein wirtschaftliches Interesse an ihrem Waldstück haben. „Das Holz, in dem der Käfer sitzt, wird von der Industrie nur zum halben Preis aufgekauft“, erklärt Tenzler die finanziellen Einbußen, die das Insekt verursacht.

Die Geschichte von Mahlitzsch

Der Ort wird 1350 erstmals als „Malentsch“ erwähnt. Vermutlich leitet sich der Name von „Bertoldus de Malenz“ ab, einem Mann, von dem bereits 1230 die Rede ist. Der kleine Ort gehört damals vollständig zu einem Rittergut. Ab 1520 heißt das Dorf bereits „Malitzsch“. Zu dieser Zeit wohnen 20 Menschen im Ort. 1890 steigt die Zahl der Bewohner auf 167. Seit 1935 gehört Mahlitzsch zu Niederstriegis. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der damalige Graf Rex, dem das Rittergut zu dieser Zeit gehört, enteignet und sein Besitz an sechs Neubauern verteilt. Heute hat Mahlitzsch 76 Einwohner.

Mit dem DAZ-Auto geht es jetzt vom Dorfrand Richtung Ortskern. Dabei passieren wir die Gaststätte „Zum Kaiserbach“, die Margitta und Dieter Nautenschläger 1995 hier eröffneten. Margitta Nautenschläger arbeitete zu DDR-Zeiten als Sekretärin in Döbeln, nach der Wende orientierte sie sich neu. Das Ehepaar dachte, dass es günstig sei, eine Gaststätte direkt am Muldentalradweg zu eröffnen, der durch Mahlitzsch hindurch führt. „Es lief von Anfang an sehr gut“, sagt die Chefin.

Die Gaststätte „Zum Kaiserbach“ führen Dieter und Margitta Nautenschläger seit 1995

Die Gaststätte „Zum Kaiserbach“ führen Dieter und Margitta Nautenschläger seit 1995.

Quelle: Sven Bartsch

Bekannt wurde das Lokal durch Mundpropaganda, bis heute macht die Familie praktisch keine Werbung. Serviert wird gutbürgerliche Küche, am besten laufen Eisbein und Schweinebraten. Die 57-Jährige kocht selbst und führt das Lokal, das inzwischen ihrer Tochter gehört, mit ihrem Mann allein. Beide kommen mit der Gaststätte bis heute über die Runden. „Wir sind zufrieden“, sagt Nautenschläger.

Bahnstrecke wird für Personenzüge nicht mehr genutzt

Die Bahnstrecke zwischen Döbeln und Nossen wird kaum noch benutzt

Die Bahnstrecke zwischen Döbeln und Nossen wird kaum noch benutzt.

Quelle: Gina Apitz

Weiter geht die Fahrt, abwärts in Richtung Mulde. Jetzt überqueren wir die Schienen der Strecke Döbeln - Nossen. Personenzüge fahren hier allerdings längst keine mehr. Wenn überhaupt, dann kommt ab und an ein Güterzug. Das Kuriose: Im Dezember 2015 wurde der Personenverkehr eingestellt, kurz nachdem in Niederstriegis und Mahlitzsch drei Bahnübergänge neu gebaut wurden, von denen die Stadt Roßwein einen Großteil der Kosten tragen musste. Ein Ärgernis, das viele Bewohner noch immer beschäftigt. Ortsbürgermeister Heinz Martin hofft indes, dass die Bahnstrecke eines Tages wieder aktiviert wird.

Daran glaubt Elke Arnfried noch nicht. „Machen Sie mal ein Bild von den Schienen“, sagt die 67-Jährige grinsend, die mit ihrem Mann nur einen Steinwurf von der Bahnstrecke entfernt wohnt. Ihr Vater kaufte 1953 die ehemalige Mühle des Dorfes. Zu DDR-Zeiten war das Haus „proppenvoll“, erinnert sie sich. „Jedes Zimmer war belegt“. Elke Arnfried steht jetzt in ihrem Garten, in dem Himbeeren und Johannisbeeren wuchern neben einer 150 Jahre alten Blaufichte.

Elke und Abel Arnfried bewohnen die alte Mühle des Dorfes und haben einen wirklich verwunschenen Garten

Elke und Abel Arnfried bewohnen die alte Mühle des Dorfes und haben einen wirklich verwunschenen Garten.

Quelle: Sven Bartsch

Früher verlief hier der Mühlgraben, der das Mühlrad antrieb. Später nutzte auch die Pappenfabrik Hammer und Comp die Kraft des Wassers. Oscar Hammer meldete 1902 beim Patentamt in Dresden den Bierdeckel an – der Untersetzer ist eine Erfindung aus Mahlitzsch. Arnfrieds Vater ließ den maroden Mühlgraben in den 70er-Jahren zuschütten, weil er nicht mehr gebraucht wurde.

Elke Arnfrieds Vater ließ den Mühlgraben in den 70er-Jahren zuschütten

Elke Arnfrieds Vater ließ den Mühlgraben in den 70er-Jahren zuschütten.

Quelle: Familie Arnfried

Beim Gartenbaustudium im sachsen-anhaltischen Quedlinburg lernte Elke Abel Arnfried kennen, verliebte sich und nahm ihn mit nach Sachsen. Seit 40 Jahren lebt der 68-Jährige nun schon in Mahlitzsch. Nach der Wende modernisierte das Paar die einstige Mühle: Sie ließen neue Fenster und eine Heizung einbauen, erneuerten die Fußböden und Bäder des Hauses.

Hochwasser 2002 überflutete Mahlitzsch

Dann kam das Hochwasser 2002. Die Fluten der Mulde rissn in Mahlitzsch die alte Brücke weg, überschwemmten Teile des Dorfes. Elke und Abel Arnfried waren gerade in Nizza im Urlaub, ihre Tochter hütete das Haus. Das Wasser der Mulde flutete die komplette untere Etage des Hauses, in der die drei Kinder wohnten und hinterließ eine dicke Schicht Modder. „Ihre Jugend war weg“, sagt Abel Arnfried. „Fotoalben, Bücher, viele Erinnerungen – alles Schrott.“

Das Hochwasser 2002 richtete in Mahlitzsch große Schäden an

Das Hochwasser 2002 richtete in Mahlitzsch große Schäden an.

Quelle: Dietmar Börner

Drei Jahre dauerte es, um den Ursprungszustand wiederherzustellen. Doch die Familie lernte aus dem Unglück. Die Arnfrieds verlegten keinen Teppich mehr, nur noch Fliesen, strichen die Wände mit Sumpfkalk, dadurch können die Wassermassen nicht mehr so große Schäden anrichten, sollten sie wiederkommen. Bei der Flut 2013 kam Mahlitzsch glimpflich davon, in der Mühle stand das Wasser jedoch wieder 30 Zentimeter hoch.

„Hier lebt jeder auf seiner Insel“

Seit fünf Jahren sind Abel und Elke Arnfried nun in Rente, kümmern sich intensiv um ihren Garten, betreiben nebenher eine Pflanzenzucht. „Jetzt haben wir ja Zeit dafür“, sagt Abel Arnfried. Ab und an holen sich andere Dorfbewohner Setzlinge von den beiden Botanik-Experten. Ansonsten aber sei der Kontakt zum Rest des Ortes verhalten. „Hier lebt jeder auf seiner Insel“, sagt Abel Arnfried und verschwindet im Grün des Gartens.

Die Ruine Kempe

Die Kempe ist eine spätmittelalterliche Ruine einer Felsenburg, die auf einem Schieferfelsen direkt über der Freiberger Mulde steht. Ihr Name leitet sich wohl von dem Begriff „Kemenate“ ab, worunter man den einzigen beheizbaren Raum einer Burg verstand. 1220 wird die Kempe erstmals urkundlich erwähnt, hat damals drei Geschosse und ist Sitz der adligen Familie von Mals. Die Burgherren können zu dieser Zeit vor dort oben die Handelswege im Muldental kontrollieren. In unruhigen Zeiten bietet sie eine sichere Zufluchtsstätte, auch für die Bewohner der Umgebung. Da die Burg eine unterirdische Wasserleitung hat, konnte sie
auch einer längeren Belagerung standhalten.

Nach 1298 beginnen die Wehranlagen zu verfallen. Heute ist die Burg eine Ruine, für die es schon viele Pläne gab. Der Berliner Architekt Walter Steve kaufte das Objekt Anfang der 2000er-Jahre für 22.000 Euro, wollte daraus Wohnungen oder eine Denkfabrik, eine so genannte Cyber-Castle, machen. Doch die Pläne verliefen im Sande. Jetzt hat der Eigentümer das Bauwerk erst einmal gesichert und eingerüstet. Entstehen soll nun vielleicht ein Aussichtsturm mit kleinem Bier-
garten.

Tatsächlich gestalten sich auch die nächsten drei Versuche, mit Bewohnern ins Gespräch zu kommen, schwierig. Wer etwas wissen will, soll doch bei einem echten Urgestein vorbeischauen, wird uns empfohlen. Herbert Fellenberg lässt sich schließlich auf ein Schwätzchen an der Tür ein, obwohl der 93-Jährige dafür eigentlich keine Zeit hat, wie er betont. Der Wein muss verschnitten werden. „Immer ist etwas zu tun in dem großen Garten“, klagt der ältere Herr. „Von morgens um sechs bis abends um sechs habe ich hier zu tun.“

Herbert Fellenberg gehört mit seinen 93 Jahren zu den Urgesteinen von Mahlitzsch

Herbert Fellenberg gehört mit seinen 93 Jahren zu den Urgesteinen von Mahlitzsch.

Quelle: Sven Bartsch

Fellenberg ist aus Schlesien geflohen, er hat viel durchgemacht. 1947 kam er als junger Mann nach Mahlitzsch, arbeitete fortan in der Landwirtschaft bei einer LPG in Haßlau. „Morgens um fünf ging es los“, erinnert er sich an sein arbeitsreiches Leben. Mit der Wende ging er in Rente, seine Frau ist schon vor Jahren gestorben, sein Sohn Helmut vertreibt Hochdruckreiniger für die Firma Kärcher und wohnt mit auf dem Grundstück. Mit über 90 ist Herbert Fellenberg noch erstaunlich agil. Er fährt selbst mit dem Auto in den Supermarkt nach Döbeln oder Roßwein. „Nur neue Strecken fahre ich nicht mehr“, sagt er. Doch auch der ältere Herr sagt, dass er wenig Kontakt zu seinen Nachbarn hat. „Dafür habe ich keine Zeit.“

Zwischenstopp auf der Radtour

Zeit für eine kurze Pause hat dagegen Sabine Herrmann, die gerade mit ihren beiden Töchtern Francine (10) und Aileen (16) von Roßwein nach Döbeln radelt und dabei Mahlitzsch passiert. Die drei haben leere Körbe auf ihren Rädern, es geht zum Einkaufen.

Sabine Herrmann fährt mit ihren beiden Töchtern Francine (l) und Aileen zum Einkaufen mit dem Rad nach Döbeln

Sabine Herrmann fährt mit ihren beiden Töchtern Francine (l.) und Aileen zum Einkaufen mit dem Rad nach Döbeln.

Quelle: Sven Bartsch

Eine halbe Stunde brauchen sie für eine Strecke. Herrmann, die noch acht weitere Kinder hat, hat kein Auto. Das Geld ist knapp. Die zehnfache alleinerziehende Mutter trägt Zeitungen aus und hat einen Zweitjob in einer Reinigung. „Wir kommen über die Runden“, sagt die 50-Jährige, lächelt und steigt dann wieder aufs Rad. Mahlitzsch – das ist für sie nur eine Zwischenstation.

Die Sage von der Kempenjule

Mit der Burg ist die Sage von der Kempenjule verbunden: Danach lebte einst auf der Kempe ein reicher Ritter, der eine wunderschöne Tochter namens Jule hatte. Eines Tages erschien vor der Burg eine Zigeunerin. Sie bat um ein Almosen für sich und ihre Kinder. Der reiche Ritter aber verscheuchte die Frau. Erbost über die Herzlosigkeit des Mannes verwandelte die Zigeunerin die anmutige Tochter des Ritters für alle Zeiten in eine furchterregende Schlange. Nur eine Chance blieb dem Mädchen: In der Silvesternacht von einem Jahrhundert zum nächsten könne sie durch den Kuss eines jungen Mannes erlöst werden. Doch den Mut brachte noch keiner auf und so lebt das arme Mädchen noch heute als Schlange in der Ruine und wartet auf Rettung.

Von Gina Apitz

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