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Eine „James-Bond-Nummer“ – Freundin berichtet von Thomas Wagners letzten Stunden

Unister Eine „James-Bond-Nummer“ – Freundin berichtet von Thomas Wagners letzten Stunden

Thomas Wagner war stundenlang in Venedig mit Falschgeld unterwegs. Das gescheiterte Kreditgeschäft nannte er anfangs eine "James-Bond-Nummer". Am Donnerstag sagte seine Freundin vor Gericht aus.

Thomas Wagner

Quelle: André Kempner

Leipzig. Das letzte Lebenszeichen von Thomas Wagner war eine SMS. Gegen 9 Uhr schickte der Unister-Gründer am 14. Juli 2016 die Kurznachricht aus Venedig an seine Lebensgefährtin in Leipzig. "Sag für heute alle Termine ab", schrieb er der 34-Jährigen. Wagner wollte zu Hause zur Polizei gehen und den gigantischen Schwindel mit vier Millionen Schweizer Franken Falschgeld anzeigen. Eine Stunde später stieg er in die Piper PA-32. Die Maschine verschwand um 10.52 Uhr vom Radar und stürzte in einem Wald in Slowenien ab. Wagner und die drei weiteren Männer an Bord hatten keine Chance und fanden den Tod. 

Im Prozess um den Betrug gegen den Unister-Gründer sagte am Donnerstag dessen Lebensgefährtin L. vor dem Landgericht aus. Sie berichtete tapfer von den letzten Stunden im Leben ihres Freundes. Später verfolgte sie noch eine Weile das Verfahren, hielt es aber bei immer neuen Details um die Verstrickungen des Angeklagten Wilfried S. (69) im Saal nicht mehr aus und ging mit Tränen in den Augen. 

„Olli und ich wurden betrogen“

Wagner rief die 34-Jährige gegen 18 Uhr das erste Mal aus Venedig an. „Olli und ich wurden betrogen“, sagte er da nur ganz kurz. In einem zweiten Gespräch gegen 22 Uhr schilderte der 38-Jährige dann den Schicksalstag genauer. „Thomas war außer sich“, erinnert sich seine Freundin. „Ich kann das alles nicht glauben“, sagte er zu ihr. 

Zunächst schien das Geschäft glatt zu gehen. Wagner flog am Morgen gemeinsam mit Unister-Gesellschafter Oliver Schilling, Finanzvermittler Heinz B. und dem Piloten in einer Privatmaschine nach Italien. Eigentlich wollte der Unternehmensgründer Plätze in einer Linienmaschine buchen. Alle Tickets zusammen hätten aber 10.000 Euro gekostet, die Piper mit Pilot wurde ihm für 4200 Euro angeboten. 

In Venedig angekommen ging es weiter ins Hotel „Antony Palace“, wo bereits der zweite Vermittler, der ehemalige Leipziger Bankdirektor Karsten K., auf sie wartete. Dort lernten die Männer auch den vermeintlichen Darlehensgeber Levy Vass kennen. Wagner beschrieb den angeblichen Israeli seiner Freundin am Telefon so: „Es schien alles vertrauenswürdig. Vass war ein sympathischer älterer Herr mit gebrochenem Deutsch.“  Es erfolgte später der Austausch der Geldkoffer: Wagners 1,5 Millionen Euro als Sicherheit gegen rund vier Millionen Schweizer Franken Anzahlung für einen Kredit über 15 Millionen Euro. 

Falschgeld stundenlang nicht bemerkt

Die restlichen Formalitäten sollten anschließend  in einer Bank in Venedig geklärt werden, bei der Vass allerdings nie auftauchte. Über Stunden fiel Wagner nicht auf, dass er einen Koffer mit Falschgeld bei sich trug. „Er hat einen der Scheine an einem Automaten gewechselt“, berichtet L. Probleme gab es dabei nicht. Es war eine Note der obersten und echten Lage im Koffer.  

Als Vass nicht erschien, rief B. den jetzt Angeklagten in Deutschland an. „Das muss alles ein großes Missverständnis sein“, versuchte er zu beruhigen. Wagner und seine Mitstreiter fuhren schließlich in einem Taxi zum Flughafen und wollten zurück nach Leipzig. Vermittler B. forderte im Wagen plötzlich seine Provision, habe Wagner am Telefon geschildert. Er sei regelrecht ungehalten gewesen. Als der Unister-Chef schließlich den Koffer öffnete, sei ihm das Falschgeld aufgefallen. Der Tag endete bei der Flughafenpolizei. 

Die Rückreise verschob das Quartett auf den nächsten Morgen. Wagner rief seine Freundin da noch einmal an, erreichte sie aber nicht. Die Nummer sah sie erst später auf ihrem Handy. Am Nachmittag erhielt die 34-Jährige schließlich die Nachricht vom Absturz. 

Für den Angeklagten wird es im Prozess immer enger. Auch am Donnerstag schilderten erneut Zeugen, dass S. ihnen von langjährigen und guten Geschäften mit Vass berichtet habe. Am Mittwoch hatte der 69-Jährige ausgesagt, dass das so gar nicht stimme und er den angeblichen Israeli erst zweieinhalb Jahre kenne. Der Angeklagte redete da schnell und viel, ignorierte zumeist Hinweise seines Verteidigers. 

"S. war nicht sonderlich sympathisch"

Bei persönlichen Begegnungen mit potentiellen Kunden hinterließ S. zumeist einen schlechten Eindruck. Ein Notar aus Hannover sagte aus: „Er war mir nicht sonderlich sympathisch, wurde bei Nachfragen kratzbürstig.“ Auch sein äußerliches Auftreten habe nicht zur Finanzszene gepasst. „Herr S. trug einen schlecht sitzenden Pepitaanzug, ein gestreiftes Hemd und eine Krawatte wie aus den 40er Jahren“, so der 73-jährige Jurist. 

Ein persönliches Treffen hätte vermutlich auch Thomas Wagner die Augen geöffnet. Anfangs sei er bei dem Geschäft auch skeptisch gewesen und sprach von einer „James-Bond-Nummer“, so L.  Warnungen von Managern der Unistertochter Capital One, die S. erlebt hatten, ignorierte er aber.  

Wagner ließ das Geschäft noch einmal von einem Juristen seiner Haus-Hof-Kanzlei prüfen und sagte zu L. schließlich: „Es ist alles sauber.“ Ein Trugschluss, wie sich zeigte und an dem wohl auch die lange Kette von Empfehlungen und Vermittlungen beitrug. Der Angeklagte S. war erst das sechste Glied darin. 

Das Bargeld für Venedig musste ein Finanzmanager von Unister von einem Firmenkonto bei der Leipziger Commerzbank organisieren. Wagner ließ dafür einen weiteren Kreditvertrag der Unister Travel Betriebs GmbH mit sich selbst aufsetzen. Der 38-Jährige unterschrieb für beide Seiten selbst. 

Möglicherweise endet der Prozess schon früher als erwartet. Verteidiger Martin Habig erkundigte sich vorsorglich schon einmal bei der 16. Strafkammer, ob noch alle drei Termine bis zum 29. März benötigt werden.

Matthias Roth

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