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Urteil gegen Unister-Manager könnte gesamte Reisebranche aufmischen

Es geht ums Runterbuchen von Tickets Urteil gegen Unister-Manager könnte gesamte Reisebranche aufmischen

Ein Urteil im Prozess gegen drei Unister-Manager könnte Folgen für die gesamte Reisebranche haben. Zeugen berichteten von einer gängigen Praxis seit gut 30 Jahren.

Die Angeklagten mit ihren Anwälten am Landgericht.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es ist einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse dieses Jahr in Leipzig. Drei ehemalige Manager der inzwischen nach der Insolvenz zu großen Teilen verkauften Unister-Gruppe stehen vor der 15. Strafkammer des Leipziger Landgerichts. Das Verfahren startete im Januar mit vollen Besucherplätzen, inzwischen wird allerdings nahezu ohne Öffentlichkeit verhandelt. Am Mittwoch stand der 13. Termin auf der Tagesordnung. Bis zum 8. Januar 2018 soll der Prozess nach jetzigem Stand weitergehen. Es wäre dann der 51. Verhandlungstag. Die gesamte Reisebranche in Deutschland dürfte die Entscheidung des Gerichts gespannt erwarten. Sollten die drei Angeklagten nämlich wegen des sogenannten „Runterbuchens“ verurteilt werden, könnte auch andere Unternehmen ins Fadenkreuz der Ermittler geraten.

Der Vorwurf gegen Daniel Kirchhof (ehemaliger Unister-Finanzchef), Thomas Gudel (Ex-Finanzchef bei Travel24 und Leiter Rechnungswesen bei Unister) und Holger Friedrich (Leiter Flugbereich der Unister-Gruppe) ist in der Branche offenbar gängige Praxis, das bestätigten Zeugen.

Der ehemalige Leipziger Interriese soll als Vermittler über seine Reiseportale Flugtickets verkauft und nachträglich an der Preisschraube gedreht haben. In der Zeit zwischen der Order des Endkunden und der endgültigen Buchung bei der Airline sollen Mitarbeiter nach günstigeren Angeboten gesucht haben. Die Ersparnis habe Unister nicht an den Verbraucher weitergegeben, sondern für sich behalten haben, so der Vorwurf. Die Dresdner Generalsstaatsanwaltschaft listet rund 87.000 Fälle auf. Die Kunden sollen um insgesamt 7,6 Millionen Euro betrogen worden sein.

"Früher hieß das Graumarktticket"

Branchenkenner sind von der angeblichen Unisterpraxis allerdings wenig verwundert. „Das ist schon seit den 1980er Jahren übliche Praxis und hieß damals noch Graumarkttickets“, berichtete am Mittwoch ein Reiseexperte im Zeugenstand, der für verschiedene Ticketgesellschaften tätig war. Die Airlines hätten dabei kräftig mitgemacht. So seien günstige Tickets, die eigentlich nur für Pauschalreisen vorgesehen waren, auch einzeln verkauft worden. Nicht alle Gesellschaften hätten das so genau überprüft, berichtete der 52-jährige Volker B.

Ähnlich äußerte sich auch Klaus Laeplle. Der 77-Jährige war jahrelang Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft und Berater im Tourismusbeirat des Bundesministers für Wirtschaft und Energie. Der Düsseldorfer kennt alle Gepflogenheiten in dem Geschäft. „Zum Runterbuchen gehören immer Zwei, der eine, der es macht und der andere, der es ermöglicht.“ Bestätigen wollen das aber weder Fluglinien noch Reiseanbieter. Geredet wird offenbar nur hinter vorgehalten Hand. „Bei Sitzungen wurde das Thema nicht offiziell besprochen, es erscheint deshalb auch in keinem Protokoll“, so Laepple.

Rechtsanwalt Thomas Filler, der Friedrich verteidigt, hatte am Mittwoch für die Anklagevertretung scharfe Worte übrig. „Mein Mandant ist der erste Reisebüromanager in Deutschland, der sich für eine gängige Praxis verantworten muss“, so der Jurist aus Frankfurt in einer Erklärung. Bisher habe sich kein Staatsanwalt dafür interessiert. Ankläger Dirk Reuter parierte und zitierte den Zeugen B., der das Runterbuchen in die „Schmuddelecke“ des Reisegeschäfts stellte.

Prozess könnte noch platzen

Die Kammer wird in den kommenden Wochen weiter Dutzende Zeugen anhören. Dann geht es auch um das unerlaubte Vertreiben von Versicherungen und Steuerhinterziehung. Zumindest in einem Punkt sind sich der Staatsanwalt und die insgesamt sechs Verteidiger einig: Der Prozess soll keinesfalls noch einmal von vorn beginnen. Ausgeschlossen ist das nicht. Volker Sander, der Kammervorsitzende, wurde im März zum Richter am Bundesgerichtshof gewählt. Sollte er vorzeitig nach Karlsruhe wechseln, müsste das Verfahren neu aufgerollt werden.

Matthias Roth

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