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Unister-Prozess: Ex-Manager schieben Thomas Wagner die Verantwortung zu

Steuerhinterziehung und Computerbetrug Unister-Prozess: Ex-Manager schieben Thomas Wagner die Verantwortung zu

"Menschenverachtenden Umgang" warf Daniel Kirchhof am Donnerstag dem verstorbenen Unister-Firmengründer Thomas Wagner vor. Der 39-Jährige beteuerte im Prozess wegen Steuerhinterziehung und Computerbetrugs ebenso wie die beiden mitangeklagten Ex-Manager seine Unschuld.

(v.links) Der Rechtsanwalt von Arndt Hohnstädter, Anwältin Ines Große und der Angeklagte Daniel Kirchhof.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sie weisen jegliche Schuld von sich und schieben gleichzeitig ihrem verstorbenen Ex-Chef die Verantwortung zu. Drei ehemalige Manager von Unister haben am Donnerstag vor dem Landgericht Leipzig die Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe, Computerbetrugs und dem unerlaubten Vertreiben von Versicherungsgeschäften zurückgewiesen. Am zweiten Verhandlungstag beteuerten Ex-Finanzchef Daniel Kirchhof, der ehemalige Flugbetriebsleiter Holger Friedrich und Ex-Travel24-Finanzchef Thomas Gudel in teils sehr persönlichen Erklärungen ihre Unschuld. Tenor: Die Entscheidungsmacht im Unternehmen lag alleine bei Thomas Wagner. Gleichzeitig gaben die Angeklagten tiefe Einblicke in die Geschäftsgebaren des 2016 bei einem Flugzeugabsturz verunglückten Firmenchefs.

"Ich sehe in allen Sachverhalten keinen strafrechtlichen Bezug zu meiner Person", sagte Kirchhof zu Beginn des zweiten Verhandlungstags in einer gut 90-minütigen Erklärung. Er sei weder für die strittigen Praktiken bei der Besteuerung von Reiserücktrittsprodukten noch für das sogenannte "Runterbuchen" von Flügen zuständig und teilweise auch nicht in alle Details eingeweiht gewesen, so der 39-Jährige. Wagner habe sich operative Entscheidungen stets selbst vorbehalten. Kirchhof beschrieb ihn als beratungsresistenten Manager, der auch Ratschläge von Außen missachtete. Er selbst habe nie eine Steuererklärung für Unister verfasst oder eingereicht, so Kirchhof, der als Gesellschafter für die Finanzen der Unternehmensgruppe zuständig war. "Herr Kirchhof hatte keinerlei Generalvollmacht, für eines der Unternehmen zu handeln", bekräftigte sein Verteidiger Arndt Hohnstädter.

"Nachträgliche Optimierung des Einkaufpreises"

Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden wirft den drei Angeklagten unter anderem vor, Versicherungssteuern in Höhe von mehr als 1,1 Millionen Euro nicht bezahlt sowie durch das Runterbuchen in 87.000 Fällen Flugkunden um mindestens 7,6 Millionen Euro betrogen zu haben. Kirchhof argumentierte vor Gericht, dass es sich dabei nicht um einen Betrug gehandelt habe. Es sei eine Art "nachträgliche Optimierung des Einkaufspreises" vorgenommen worden, die in der Branche absolut üblich sei. "Das Vorgehen wurde nicht von Unister erfunden. Daher gehe ich davon aus, dass es keine strafrechtliche Relevanz besitzt. Ansonsten hätte es für zahlreiche Anbieter weltweit gravierende Auswirkungen." Hohnstädter ergänzte, dass kein Kunde bei der Buchung erwartet habe, dass der durch ihn gebuchte Flug nachträglich billiger würde. "Es verwundert daher auch nicht, dass keiner der 87.000 Buchenden eine Strafanzeige stellte", so der Verteidiger.

Der 2015 bei Unister ausgeschiedene Ex-Finanzchef schilderte vor Gericht, wie er am Tag der ersten Razzia im Dezember 2012 vom LKA in seinem Haus in Markkleeberg festgenommen wurde. "Ich saß gerade mit meinen Kindern und meiner Frau beim Frühstück, als es gegen 8 Uhr klingelte. Ich musste mich kneifen, um zu verstehen, worum es geht", sei Kirchhof völlig überrumpelt von den Vorwürfen gewesen. Er habe von vielen der vorgeworfenen Sachverhalte im Detail erst später aus den Gerichtsakten erfahren.

30 Verhandlungstage angesetzt

Sein Verhältnis zu Firmengründer Wagner, mit dem er sich zwölf Jahre lang ein Büro teilte, habe sich seit 2009 immer mehr abgekühlt. Dem Gericht berichtete er von dessen "menschenverachtendem Umgang mit Mitarbeitern". Wagner habe sich häufig im heftigen Streit von Führungskräften getrennt. "Eine Vielzahl von Menschen musste in einer Art und Weise das Unternehmen verlassen, dass man ihnen einen gewissen Groll fast nachsehen muss", sagte Kirchhof. Er bezog sich dabei auch auf einen Ex-Mitarbeiter, der die Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft vor mehr als vier Jahren mit seiner Anzeige ins Rollen gebracht hatte. Ex-Flugbereichs-Chef Friedrich, der als einziger noch als Berater im Unternehmen arbeitet, beschrieb Wagner als äußerst versessenen Manager, eine klare Führungsstruktur habe dem Unternehmen jedoch gefehlt. "Es war nie möglich, strategisch zu planen. Immer kamen neue Dinge, die schnell umzusetzen sind", so Friedrich.

Friedrich beklagte ebenso wie Kirchhof und Gudel, persönlich sowie mit seiner Familie erheblich unter den Ermittlungen zu leiden. Anwältin Annette Clement-Sternberger sagte in einer Erklärung für Gudel, der bis 2013 Leiter des Rechnungswesens war: "Die berufliche Existenz meines Mandanten wurde vernichtet." Das Gericht stellt sich auf einen langwierigen Prozess ein: 30 Verhandlungstage sind inzwischen bis Ende Oktober terminiert. In dem Mammut-Prozess soll eine Reihe von Zeugen gehört werden, darunter auch Mitarbeiter von Unister. Der Prozess wird am 2. Februar fortgesetzt. Friedrich kündigte an, sich dann umfangreich zum "Runterbuchen" zu äußern.

Robert Nößler

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