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Projekt Epsilon: Thomas Wagner plante Befreiungsschlag bei Unister

Leipziger Internetunternehmen Projekt Epsilon: Thomas Wagner plante Befreiungsschlag bei Unister

Auch knapp zwei Monate nach dem Absturz der Unister-Gründer Thomas Wagner (38) und Oliver Schilling (39) rätseln Beobachter über den Hintergrund der Venedig-Reise. Nach LVZ-Informationen bereiteten die Unister-Gesellschafter einen großen Befreiungsschlag für das Unternehmen vor. Der Geheimname: Projekt Epsilon.

Thomas Wagner plante für den Börsengang der Unister-Reisesparte.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. In den vergangenen Wochen haben sich Weggefährten und Geschäftspartner immer wieder zu Unister-Gründer Thomas Wagner geäußert. Als genialer Vordenker des Onlinehandels wurde er dabei stets beschrieben und als extrem misstrauisch bei seinen Geschäften. So war es auch am 12. Juli.

Es ist der Abend vor der Venedig-Reise von Wagner und Schilling. Am nächsten Morgen wollen sie mit einer gecharterten Piper gemeinsam mit einem Kreditvermittler in die Lagunenstadt fliegen. Als Sicherheit für ein in Aussicht gestelltes Darlehen über zwölf Millionen Schweizer Franken muss Wagner 1,5 Millionen Euro in bar mitbringen. Das Geld hat der Geschäftsmann aufgetrieben, will mit dieser Summe aber nicht zu Hause in seiner Wohnung in Gohlis übernachten.

Nacht im Steigenberger Hotel

Als sichere Adresse gilt für Wagner das Steigenberger Hotel in Leipzig, eine der feinsten Adressen der Stadt. Die Nobelherberge diente schon zuvor häufig Unister-Managern als Treffpunkt für vertrauliche Geschäftsgespräche, berichten Insider aus der Holding. Wagner checkte demnach am Abend mit seiner Lebensgefährtin dort ein. Später kam es an der Bar noch zu einem kurzen Treffen mit anderen Vertretern der Reisebranche, berichten Teilnehmer. Dabei fiel von der Wagner-Seite auch sinngemäß der Satz: „In vier Wochen wird bei Unister alles anders aussehen, wartet es ab.“

Was damit gemeint war, wurde in der Holding schon seit Monaten unter dem Decknamen „Projekt Epsilon“ geführt, berichten Mitarbeiter. Wagner bereitete offenbar den Börsengang der Reisesparte vor. „Es gab in der Tat Projekte, die dieses Ziel hatten“, bestätigte jetzt auch Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther.

Um wieder voll handlungsfähig zu sein, musste Wagner einen Kredit bei der Hamburger Versicherung HanseMerkur zumindest teilweise bedienen. Laut Unternehmensinsidern war das Darlehen mit Topdomains wie Ab-In-Den-Urlaub.de gesichert. Die Versicherung selbst will das nicht bestätigen. „Wir äußern uns momentan nicht zu Unister“, sagte eine Sprecherin auf LVZ-Anfrage.

Börsengang war für Herbst geplant

Mit dem frischen Geld aus Venedig wollte die Unister-Spitze die Online-Titel wieder loseisen. Den Plan dazu beschreiben Wagner-Vertraute heute so: Über die bereits seit 2015 mehrheitlich in Unternehmensbesitz befindlichen Capital One AG sollte die Reisesparte spätestens im Herbst an der Börse in Düsseldorf platziert werden. Die zurückerlangten Domains waren als Sacheinlage bei der AG vorgesehen. Den veranschlagten Wert bezifferte ein renommiertes Unternehmen für Wirtschaftsprüfung mit Hauptsitz in London und Zweigstelle in Leipzig mit rund 20 Millionen Euro. An der Börse wollte Wagner über die neu ausgegeben Wertpapiere mindesten eine mittlere zweistellige Millionensumme einnehmen, damit weitere Verbindlichkeiten abbauen und das Unternehmen wieder in ruhige Fahrwasser führen. Für viele Mitarbeiter ist eine Frage bis heute offen: Warum haben sich die zerstrittenen Gesellschafter nach dem Tod von Wagner und Schilling nicht zusammengerauft und den Plan weiter verfolgt? Stattdessen wählten sie den Weg in die Insolvenz.

Sechs Investoren haben sich inzwischen für die Reisesparte gemeldet. Laut Flöther wollen sie den Bereich komplett übernehmen. Der Insolvenzverwalter bereitet einen Asset Deal vor. „Der Vorteil für den Investor besteht darin, dass er nur das erwirbt, was er haben will“, teilte der Jurist aus Halle mit. Der Geschäftsbetrieb gehe ohne Altlasten, also insbesondere ohne Verbindlichkeiten über. „Wäre es anders, würde sich für insolvente Unternehmen niemals ein Käufer finden“, so Flöther.

Mitarbeiter trauern vor diesem Hintergrund den Wagner-Plänen nach. Sie befürchten, dass sich ein Investor nur die Filetstücke schnappt, viele Angestellte aber auf der Strecke bleiben. Nur bei einem Betriebsübergang müssten auch die Arbeitnehmer übernommen werden. Einige Unister-Leute sehen sich deshalb bereits selbst nach einem neuen Job um oder haben den Leipziger Internetriesen bereits verlassen. „Eine gewisse Fluktuation ist in einem Insolvenzverfahren völlig normal. Sie liegt aber bei Unister unter dem Durchschnitt“, betonte Flöther.

Von Matthias Roth

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