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Unister-Betrug: Angeklagter sagt aus – „Wäre gern nach Venedig geflogen“

Prozess in Leipzig Unister-Betrug: Angeklagter sagt aus – „Wäre gern nach Venedig geflogen“

Im Betrugsprozess um den Kreditschwindel gegen die Unister-Gründer Thomas Wagner und Oliver Schilling hat am Mittwoch der Angeklagte erstmals ausgesagt. Wilfried S. spielte seine Rolle am Geschäft herunter. „Ich habe nie damit gerechnet, dass man mich festnimmt“, sagte er.

Wilfried S., der sein Gesicht hinter einem Schnellhefter verbirgt, spricht mit seinem Anwalt Martin Habig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Auf diese Aussagen haben Prozessbeobachter gespannt gewartet. Wilfried S. hat am Mittwoch über seine Beteiligung am Rip-Deal gegen die Unister-Gründer Thomas Wagner und Oliver Schilling berichtet. Gegen den 69-Jährigen wird vor dem Landgericht in Leipzig wegen Betrugs verhandelt, er sitzt seit sieben Monaten in Untersuchungshaft.

S. versuchte seine Rolle beim Schwindelkredit von Venedig, bei dem Thomas Wagner eine Sicherheitsleistung von 1,5 Millionen Euro in bar an den ominösen Geldgeber Levy Vass verlor und im Gegenzug statt vier Millionen Schweizer Franken einen Koffer mit größtenteils Falschgeld erhielt, herunterzuspielen.

„Ich habe nie damit gerechnet, dass man mich festnimmt“, so S. Eine Fluchtgefahr sehe er bei sich nicht. Er habe den Ermittlern sogar angeboten, bei der Suche nach Vass zu helfen. Der Geschäftsmann aus Unna redete am Nachmittag viel und schnell in seinem westfälischen Dialekt.

Bereits Diamanten-Deal endete im Fiasko

Eine Sache bestritt er gleich zu Beginn. S. kenne Vass keineswegs schon seit 17 Jahren und stehe mit ihm auch nicht seit acht Jahren in Geschäftsbeziehungen. So hatte es Wagner per E-Mail von einem Mittelsmann beschrieben bekommen. Der Angeklagte habe eine Frau Berger aus Österreich über das Internet kennengelernt, die dann den Kontakt zu Vass vermittelte. Die Geschäftsfrau arbeite seit gut 20 Jahren mit dem angeblichen Israeli zusammen. Der erste Kontakt sei jetzt rund zweieinhalb Jahre her, so S. Er will das bei allen seinen Vermittlungsanbahnungen auch so gesagt haben. Und auch die Aussage, der Angeklagte habe stets gute Geschäfte mit Vass gemacht, darf jetzt deutlich angezweifelt werden.

Gleich ein erster Verkauf von fünf Diamanten ging nämlich im italienischen Varese in die Hose. Vass sei mit den Edelsteinen eines in Frankreich lebenden Russen verschwunden und habe dafür Falschgeld hinterlassen. Es ging um einen angeblichen Wert von rund 1,7 Millionen Euro, berichtete S.

Es folgte das gescheiterte Darlehen für eine Architektin aus dem Sauerland. Sie verlor ihre Sicherheitsleistung von 100.000 Euro und bekam dafür wie Wagner Falschgeld angedreht. S. machte trotzdem weiter und bot zusammen mit dem ehemaligen Leipziger Banker Karsten K. und dem Finanzvermittler Heinz B. dann auch Unister die Leistungen von Vass an. Allerdings fühlte sich S. zunehmend an den Rand gedrängt. B. habe später allein mit V. telefoniert. Auch der Kreditvertrag sei ohne ihn verändert worden, beteuert S. „Ich wäre unheimlich gern mit nach Venedig geflogen“, so der Angeklagte. Mit dem Argument, die Maschine sei zu klein, habe ihn B. aber zurückgehalten. Glück für S., auf dem Rückflug stürzte die Piper PA-32 mit B., Wagner, Schilling und dem Piloten ab. Alle vier starben dabei. Wenige Stunden vor dem Absturz habe ihn Wagner noch angerufen, so S. Er habe sich mit ihm am Wochenende treffen wollen, wegen der Vermittlung von Geschäftsreisen. „Von Falschgeld hat er nichts gesagt“, so der Angeklagte.

Polizei schnitt Telefonate mit Vass mit

Das Gericht spielte in der Verhandlung eine Reihe durch die Polizei mitgeschnittener Telefonate vor. Dabei war auch die Stimme von Vass zu hören. Er sprach dabei gebrochen Deutsch mit starkem Akzent, der möglicherweise zu einem Italiener, aber auch zu einem Muttersprachler einer ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik gehören könnte.

Die Ermittler sind Vass möglicherweise näher auf den Fersen als bisher bekannt. Nach Aussagen von Anklagevertreter Dirk Reuter von der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden wurden am Vertragspapier aus Venedig Fingerabdrücke und DNA-Spuren gesichert. Die Unterlagen befanden sich am Absturzort der Piper. Später seien die Spuren von italienischen Kollegen einer Person zugeordnet worden. Ob die Ermittler hinter diesem Mann Vass vermuten, sagte Reuter nicht. Dem Leipziger Banker K., gegen den gesondert ermittelt wird, hätten die Ermittler aber später eine Fotomappe vorgelegt. Da K. in Venedig mit vor Ort war, hätte er Vass eigentlich erkennen müssen. Tat er aber nicht. Entweder war die richtige Aufnahme nicht dabei oder Vass hatte in der Lagunenstadt sein Aussehen geschickt verändert.

Klar ist, dass der mutmaßliche Millionenbetrüger gern im Verborgenen agiert und auch versucht, eine falsche Fährte zu legen. Der Angeklagte berichtete nach dem gescheiterten Unisterdeal von einem Telefonat mit dem angeblichen Israeli. Falls die Polizei nach ihm frage, solle er angeben, dass Vass zwischen 1,70 und 1,80 Meter groß, 90 bis 100 Kilo schwer und sehr breit sei. Augenzeugen beschreiben ihn als 1,65 Meter groß und schmächtig.

Auch Ex-Landeschef der Schill-Partei sagt aus

Keine Angaben machte S. darüber, weshalb er nach seinen Geschäftserfahrungen mit Vass, von dem er auch nie einen Cent Provision erhalten haben will, die Kreditverhandlungen für Unister nicht stoppte. Wagner ließ den Darlehensvertrag knapp zwei Wochen vor seinem Flug nach Italien noch einmal von einem Frankfurter Anwalt prüfen. Der 47-jährige Andreas F., der von seinen Leipziger Kollegen einer Großkanzlei mit Sitz am Augustusplatz beauftragt wurde, sollte sich offenbar speziell mit der Übergabe von Bargeld befassen. „Das hatte schon ein Geschmäckle“, berichtete er jetzt im Zeugenstand. Diese Komponente sei sonderbar gewesen. Er habe Risiken wegen Geldwäsche gesehen. „Thomas Wagner schien das verstanden zu haben“, so F. Dass Wagner selbst Bargeld mitbringen sollte, sei ihm nicht mitgeteilt worden, erklärte der Jurist.

Der Angeklagte S. hat offenbar neben Unister schon am nächsten Geschäft gearbeitet. Vor Gericht sagte auch der ehemalige hessische Landesvorsitzende der Schill-Partei, Frank Bücken, aus. Er habe S. über den abgestürzten B. kennengelernt. Bücken, der als Rechtsanwalt im Taunus arbeitet und nebenbei „über sein Netzwerk“ hochpreisige Kunst und Diamanten vermittelt, sollte für Vass einen Edelsteinkauf arrangieren. Der Hesse, der bei seinen Geschäften offensichtlich penibel vorgeht und ganze Drehbücher mit Anweisungen für die Beteiligten schreibt, wollte die Übergabe in einer Bank abwickeln. Vass machte da wegen der Überwachungskameras aber nicht mit. Als der Betrug mit Unister bekannt wurde, habe Bücken alle Aktivitäten gestoppt. Der Prozess geht am Donnerstag weiter.

Von Matthias Roth

Landgericht Leipzig 51.333579 12.371512
Landgericht Leipzig
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