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Sondereinheit ermittelt wegen Venedig-Betrug bei Unister – Holding prüft Befangenheit

Neue Details Sondereinheit ermittelt wegen Venedig-Betrug bei Unister – Holding prüft Befangenheit

Im Fall Unister ermittelt jetzt die sächsische Sondereinheit Ines. Im Kern geht es um den mutmaßlichen Betrug bei einem Kreditgeschäft in Venedig. Unister indes prüft nach LVZ-Informationen einen Befangenheitsantrag gegen die Staatsanwaltschaft.

Die Sondereinheit Ines ermittelt wegen des Kreditgeschäfts in Venedig.
 

Quelle: Roth

Leipzig.  Im Fall Unister hat sich jetzt die Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen (Ines) eingeschaltet. „Formell haben wir am Mittwoch die Arbeit aufgenommen“, sagte Wolfgang Klein, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden, der die Ines angegliedert ist. Die Sondereinheit interessiert sich für das Kreditgeschäft der tödlich verunglückten Unister-Geschäftsführer Thomas Wagner und Oliver Schilling in der vergangenen Woche in Venedig.

Nach LVZ-Informationen wurde das Geschäft durch Mittelsmänner, darunter der ehemalige Leipziger DKB-Filialleiter Karsten-D. K., vermittelt. Wagner sollte von einem angeblichen israelischen Geschäftsmann einen Kredit über rund zwölf Millionen Schweizer Franken erhalten, im Gegenzug aber selbst 1,5 Millionen Euro in bar als Sicherheit für eine Darlehensausfallversicherung mitbringen. Das Geschäft ging schief. Nach LVZ-Informationen befand sich nur ein Teil sauberer Geldscheine in einem Koffer, der Rest war mit Blüten aufgefüllt. Als der Schwindel aufflog, war der mutmaßliche Israeli bereits untergetaucht. Wagner und Schilling stürzten später auf dem Rückflug zusammen mit einem Finanzmakler sowie dem Piloten über Westslowenien ab und starben.

Zwei Strafanzeigen gehen ein

Laut Klein liegen bei der Staatsanwaltschaft inzwischen zwei Strafanzeigen zu dem Fall vor. „Einmal geht es um Betrug zum Nachteil von Herrn Wagner“, so der Sprecher. Wer die Anzeige erstattet hat, wollte er nicht sagen. Die zweite Anzeige hat wie berichtet der Unister-Gesellschafter Daniel Kirchhof gestellt. „Da ist der Tatvorwurf noch etwas unklar“, sagte Klein. Der ehemalige Unister-Finanzchef hatte in den vergangenen Tagen den Verdacht der Geldwäsche geäußert. „Die Frage ist, welches Geld ist es gewesen und woher kommt es“, sagte er mit Bezug auf die am Absturzort in Slowenien gefundenen 10 000 Schweizer Franken. Klein zeigte sich in diesem Punkt zurückhaltend. „Es gibt im Moment keinen Verdacht auf Geldwäsche“, meinte er.

Die Ines hat inzwischen Kontakt zu Ermittlern in Italien und Slowenien aufgenommen. Zunächst sollen die vorliegenden Erkenntnisse in dem Fall abgeglichen werden. Auf dieser Basis wolle die Sondereinheit dann Befragungen und Vernehmungen vorbereiten. „Wir werden alle Personen anhören, die uns weiterhelfen können“, sagte Klein. Eine Schlüsselrolle könnte K.-D. K., der ehemalige Leipziger Banker, einnehmen. Er hatte mit seinen Verbindungen in der Finanzszene den Deal für Unister vorbereitet und über Zwischenmänner den Termin in Venedig arrangiert. Das belegt der der LVZ teilweise vorliegende E-Mail-Verkehr zwischen K. und Thomas Wagner. K. lebt inzwischen in Niedersachsen und wollte sich bisher nicht zu dem Geschäft äußern.

Kontakt nach Israel haben die Dresdner Ermittler dagegen nicht aufgenommen. Sie zweifeln den Namen Levy V. des mutmaßlichen Kreditbetrügers an. Unklar sei es nach Meinung der Beamten auch, ob es sich tatsächlich um einen israelischen Staatsbürger handelt.

Während die Ines auf das Darlehensgeschäft fokussiert ist, wird der Absturz der Piper 32 derzeit nicht weiter verfolgt. In den vergangenen Tagen waren immer neue Verschwörungstheorien aufgetaucht. Sie reichten von einem Anschlag auf das Flugzeug bis dahin, dass es sich bei den bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Passagieren gar nicht um Wagner und Schilling gehandelt habe. Zwar sind die Leichen offiziell noch immer nicht zweifelsfrei identifiziert. Die Leipziger Polizei hat aber den Gerichtsmedizinern in Ljubljana Vergleichsmaterial wie DNA-Proben und Zahnstatus geschickt.

Kein Straftatverdacht beim Absturz

Wolfgang Klein hält von den Mutmaßungen nichts. „Es gibt bei dem Absturz keine Anhaltspunkte für eine Straftat, alle Äußerungen dazu sind spekulativ“, erklärte er. Am wahrscheinlichsten gilt nach wie vor ein Problem mit Eis an der einmotorigen Maschine. Luftfahrt-Insider halten die Piper 32 für einen Alpenüberflug schlicht für ungeeignet. Hinzu kamen die schlechten Wetterbedingungen über Slowenien.

Bei Unister werden die Aktivitäten der Ines mit gemischten Gefühlen verfolgt. Die Sondereinheit hatte die Firmenzentrale Leipzig mehrfach durchsucht und später neben Thomas Wagner drei weitere Manager der Holding unter anderem wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Das Verfahren ist derzeit am Landgericht Leipzig anhängig. Wagner hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen und die Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft für die wirtschaftlichen Probleme des Konzerns mit verantwortlich gemacht.

Unister-Insider sehen es als problematisch an, dass die Ines nun möglicherweise an Dokumente gelangt, die auch zur Verteidigungsstrategie vor dem Landgericht gehören. Nach LVZ-Informationen prüft das Unternehmen einen Befangenheitsantrag, weil die ermittelnden Staatsanwälte sowohl gegen Unister tätig sind, gleichzeitig aber jetzt auch zu Gunsten von Wagner agieren.

Bereits wenige Stunden nach dem Absturz soll in dem Fall auch Wagners Lebensgefährtin bei der Polizei ausgesagt und weitere Details geliefert haben. Das berichtet der Focus und beruft sich auf Justizkreise. Klein wollte das nicht bestätigen.

Dem Bericht zufolge hatte sie mit ihrem Lebensgefährten regelmäßigen Kontakt per SMS und war so über die Geschehnisse in Venedig informiert. Das misslungene Kreditgeschäft ist demnach im flughafennahen Luxushotel „Anthony Palace“ abgewickelt worden. Der angebliche Israeli sei „ein sympathischer, vertrauensvoll wirkender Mann gewesen“, habe Wagner am Telefon erklärt. Der Unister-Chef habe seine 1,5 Millionen Euro übergeben und dafür einen Koffer mit Schweizer Franken erhalten. Zum Test soll er einen Schein an einem Automaten eingezahlt haben, was problemlos geglückt sei. Erst später sei der Schwindel mit den Blüten unter der Lage mit dem echten Geld aufgeflogen, heißt es.

Laut Focus berichtete die junge Frau auch über das seltsame Verhalten von Vermittler Horst Heinz B., der später ebenfalls beim Absturz ums Leben kam. Er sei nach der Anzeige bei der italienischen Polizei „in keinster Weise konstruktiv“ gewesen. Wagner und Schilling hätten vermutet, dass der 65–Jährige in den mutmaßlichen Betrug „involviert gewesen sei“ und wollten ihn „zur Rede stellen“.

Wagner sei wegen des Geschäfts von Anfang an skeptisch gewesen. Anfang Juni habe ihm ein Leipziger Immobilienkaufmann den Deal vorgeschlagen. Nach eingängiger Prüfung habe der Unister-Chef den Darlehensvertrag aber schließlich für „rechtlich sauber“ gehalten und sei zu seiner letzten Reise aufgebrochen.

Von Matthias Roth

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