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Das Ende eines Höhenfluges – Unister-Chef vor einem Jahr abgestürzt

Unglücksursache weiter unklar Das Ende eines Höhenfluges – Unister-Chef vor einem Jahr abgestürzt

Unisterchef Thomas Wagner und Mitgesellschafter Oliver Schilling sind am Freitag vor einem Jahr abgestürzt und ums Leben gekommen. Wie kam es zu dem Unglück? Was ist seitdem passiert? LVZ.de begab sich auf Spurensuche.

Thomas Wagner wenige Wochen vor dem Absturz.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Nach dem Notruf geht alles ganz schnell. „Mayday, Mayday“, ruft Pilot Kurt E. (†73) um 10.51 Uhr in sein Funkgerät. Sekunden später reißt das Höhenruder der Piper PA-32-301T ab und schlägt in einem Wald im Westen Sloweniens auf. Das Kleinflugzeug lässt sich nun nicht mehr manövrieren, stürzt 700 Meter weiter ab und fängt sofort Feuer. Für den Piloten und seine drei Passagiere kommt jede Hilfe zu spät, sie verbrennen bis zur Unkenntlichkeit. Die slowenischen Behörden notieren 10.52 Uhr als Zeitpunkt für das Unglück.

Es kommen nicht nur vier Menschen auf tragische Art und Weise ums Leben, es ist auch der Anfang vom Ende des Leipziger Internetriesen Unister. Die Fluggäste an Bord sind die beiden Unternehmensgründer und Gesellschafter Thomas Wagner (†38), Oliver Schilling (†39) und der Finanzvermittler Heinz Horst Beck (†65). Vieles hat sich seitdem bei Unister verändert, Kernfragen sind aber bis heute nicht beantwortet. Die Leipziger Volkszeitung begab sich auf Spurensuche und stieß dabei auch auf neue Ergebnisse zur Absturzursache.

Suche nach dem Absturzgrund

Wagner und Schilling befanden sich auf dem Rückflug von Venedig nach Leipzig. Am Vortag hat der angebliche israelische Diamantenhändler Levy Vass die beiden Unister-Manager aufs Kreuz gelegt, 1,5 Millionen Euro als Sicherheitsleistung kassiert und statt eines Kredits über 15 Millionen Euro einen Koffer mit größtenteils Falschgeld übergeben. Dabei hätte das Unternehmen die Summe so dringend gebraucht, um seine Reisesparte an die Börse zu bringen, neues Kapital einzusammeln und den in rauer See kreuzenden Tanker wieder zurück in ruhiges Fahrwasser zu manövrieren – so war zumindest Wagners Plan.

In den ersten Wochen nach dem Absturz machen in Leipzig viele Versionen vom Absturz die Runde. Verschwörungstheoretiker spinnen die Legende von einem Anschlag, andere glauben daran, dass Wagner und Schilling abgetaucht und das Unglück nur vorgetäuscht hätten. Es ist wohl eher eine Mischung aus Wichtigtuerei und Trauerbewältigung. Die Fakten halten diesen Geschichten nicht stand.

„Wir haben noch keine Antwort auf die Frage, warum sich das Höhenruder gelöst hat“, sagt Toni Stojčevski, der leitende Flugunfalluntersucher in Slowenien auf LVZ-Anfrage. Am wahrscheinlichsten gilt derzeit eine technische Ursache. Hinweise, dass das Flugzeug manipuliert wurde, konnten die Ermittler bisher nicht finden. Auch die zeitweise kursierende Theorie, dass ein Eisblock sich während des Flugs von der Maschine löste und das Höhenruder abriss, wird inzwischen nahezu ausgeschlossen. „Es existieren keine Anzeichen dafür, dass es am Flugzeug eine Vereisung gab“, so Stojčevski. Um die genaue Absturzursache zu klären, wird das erst Monate später gefundene Höhenruder nach wie vor akribisch untersucht. Mit einem endgültigen Bericht sei frühestens Ende 2017 zu rechnen, heißt es aus Slowenien. Fest steht nur, die Piper war in einer extremen Wettersituation mit starken Gewittern und schlechter Sicht unterwegs.

Das Höhenruder wurde 700 Meter vom Absturzort entfernt gefunden.

Das Höhenruder wurde 700 Meter vom Absturzort entfernt gefunden.

Quelle: Luftfahrtministerium Slowenien

In Lujbljana hat inzwischen eine auf solche Unglücksfälle spezialisierte Staatsanwaltschaft den Fall übernommen. Die Ermittler in Leipzig führen nach wie vor ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren, sind aber auf die Zuarbeiten aus Slowenien angewiesen. „Der Abschluss des Falls ist noch völlig offen“, berichtet Jana Friedrich, Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Leipzig.

Wirtschaftlich war der Tod von Wagner für Unister ein Desaster. Er stand an der Spitze des Unternehmensgeflechts. Bei den einst mehr als 50 dazu gehörenden Portalen und Gesellschaften war der gebürtige Dessauer als Geschäftsführer eingetragen. Ohne Wagner lief bei Unister nichts. Hinzu kam, dass sich die Gesellschafter über die Jahre zerstritten hatten. Am Wochenende nach dem Absturz berieten sie über die künftige Strategie für die Holding, fanden aber keinen gemeinsamen Weg mehr. Es folgte der Insolvenzantrag.

Insolvenzverfahren dauert noch Jahre

Ein Jahr später sind die meisten Portale veräußert. Das Insolvenzverfahren werde sich wohl noch mehrere Jahre hinziehen, heißt es von Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther aus Halle. Der Topjurist sucht mit seinen rund 100 Mitarbeitern für die Gläubiger nach offenen Unister-Forderungen und prüft auch, ob der Anbieter aus dem Barfußgässchen nicht schon seit Monaten pleite war, das aber verschleierte. „Dafür haben wir einige Anhaltspunkte, aber noch keine gerichtsfesten Beweise“, so Flöther.

Das Filetstück, den Reisebereich, hat Flöther an das tschechische Unternehmen Invia veräußert. An Portalen wie fluege.de oder ab-in-den-urlaub.de war die Konkurrenz seit Jahren interessiert. Zu besten Unister-Zeiten boten Interessenten dreistellige Millionenbeträge. „Thomas wollte aber unbedingt eine Milliarde dafür haben“, erinnert sich sein langjähriger Pressesprecher und Vertrauter, Konstantin Korosides. Über genaue Summen machen Invia und auch Flöther heute keine Angaben. Branchenkenner schätzen aber einen Betrag zwischen 70 und 80 Millionen Euro als realistisch ein.

Invia sichert Jobs

Invia hat 500 ehemalige Unister-Mitarbeiter, davon 400 in Leipzig, übernommen und sucht aktuell Fachkräfte zur Verstärkung. „Das Geschäft läuft stabil und entwickelt sich positiv“, teilt das Unternehmen mit. Im Fernsehen sind wieder TV-Spots zu sehen und auch bei Google werden Anzeigen geschaltet. Die Ziele sind ehrgeizig und erinnern auch ein bisschen an Wagner, der stets groß dachte. „Wie in Tschechien, der Slowakei und Ungarn wollen wir in Deutschland die Nummer eins werden. Leipzig ist der Ausgangspunkt, um auch in Westeuropa Fuß zu fassen“, so Invia auf LVZ-Anfrage.

Die Vergangenheit bei Unister und der Absturz in Slowenien befasst dagegen noch immer die Gerichte. Wilfried Schwätter (69) aus Unna hat den Venedig-Deal mit eingerührt, witterte eine satte Provision, war als Vermittler aber eher eine Randfigur. Wagner traf er nie persönlich. Schwätter hielt aber stets telefonischen Kontakt zu Levy Vass. Er stand bisher als Einziger vor dem Kadi. Mit Beck ist der zweite Drahtzieher beim Absturz ums Leben gekommen. Gegen Karsten-Deirek K., ein ehemaliger Leipziger Banker und ebenfalls als Makler und Wagner-Berater in das Geschäft verwickelt, wird weiter ermittelt. Weitere Beteiligte bleiben bis heute im Hintergrund.

Schwätter wurde im März wegen Betruges zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt und sitzt bereits seit Ende Juli 2016 in Untersuchungshaft. Während des Verfahrens berichtete eine Zeugin von Treffen mit Vass, die Stimme des Mannes wurde von Mitschnitten bei Telefonüberwachungen eingespielt. Das Phantom bekam erstmals Konturen. Die Generalstaatsanwaltschaft war sogar hoffnungsfroh, Vass bald zu schnappen. Das hat bis heute nicht geklappt. „Es wird weiter international nach ihm gefahndet“, erklärt Oliver Möller, Sprecher der Ermittlungsbehörde in Dresden.

Revision auf "dünnem Eis"

Schwätter sieht sich als Sündenbock und will das Urteil nicht hinnehmen. "Ich habe Revision für meinen Mandanten eingelegt. Darüber muss der Bundesgerichtshof jetzt entscheiden", so Verteidiger Martin Habig. Auch wenn sich der erneute Vorstoß von Schwätter auf „dünnem Eis“ bewegt, wie Habig selbst einschätzt, ist das Urteil damit bis heute nicht rechtskräftig. Der Anwalt will den Mann aus Unna zumindest in ein Gefängnis in Nordrhein-Westfalen verlegen lassen, mit der späteren Aussicht in den offenen Vollzug zu gelangen.

Wilfried Schwätter (69) wehrt sich gegen sein Urteil.

Wilfried Schwätter (69) wehrt sich gegen sein Urteil.

Quelle: André Kempner

Ein zweites Verfahren am Leipziger Landgericht hat sich zum Mammutprozess entwickelt. Hier sollte sich ursprünglich auch Thomas Wagner verantworten. Es geht um Steuerhinterziehung, unerlaubtes Betreiben von Versicherungsgeschäften und Computerbetrug. Unister soll unerlaubt Reiserücktrittsversicherungen verkauft haben. Außerdem ist die Praxis des sogenannten „Herunterbuches“ Gegenstand des Verfahrens. Dabei wird ein Flug an den Kunden zu einem festen Preis vermittelt. Unister-Mitarbeiter suchten anschließend nach einem noch günstigeren Tarif, gaben die Ersparnis aber nicht an den Endverbraucher weiter.

Was Branchenkenner wie der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft, Klaus Laepple, im Zeugenstand als jahrzehntelang gängige Praxis beschrieben, rief bis heute nur die Ermittler der Generalstaatsanwaltschaft aus Dresden auf den Plan. Bei einer Razzia im Dezember 2012 sicherten sie nicht nur im großen Stil Beweise, sondern kratzten auch am Image von Unister. Einige Banken und Geschäftspartner gingen anschließend auf Distanz.

„Das ist ein schlimmer und gefährlicher Fall von Hochjuristerei“, findet der Frankfurter Wirtschaftsanwalt Thomas Filler, der Holger Friedrich (Leiter Flugbereich bei Unister) vertritt. Neben ihm sitzen mit Daniel Kirchhof (Gesellschafter und Ex-Finanzchef) und Thomas Gudel (Ex-Leiter Rechnungswesen) weitere einstige Topmanager auf der Anklagebank. 20 Verhandlungstage liegen bereits hinter den drei Angeklagten. Ein Ende ist nicht absehbar. Die Kammer hat bereits bis Januar 2018 weitere Termine angesetzt.

Vielleicht ist es Ironie des Schicksals oder einfach nur Zufall: Genau am Tag des Absturzes setzt Unister-Nachfolger Invia zu einem Neustart an. Beim Sommer Grand Prix im polnischen Wisla sind erstmals wieder Sprungskier aus eigener Produktion mit dem markanten Aufdruck fluege.de zu sehen. Wagner hat sich einst diesen Marketingcoup ausgedacht, Invia führt ihn nun weiter. Unter Vertrag genommen haben die Tschechen ihren Landsmann Jakub Janda und den Deutschen Meister David Siegel. Sie sollen Unister wieder zum Fliegen bringen.

Matthias Roth/Robert Nößler

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