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Unister-Deal in Venedig: Polizei prüft Videoaufnahmen vom Hotel

Wer ist Levy Vass? Unister-Deal in Venedig: Polizei prüft Videoaufnahmen vom Hotel

Bei den Ermittlungen um den Kreditbetrug gegen Unister in Venedig prüft die Polizei jetzt Videoaufzeichnungen. Auf den Bildern soll der ominöse Diamantenhändler Levy Vass zu sehen sein.

Im Vier-Sterne-Hotel Antony Palace traf Thomas Wagner den mutmaßlichen Millionenbetrüger Levy Vass. Nun werden Videoaufnahmen ausgewertet.
 

Quelle: dpa/PR

Venedig/Leipzig.  Er ist der große Unbekannte im Wirtschaftskrimi um das Leipziger Internetunternehmen Unister: Levy Vass. Der Mann soll Israeli und im internationalen Diamantengeschäft tätig sein. Die tödlich verunglückten Unister-Manager Thomas Wagner und Oliver Schilling trafen ihn in einem Hotel in Marcon (Provinz Venedig), um einen bekanntlich gescheiterten Millionenkredit abzuwickeln. Vass überreichte Wagner einen Koffer mit Falschgeld, nur die oberste Lage der Scheine war echt. Danach tauchte der vermeintliche Geschäftspartner ab.

Die Ermittler gingen von Anfang davon aus, dass weder der Name Vass noch die Nationalität des Mannes stimmen. Die italienischen Behörden nennen ihn deshalb auch nicht bei seinem Decknamen sondern sprechen nur vom „Fremden“ oder „Ausländer“. Einen Durchbruch könnten jetzt Videoaufzeichnungen liefern, die der italienischen Polizei vorliegen. Gemeinsamen Recherchen der Leipziger Volkszeitung und der Zeitung „La Nuova di Venezia i Mestre“ ergaben: Die Ermittler werten Aufnahmen des Hotels aus.

Unister-Betrüger schlugen offenbar schon einmal zu

Vor dem Vier-Sterne-Haus „Antony Palace“ soll Wagner einen Koffer mit Schweizer Franken von Vass entgegengenommen und dafür selbst 1,5 Millionen Euro als Sicherheit für das Darlehen überreicht haben. „Man sieht auf dem Video einen Mann, bei dem es sich um den Fremden handeln könnte“, berichten die italienischen Ermittler. Sie vergleichen die Bilder nun mit Aufnahmen von anderen Betrugsfällen. Die Polizei in Italien glaubt: Wagner und Schilling sind Opfer einer international agierenden Bande geworden. Ein nahezu identischer Betrug sei im vergangenen Jahr im oberitalienischen Varese bekannt geworden.

Als die beiden Unister-Gesellschafter den Schwindel bemerkten, gingen sie zur Polizei und erstatteten Anzeige. Das Falschgeld im Koffer haben die italienischen Behörden den gemeinsamen Recherchen zufolge beschlagnahmt. Um wie viele Scheine es sich handelt, ist unklar. Nur 25 Prozent des Kredits sollte einem Mustervertrag zufolge, der der LVZ vorliegt, in bar abgewickelt werden. Bei einem Volumen von zwölf Millionen Schweizer Franken wären das drei Millionen Schweizer Franken gewesen. An der Absturzstelle in Westslowenien wurde aber lediglich ein Rucksack von Thomas Wagner mit 10.000 Schweizer Franken gefunden. Fünf Prozent, also 600.000 Schweizer Franken, sollten die Vermittler laut Mustervertrag als Provision bekommen.

Die Absturzstelle in Westslowenien

Die Absturzstelle in Westslowenien.

Quelle: DPA

Inzwischen tauschen sich die südeuropäischen Kriminalisten mit der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden aus. Das bestätigte Behördensprecher Wolfgang Klein. Schlüsselfigur in dem Fall ist für die Italiener der ehemalige Leipziger Banker Karsten-D. K., der das Geschäft über weitere Mittelsmänner angebahnt hat und auch in Venedig mit vor Ort war. Weil er nicht wie die beiden Unister-Manager und Finanzmakler Heinz-Horst B. das später abgestürzte Flugzeug nutzte, sondern mit dem eigenen Wagen angereist war, überlebte er als Einziger der auf deutscher Seite anwesenden Teilnehmer. K. soll inzwischen in Dresden ausgesagt haben. Die Staatsanwaltschaft hüllt sich darüber in Schweigen.

Reinhard Rade wollte Wagner noch stoppen

Viele Weggefährten im Umfeld von Thomas Wagner fragen sich bis heute, warum er den riskanten Deal eingegangen ist. Warnungen gab es im Vorfeld einige. Bereits die Vorgespräche in Hannover ließen „rote Ampeln“ aufleuchten. So beschreibt es der Leipziger Immobilienkaufmann Reinhard Rade, ein ehemaliger Republikaner-Funktionär mit Verbindungen zu Legida. Er wird dem Lager von Wagners Unister-Gegenspieler Daniel Kirchhof zugerechnet und erfuhr nach eigenen Worten schon frühzeitig von dem bevorstehenden Deal. Ein Geschäftspartner von Rade war bei den Vorgesprächen zu dem Kredit in Venedig im Hotel Luisenhof in Hannover anwesend und bekam dabei mit, dass auch Unister zu den Interessenten zählte. „Ich habe dann vermutet, dass Thomas Wagner Geld der Travel 24 zweckentfremdet ins Ausland schaffen wollte“, so Rade gegenüber der LVZ.

Der Immobilienhändler bereitete deshalb eine Anzeige vor, wollte Wagner bei seiner Ankunft in Venedig „hochgehen“ lassen. In Italien ist der Transport von Geld in dieser Menge anzeigepflichtig, in Deutschland nicht. Die Ereignisse überschlugen sich schließlich nach einer plötzlichen Erkrankung von Rade. Die Anzeige blieb in der Schublade liegen. Inzwischen hat sich herausgestellt: Das Geld kam nicht von Travel 24, sondern wurde laut Handelsblatt nach mehreren Unister-internen Transaktionen schließlich vom Konto der Tochtergesellschaft Holidayreporter abgehoben. „Damit hat sich für mich der Fall erledigt“, so Rade.

Leipziger Linken-Politiker Külow vermittelte Kontakt zu chinesischen Investoren

Leipziger Linken-Politiker Külow vermittelte Kontakt zu chinesischen Investoren.

Quelle: Kempner

In Hannover führten für Unister zwei Manager der Capital One AG die Vorgespräche. Vorstandsmitglied Marvin A. war seit vergangenem Jahr auch CEO Ventures bei der Unister Holding. A. und sein Geschäftspartner, der nicht im operativen Geschäft von Unister tätig war, wollen das Darlehen in Venedig als unseriös eingestuft und Wagner im Vorfeld gewarnt haben. Das sagten sie nach dem Tod des Unister-Chefs aus. Wagner ignorierte offenbar die Warnung und übernahm die Verhandlungen mit Vermittler Karsten-D. K. selbst, wie aus einem der LVZ vorliegenden Mailverkehr hervorgeht. Marvin A. spielt derzeit bei Unister keine Rolle mehr. Er wurde nach LVZ-Informationen von Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther freigestellt.

Chinesen standen vor Einstieg bei Unister

Bleibt die Frage, weshalb Wagner Ende Juni derartig unter Druck stand. Gespräche mit möglichen Investoren führte er viele. Auch Volker Külow, einst Landtagsabgeordneter der Linkspartei und heute als freier Berater tätig, wollte helfen. Die Sozialisten hatten sich nach der Razzia bei Unister im Jahr 2012 beim Leipziger Internetriesen engagiert und nahmen vor allem die Rolle der Sondereinheit „Ines“ dabei kritisch unter die Lupe. Daraus entwickelte sich eine persönliche Bekanntschaft zwischen dem Politiker und Wagner. Laut Külow bekundeten verschiedene chinesische Investoren – kontaktiert durch einen seit Jahrzehnten in Peking tätigen deutschen Geschäftsmann – ihr Interesse, mit einem zweistelligen Millionenbetrag einzusteigen. Die Details sollten aber erst im September weiter verhandelt werden. Für Wagner offenbar zu spät.

Weshalb die Zeit so drängte, darauf glaubt Reinhard Rade die passende Antwort zu kennen. Die Hamburger Versicherung Hanse Merkur pochte auf Rückzahlung eines Kredits über rund 34 Millionen Euro. „Sie hat das Paket auch Daniel Kirchhof angeboten“, so Rade. Der ehemalige Finanzchef hätte sich mit der fälligen Forderung und den daran hängenden Sicherheiten im Portfolio wieder zurück in die Unister-Führungsspitze katapultiert und wäre Wagner damit gefährlich geworden. Ob das Geschäft zwischen Kirchhof und der Versicherung tatsächlich zustande gekommen wäre, ist bis heute offen. Das Szenario war aber offenbar einer der Gründe, weshalb Thomas Wagner schließlich nach Venedig flog.

Von Matthias Roth

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