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Strohpuppen und Mammutbäume am Muldestrand in Westewitz

DAZ-Dorfporträt Strohpuppen und Mammutbäume am Muldestrand in Westewitz

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal geht es in das idyllisch an der Mulde gelegene Westewitz.

Der Westewitzer Ureinwohner Hans Böhme vor dem größten überdachten Hochwehr Europas, das in seinem Heimatort steht.

Quelle: Sven Bartsch

Westewitz. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, am Ufer der Mulde warten zwei Angler auf einen guten Fang. Ein paar Meter hinter ihnen steigt ein älterer Herr in ein Ruderboot, befestigt bunte Wimpel an dessen Vorderseite und einen Rettungsring. „Jetzt kann es losgehen“, sagt Hans Böhme, 81 Jahre alt, Ortschronist und Heimatgeschichtsforscher, ein Urgestein des kleinen Dörfchens Westewitz bei Döbeln.

Die Wimpelkette muss ans Boot, bevor Hans Böhme in See sticht

Die Wimpelkette muss ans Boot, bevor Hans Böhme in See sticht.

Quelle: Gina Apitz

Mit dem motorbetriebenen Ruderboot tuckert der Rentner im Sommer häufig über die Mulde, passiert dabei den Spitzstein, einen 79 Meter hohen markanten Felsen, der nach der zweiten Eiszeit entstanden ist. „Das ist mein Urlaub“, sagt Böhme. „Mich zieht es hier runter.“ Heute ist das Wasser etwas brackig, oft aber sei es glasklar, betont er und zitiert jetzt das letzte seiner selbst verfassten Heimatgedichte: „Die Mulde fließt so sanft durch unser schönes Tal, Westewitz, mein Heimatdorf, dich gibt es nur einmal.“ Das Schöne ist: Wenn Hans Böhme diese Zeilen vorträgt, klingen sie nicht kitschig, weil er es genau so meint. Tatsächlich liegt der kleine Ort idyllisch am Ufer der Mulde, umgeben von Wäldern und Wiesen.

Von einem Bauerndorf zu einem ansehnlichen Ort

Hans Böhme ist hier geboren und aufgewachsen. Stundenlang kann er von der Geschichte des Ortes erzählen, 13 dicke Ordner hat der gelernte Autosattler zur Heimatgeschichte angelegt. „Westewitz hat sich von einem armen Bauerndorf zu einem ansehnlichen Ort entwickelt“, sagt er. Grund war unter anderem die Klinik im benachbarten Hochweitzschen. Mit den Ärzten und Schwestern kamen Handwerker und Beamte in die beiden Dörfer. Auch den Haltepunkt der Eisenbahnlinie Leipzig-Dresden habe man wohl dem Krankenhaus zu verdanken, vermutet Böhme. Den Bahnhof gibt es heute noch, eine Stunde dauert die Fahrt nach Leipzig.

Der Ortsname ist mit dem Ritter Georg verbunden, der mit seinem Schimmel über die Mulde ritt und seinen Feinden entkam

Der Ortsname ist mit dem Ritter Georg verbunden, der mit seinem Schimmel über die Mulde ritt und seinen Feinden entkam.

Quelle: Sven Bartsch

Die Herkunft des Namens Westewitz

1228 wird der Ort erstmals urkundlich erwähnt. Sein Name ist mit einer Legende verbunden: Demnach soll der Ritter Georg von seiner Burg auf dem Staupen von Feinden vertrieben worden sein und ritt mit seinem Schimmel in Richtung Mulde. Die Verfolger jagten ihn auf den Spitzstein hinauf.

Dort oben fragte Georg sein zitterndes Pferd: „Schimmel, wie ist’s?“ Daraufhin sprang das mutige Ross mit einem gewaltigen Satz über die Felsklippe in die Flut und trug seinen Herrn ans rettende Ufer. Aus der Frage „Wie ist’s?“ soll der Ortsname „Westewitz“ (früher „Wecewic“) entstanden sein. Heute hat das Dorf 496 Einwohner und gehört zur Gemeinde Großweitzschen.

Während im benachbarten Hochweitzschen eine Kita und ein kleiner Tante-Emma-Laden überlebt haben, wurde in Westewitz nach der Wende vieles geschlossen: die Post, der Fleischer, der Bäcker, der Konsum, der Frisör, die Arztpraxis. Böhmes Frau Ingrid holt die Brötchen vom Bäckerauto, das regelmäßig durch den Ort rollt. Zum Einkaufen fahren die Rentner mit dem Zug nach Döbeln.

Zwei Gaststätten in dem kleinen Ort

Dafür kann man in Westewitz gleich in zwei Gaststätten einkehren. Auf der Terrasse der „Muldentalklause“ sitzen die Gäste unter Sonnenschirmen und blicken auf den Fluss hinab. Vor drei Jahren übernahmen Michael Horn und seine Frau das Lokal, servieren gutbürgerliche Küche. Ob der Laden voll sei, das sei „sehr wetterabhängig“, sagt der 54-Jährige.

Michael Horn ist der Chef der Muldentalklause in Westewitz

Michael Horn ist der Chef der Muldentalklause in Westewitz.

Quelle: Sven Bartsch

Zwar liegt das Lokal an mehreren Wander- und Radwegen und wird auch von Paddlern besucht, aber eben nur, wenn es nicht regnet. Außerdem sei es schwierig, Fachkräfte zu finden, vor allem einen guten Koch, klagt Horn. In diesem Jahr macht dem Chef zudem die Bürokratie der Unteren Wasserbehörde zu schaffen. Der Wirt hofft, dass das Amt die Genehmigung für die Tretboote, die er vor Ort verleiht, nun bald erteilen wird.

Von der Bretterbude zur Gaststätte

Seine Vorgänger hatten mit noch ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen, denn die Klause blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Westewitz ein Muldenbad, in dem die Einwohner im Sommer planschten. Nachdem das Baden nach 1945 wegen der schlechten Wasserqualität verboten wurde, nutzten die Westewitzer die ehemaligen Umkleidekabinen als Bootsschuppen. Zur 750-Jahrfeier 1978 wurde der Verschlag erstmals als Imbiss umfunktioniert und seitdem am Wochenende bewirtschaftet.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Westewitz ein Muldenbad

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Westewitz ein Muldenbad.

Quelle: Hans Böhme

Die Dorfbewohner tauften die Bude „Bretterschenke“ oder „Rusti“, die „Rustikale“. 1989 übernahmen Ingrid und Hans Böhme die Gaststätte. „Am Anfang hatten wir hier nur einen Kocher mit zwei Platten“, erzählt der Rentner. Damit verköstigten sie die Gäste – mit Bockwurst und Gulaschsuppe. 1996 übernahm ein neuer Betreiber den Gasthof.

Gulasch und Bockwurst gab es früher in der „Bretterschenke“, die bis 1996 Ingrid und Hans Böhme betrieben

Gulasch und Bockwurst gab es früher in der „Bretterschenke“, die bis 1996 Ingrid und Hans Böhme betrieben.

Quelle: Hans Böhme

Dann kam der 13. August 2002. „Ich war dort abends noch ein Bier trinken“, erinnert sich Hans Böhme. „Am nächsten Morgen war alles weg.“ Die Wassermassen der Jahrhundertflut überrollten das Gebäude. „Alles lang in Trümmern“, sagt Böhme. Vier Jahre später wurde die Gaststätte wieder aufgebaut, ist seitdem wieder ein beliebtes Ausflugsziel.

Land unter

Land unter: Das Hochwasser 2002 zerstörte die Muldentalklause vollständig.

Quelle: Hans Böhme

Es gab nur einen Westewitzer, der sich darüber nicht so recht freute: René Bordack öffnet im Ortskern freitags bis sonntags sein Lokal „Zum Sachsenbrunnen“, serviert dort Wildgerichte. Durch die Wiedereröffnung sei sein „komplettes Kaffeegeschäft abgebrochen“. Mit dem Restaurant am Ufer der Mulde kann er nicht mithalten.

Bordack ist schon lange im Gastrogeschäft. Sein Vater betrieb früher einen Gasthof im Bahnhof, der Sohn kaufte 1988 ein Wohnhaus, baute dieses nach und nach zu einem Lokal um. Heute schnattern Papageien in einer Voliere im Innenhof, plätschert Wasser in einem kleinen Brunnen. Generell sei so ein Landgasthof „eine schwierige Geschichte“, sagt Bordack.

René Bordack betreibt in Westewitz die Gaststätte zum „Sachsenbrunnen“ und hat es durch die Konkurrenz an der Mulde schwer

René Bordack betreibt in Westewitz die Gaststätte zum „Sachsenbrunnen“ und hat es durch die Konkurrenz an der Mulde schwer.

Quelle: privat

Nur gut Kochen zu können, das reiche nicht. Der Chef kommt dank seiner Stammkunden über die Runden und dank der großen Gesellschaften, die zu ihm kommen. Auch Darts-Vereine treffen sich regelmäßig im „Sachsenbrunnen“. Wenn seine Kundschaft nicht über die Jahre gewachsen wäre, könnte er nicht existieren, gibt Bordack zu und stellt selbst gebackenen Erdbeerkuchen auf den Tisch.

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Das kleine Westewitz liegt an der sanft vorbeiplätschernden Mulde und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück – vor allem Hochwasser machte dem Ort schon öfter zu schaffen

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„Es geht ja auch darum, dass es eine Kneipe gibt, in der sich das Dorf mal trifft“, sagt er. Dem Wirt liegt das Zusammenleben am Herzen: Kürzlich hat er die ehemalige Bahnhofshalle gekauft, will dort einen neuen Treffpunkt schaffen, „um die Gemeinschaft wieder ein bisschen zu aktivieren“. Bordack spricht von Billard- und Tischtennisturnieren, Diavorträgen und Dorffeten. Er sucht noch ehrenamtliche Helfer für das Projekt.

Fußball, Glühwein- und Strohpuppenfest

Dabei hat Westewitz schon jetzt ein recht reges Dorfleben. Der Sportverein, die Feuerwehr und der Carnevalsclub sorgen dafür, dass öfter etwas los ist. Sei es beim Glühweinfest im Advent, den zahlreichen Fußballturnieren auf dem Sportplatz in Hochweitzschen oder beim jährlichen Strohpuppenfest am zweiten Septemberwochenende, bei dem die Westewitzer kreative Figuren basteln und bei Bier und Bratwurst zusammenkommen.

Das Strohpuppenfest im September ist das Highlight des Dorfes

Das Strohpuppenfest im September ist das Highlight des Dorfes.

Quelle: Sven Bartsch

Für das letztgenannte Event wird schon jetzt geübt: Eine von insgesamt drei Jugendtanzgruppen trifft sich heute in der Turnhalle der Grundschule in Großweitzschen zur Choreographieprobe. 13 Mädchen und ein Junge bewegen sich halbwegs synchron zu einem Popsong. Vorne steht Kerstin Schmiedchen, Präsidentin des Carnevalsclub der Muldenschiffer zu Westewitz, und versucht Ordnung in die Truppe zu bringen. Noch klappt nicht alles perfekt, aber es sind ja noch einige Monate Zeit bis zu ihrem Auftritt.

Die Jugendtanzgruppe des Westewitzer Carnevalsclub übt in der Turnhalle in Großweitzschen für den großen Auftritt

Die Jugendtanzgruppe des Westewitzer Carnevalsclub übt in der Turnhalle in Großweitzschen für den großen Auftritt.

Quelle: Sven Bartsch

Die 43-Jährige, die als Lehrerin in Roßwein arbeitet, ist froh, dass ihr Verein keine Nachwuchssorgen hat. 52 Kinder und Jugendliche trainieren allein in den Tanzgruppen, 118 Mitglieder hat der Club insgesamt. „Es ist nur schade, dass wir keinen Saal für den Verein haben“, beklagt Schmiedchen. Die Proben und Auftritte der Karnevalisten finden deshalb in der Turnhalle in Großweitzschen statt.

Der Verein habe keine Nachwuchssorgen, sagt Kerstin Schmiedchen, die Präsidentin des Carnevalsclub der Muldenschiffer zu Westewitz

Der Verein habe keine Nachwuchssorgen, sagt Kerstin Schmiedchen, die Präsidentin des Carnevalsclub der Muldenschiffer zu Westewitz.

Quelle: Sven Bartsch

Noch ein Stopp bei einer der wenigen Firmen, die es in Westewitz gibt: Axel und Uwe Neumann betreiben eine Baumschule im Ort. Während sein Bruder für den Bereich Landschaftsgestaltung zuständig ist, kümmert sich Uwe Neumann um das Florale.

Uwe Neumann hat in Westewitz einen Park mit seltenen Bäumen angelegt

Uwe Neumann hat in Westewitz einen Park mit seltenen Bäumen angelegt.

Quelle: Sven Bartsch

Der 53-Jährige hat einen Park mit seltenen Bäumen angelegt, die normalerweise in Neuseeland, Korea, Japan, USA, Kanada oder China wachsen. „Eine chilenische Schmucktanne, ein Taubenbaum aus China, Mammutbäume aus Kalifornien“, zählt er nur einige Besonderheiten auf, die heute dort wachsen, wo früher Kleingärtner Kartoffeln und Möhren zogen.

Hochwasser 2002 traf auch die Baumschule hart

Die Flut traf 2002 nicht nur die Baumschule, sondern auch die benachbarte Gartenanlage. „Nach dem Hochwasser sah das hier aus wie nach dem Krieg“, erinnert sich Neumann. „Hier konnte man einen Katastrophenfilm drehen.“ Nachdem das Wasser verschwunden war, beseitigten die Brüder die meterhohen Schlammberge, bepflanzten die einstigen Gärten mit seltenen Bäumen.

Neumann würde den Park gern der Öffentlichkeit zugänglich machen, vielleicht einen Streichelzoo für Kinder einrichten. Doch allein schaffe er das nicht, auch finanziell sei das Ganze nicht zu stemmen. Dabei wäre so ein Park für Großstädter sicher ein schönes Ausflugsziel, überlegt er. „Hier hast du Ruhe, hier kannst du dich entspannen.“

Das nächste Highlight in Westewitz findet am 10. Juni statt: Dann wird auf der Mulde das große Drachenbootrennen ausgetragen.

Von Gina Apitz

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