Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
„Mit der Mafia geredet“ – neue Details im Betrug gegen Unister

Prozess in Leipzig „Mit der Mafia geredet“ – neue Details im Betrug gegen Unister

Die Warnungen waren eindeutig: "Lass die Finger davon. Ich glaube, wir haben mit der Mafia gesprochen", sagte ein enger Mitarbeiter zu Unister-Chef Thomas Wagner. Der 38-Jährige machte auf eigene Faust weiter.

Das Hotel Luisenhof in Hannover.

Quelle: Frank Wilde

Leipzig. Der Unistergründer und ehemalige Unternehmenschef Thomas Wagner hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen. Mehrfach rieten ihm enge Mitarbeiter vor dem am Ende verhängnisvollen Darlehensgeschäft in Venedig ab. „Thomas, lass die Finger davon, die Sache ist suspekt, wir wissen nicht, was das für Leute sind“, redete der Aufsichtsratsvorsitzende der Unister-Tochter Capital One AG, Roland S. (51), auf ihn ein. Zwei Wochen später tappte Wagner trotzdem in die Falle, verlor dabei 1,5 Millionen Euro und stürzte am nächsten Tag mit seinem Gesellschafter-Kollegen Oliver Schilling (39), Finanzmakler Heinz B. (65) und dem Piloten in Slowenien ab und starb.

Viele Details aus der „Akte Unister“ klingen wie aus einem Wirtschaftskrimi abgeschrieben. Am Mittwoch kam vor dem Landgericht in Leipzig ein weiteres Kapitel dazu. Vor der 16. Strafkammer wird gegen Wilfried S. (69) wegen Betrugs verhandelt. Er soll maßgeblich an dem Kreditschwindel beteiligt gewesen sein.

Codename "Epsilon"

Wagner brauchte dringend frisches Geld. Sein Plan: Er wollte einen Teil der Reisesparte an die Börse bringen und Einnahmen von mindestens 100 Millionen Euro generieren. Das Filetstück von Unister sollte in die Unternehmenstochter Capital One AG eingebracht und später auf dem Düsseldorfer Parkett platziert werden. Bei Unister wurde das Projekt unter dem Codenamen „Epsilon“ geführt.

Von Banken bekam Wagner kein Geld mehr. Er suchte deshalb nach Investoren und ließ dafür auch den Leipziger Immobilienkaufmann Oliver B. (54) ansprechen. Er vermittelte einige Kontakte, auch zu Karsten K. (68), einem ehemaligen Bankdirektor in Leipzig. „Ich kenne K. seit 20 Jahren“, so B., der dem Finanzexperten vertraut. Und Karsten K. engagierte sich.

Nach einigem Hin und Her präsentierte K. schließlich eine Möglichkeit. Ein Privatmann, es handelte sich um den vermeintlichen Israeli Levy Vass, wolle eine Millionensumme bereitstellen. Die Details sollten im Hotel Luisenhof in Hannover besprochen werden. Wagner schickte von der Capital One den Vorstandsvorsitzenden Marvin A. und dessen Kollegen S. zu dem Treffen am 28. Juni vergangenen Jahres nach Niedersachsen. A. und S., die am Mitwoch am Landgericht als Zeugen aussagten, sind noch immer völlig entsetzt, wenn sie an die Begegnung zurückdenken. Sie trafen im Luisenhof auf den Angeklagten S., den Banker K. und den später abgestürzten B. Wagner berichten die beiden Manager aus Leipzig noch am selben Abend: „Ich glaube, wir haben mit der Mafia gesprochen.“

Termin war "a waste of time"

S. führte das Wort und erläuterte das Geschäft. Zehn Prozent der Darlehenssumme seien vom Kreditnehmer als Sicherheit für eine Ausfallversicherung in bar zu übergeben. Im Gegenzug bekomme dieser 25 Prozent des Kredits ebenfalls in bar, der Rest werde überwiesen. Den Namen des Investors und der Versicherung erfuhren sie auch auf Nachfrage nicht. Im Gegenteil: Der Angeklagte S. sei pampig geworden. Er mache den Deal nicht das erste Mal, müsse direkt mit Wagner sprechen und S. sei wohl der falsche Mann, polterte er.

Den beiden Leipzigern wurde die Sache damals nach 20 Minuten zu bunt, sie standen auf und gingen. Die Visitenkarten ihrer drei Gesprächspartner zerrissen sie. Anschließend warnten A. und S. ihren Mitstreiter Wagner mehrfach und eindringlich vor dem Trio. Der Termin sei „ a waste of time“ gewesen, also reine Zeitverschwendung, schrieben sie ihm.

10.000 Schweizer Franken verschwunden

Der 38-Jährige schlug dennoch alle Warnungen in den Wind, tauschte sich weiter mit Banker K. aus und reiste am 13. Juli schließlich nach Venedig. Dort verschwand Vass mit Wagners 1,5 Millionen Euro und der Unisterchef bekam statt rund vier Millionen lediglich 20.000 Schweizer Franken. Der Rest war Falschgeld. Später, am Absturzort in Slowenien, fanden die Ermittler 10.000 Schweizer Franken in Wagners Rucksack. Die andere Hälfte der Summe ist bis heute verschwunden.

Bleibt die Frage, warum sich Wagner auf den Deal einließ? A. und S. können es sich noch immer nicht erklären. Wagner sei Experte für den Reisebereich gewesen, nicht aber für Finanzen, sagt A. Mit einer so hohen Bargeldsumme zu reisen sei völlig unüblich und der Entwurf für den Kreditvertrag mit nur fünf Seiten lächerlich gewesen.

Wagner war offenbar vom „Projekt Epsilon“ besessen. Am Nachmittag vor dem Venedig-Flug sei er bei einer Besprechung mit einem Rucksack aufgetaucht, für ihn völlig untypisch, berichtet A. Darin haben sich offenbar schon die 1,5 Millionen Euro befunden.

Die Nacht vor der Reise verbrachte Wagner mit seiner Lebensgefährtin im Leipziger Steigenberger Hotel. Vertreter der Reisebranche, die dort auch übernachteten, erinnern sich an ein Gespräch an der Bar. Dabei fiel von der Wagner-Seite sinngemäß der Satz: „In vier Wochen wird bei Unister alles anders aussehen, wartet es ab.“ Wagner sollte Recht behalten, aber nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Sechs Tage nach der abendlichen Runde an der Bar stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag.

Der Prozess wird am kommenden Mittwoch fortgesetzt. Dann will der Angeklagte umfangreich aussagen.

Matthias Roth

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Die Akte Unister

Der neue Multimedia-Blog der Leipziger Volkszeitung bietet spannende Geschichten aus Leipzig und Sachsen. mehr