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Verkauf perfekt: Unister veräußert seine Travel-Sparte an Investor aus Prag

Ab an die Moldau Verkauf perfekt: Unister veräußert seine Travel-Sparte an Investor aus Prag

Unister hat einen Käufer für seine Reisesparte gefunden. Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther veräußert den Unternehmenszweig an eine Beteiligungsgesellschaft aus Prag. Arbeitsplätze und Standorte sollen erhalten bleiben.

Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther hat die Reisesparte von Unister verkauft.

Quelle: dpa / Privat

Leipzig. Das insolvente Leipziger Internetunternehmen Unister hat seine Reisesparte verkauft. Neuer Eigentümer wird die Rockaway Capital SE. Dabei handelt es sich laut Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther um eine auf die Digitalbranche spezialisierte Beteiligungsgesellschaft. Ihr Unternehmenssitz liegt in Prag. Weitere Standorte befinden sich Sao Paulo und San Francisco. Sie engagiere sich bereits im internationalen Tourismusgeschäft.

Nach Angaben Flöthers bleiben die 520 in diesem Geschäftsbereich verbliebenen Arbeitsplätze sowie die bisherigen Standorte erhalten. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Branchenkenner hatten zuletzt einen Betrag genannt, der sich im Bereich von 70 bis 80 Millionen Euro bewegt. Bestätigt wurde diese Summe von Flöther nicht. Er deutete aber an, dass der gezahlte Preis dem Marktwert der Geschäftsbetriebe entspricht.

„Die Gläubiger der Unister Travel-Gesellschaften können nun mit einer guten Quote rechnen“, so der Insolvenzverwalter. Wie hoch sie sein wird, ist noch unklar. Der Betriebsübergang soll am 31. Januar 2017 erfolgen. Der Gläubigerausschuss habe bereits zugestimmt.

Ehemalige Unister-Mitarbeiter begrüßten den Verkauf an Rockaway. „Ich sehe es als Wunschkandidaten-Lösung an“, sagte Konstantin Korosides, langjähriger Unternehmenssprecher und Vertrauter von Unister Gründer Thomas Wagner.

Auch der Chef der städtischen Wirtschaftsförderung, Michael A. Schimansky, sieht den Verkauf positiv: „Das ist ein Erfolg für das Unternehmen und für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch für die Stadt und den Standort Leipzig. Bereits vereinbart wurde, dass die Wirtschaftsförderung zu Beginn des neuen Jahres die Gespräche mit dem neuen Investor aufnimmt, um auszuloten, wie wir die zukünftige Entwicklung begleiten und fördern können.“

Rockaway übernimmt komplett

Die Rockaway Capital SE übernehme alle relevanten Vermögenswerte des Unister Flug-, Pauschal- und Veranstaltergeschäfts, darunter die Portale ab-in-den-urlaub.de, fluege.de, urlaubstours.de, reisen.de, billigfluege.de, reisegeier.de, hotelreservierung.de und TravelViva mit allen Markenrechte und der IT-Infrastruktur. Zum Stichtag 30. August 2016 verfügte Unister über 59 größere und kleinere Reiseportale in Deutschland und acht weiteren europäischen Staaten.

„Ich bin sehr froh, dass es nur rund fünf Monate nach Insolvenzantrag gelungen ist, einen starken Partner für das Travel-Geschäft zu finden“, unterstrich Flöther am Freitag in Leipzig nach Unterzeichnung des Kaufvertrags. Besonders freue es ihn, dass alle Mitarbeiter im Travel-Geschäft ihre Jobs behalten und sich der Investor zu den Standorten bekannt habe. Die Mitarbeiter wurden am Morgen in einer Betriebsversammlung über den strategischen Schritt informiert.

„Rockaway hat die Gläubiger mit ihrem ehrgeizigen, aber realistischen Zukunftskonzept überzeugt“, so Flöther. Der Erwerber sei ein erfahrener und langfristig orientierter Investor, der bereit ist, die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen, um das Unister Travel-Geschäft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Den Ausschlag habe der Erhalt der Arbeitsplätze und der bisherigen Standorte des Leipziger Unternehmens gegeben.

Tschechen wollen mit Unister in Europa Marktführer werden

Der Käufer ist vor allem im osteuropäischen und lateinamerikanischen Raum aktiv, orientierte sich zuletzt aber auch stärker in Asien. Er betreibt den Online-Reisevermittler und –anbieter „Invia“ und bezeichnet sich mit dem Portal als Marktführer in Tschechien und Polen. Nach eigenen Angaben unterstützt Rockaway 354 Projekte in 70 Ländern. Unternehmensstrategie sei es bisher gewesen, in entstehende Märkte und Start-ups zu investieren. Jaroslaw Czernek, Investment Partner von Rockaway Capital und Aufsichtsratsvorsitzender bei Invia, sagt: „Da Invia und die ehemaligen Unister-Unternehmen, insbesondere ab-in-den-urlaub.de, auf dem gleichen Geschäftsmodell basieren, werden wir unsere gebündelten Kräfte und gemeinsame Expertise nutzen, um einen gesamteuropäischen Marktführer im Online-Reisesegment zu schaffen.“

Möglicherweise gehen die Pläne aber noch viel weiter. Die CEFC-Group, einer der zehn größten chinesischen Konzerne, ist stiller Teilhaber bei Rockaway Capital. Der Plan sei es, bald chinesische Urlauber mit Hilfe der Unister-Portale nach Europa zu locken. Bei Rockaway Capital heiße es allerdings, die Chinesen nähmen keine Einfluss aufs operative Geschäft und seien lediglich finanziell beteiligt. CEFC hält am Portal Invia die Mehrheit.

Gegründet wurde Rockaway vor drei Jahren von Jakub Havrlant. Wie einst auch Thomas Wagner bei Unister, begann der Tscheche bereits als Student mit seinem ersten Start-up, das er später aber verkaufte.

Deutsche Unternehmen kommen nicht zum Zug

Für Unister hatten auch zahlreiche deutsche Unternehmen aus der Reisebranche geboten. Flöther entschied sich aber gegen einen raschen Verkauf. Nachdem im Oktober das durch die Agentur für Arbeit gezahlte Insolvenzgeld ausgelaufen war, mussten die Mitarbeitergehälter wieder aus eigener Kraft gezahlt werden. Flöther wählte diesen gewagten Schritt, weil die zuvor eingegangenen Angebote nach LVZ-Informationen zu gering waren oder mit ihrer Strategie nicht überzeugten. Letztlich hatte der Insolvenzverwalter mit seiner Taktik Erfolg. Unister schreibt nach einer Phase der Umstrukturierung wieder schwarze Zahlen. Vor allem Kürzungen im Marketingbereich, wo hohe Summe für die Suchmaschinenoptimierung ausgegeben wurde, entlastete die Ausgabenseite.

Flöther lobt besonders die Belegschaft: „Der erfolgreiche Verkauf wäre nicht möglich gewesen, wenn die Mitarbeiter nicht von Anfang an mit vollem Engagement ihren Unternehmen die Treue gehalten hätten.“ Entscheidend sei auch gewesen, dass die Kunden bei der Stange blieben und dadurch während des Insolvenzverfahrens stabile Umsätze erwirtschaftet werden konnten.

Steinberg verlässt Unister

Nach Abschluss der Sanierung verlässt Matthias Steinberg, Sprecher der Unister-Unternehmensleitung, auf eigenen Wunsch zum 31. März 2017 das Unternehmen. Künftig werden Balint Gyemant als CEO Flugvertrieb (fluege.de) und Stephan Wiese als CEO Pauschalreisevermittlung (ab-in-den-urlaub.de) die Unister-Travelsparte führen. Gyemant arbeitet seit drei Jahren für Unister am Standort in Berlin. Wiese ist bereits seit 2005 für Unister tätig und leitete unter anderem für mehrere Jahre die IT-Abteilung.

Flöther rechnet in den kommenden Wochen und Monaten auch für die weiteren von der Insolvenz betroffen Betriebszweige von Unister mit einer erfolgreichen Veräußerung. Am Freitag wurde bekannt, das auch shopping.de einen neuen Eigentümer hat. „Unser Ziel ist auch hier kein schnellstmöglicher Verkauf, sondern ein Verkauf zu den bestmöglichen Konditionen“, unterstrich Flöther. Er ergänzte: „Die dafür nötige Zeit haben wir, bis weit ins Jahr 2017 hinein.“

Von Matthias Roth

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