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Vom steilen Aufstieg und tragischen Ende des Internetmillionärs Thomas Wagner

Darum reiste der Unister-Chef nach Venedig Vom steilen Aufstieg und tragischen Ende des Internetmillionärs Thomas Wagner

Thomas Wagner war ein Senkrechtstarter. Als Student gründete er in Leipzig seine erste Firma und wurde bald Internet-Millionär. Am Donnerstag kam der Unister-Chef bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben. Offenbar wollte Wagner in Venedig Geld für seine Firma besorgen.

Der verunglückte Unister-Geschäftsführer Thomas Wagner auf einem Foto aus dem Jahr 2009.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Es ist unfassbar. Thomas Wagner (38) ist tot. Im Cafe Waldi am Rande von Leipzigs City gab es die letzte Begegnung zwischen dem großen Internet-Unternehmer und der Leipziger Volkszeitung. Ein Gespräch beim Mittagessen: Apfelschorle, Schopska-Salat, Paprikaschote beziehungsweise Hähnchensteak. Zum Abschluss Espresso. Nicht gerade ein Millionärs-Lunch. Das war am 9. März.

Jetzt, gut vier Monate später, ist Wagner nicht mehr am Leben. Der Gründer und Inhaber des millionenschweren Leipziger Unternehmens Unister stürzte am Donnerstag über Slowenien mit einem Kleinflugzeug ab. An Bord noch drei Männer: Unister-Gesellschafter Oliver Schilling (39), ein 65-jähriger Banker und der 73 Jahre alte Pilot. Sie kamen alle ums Leben, die Maschine, eine Piper PA-32R, zerschellte und brannte aus. Vereisungsprobleme? Ein Anschlag? „Ich schließe einen vorsätzlichen Absturz nicht aus“, sagt Konstantin Korosides, heute Kommunikationschef des Onlineportals „billiger.de“ und zuvor sechs Jahre lang Sprecher von Unister. Berichte, wonach am Unglücksort ein Koffer mit mehreren Millionen Euro gefunden worden sei, bestätigt bisher niemand.

Unister-Chef Thomas Wagner ist beim Absturz eines Kleinflugzeugs in Slowenien ums Leben gekommen. Die Unglücksstelle befindet sich bei Predmeja im Westen des Landes. Fotos: dpa

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Cafe Waldi im März: Wagner, Chef einer Firma mit 500 Millionen Euro Jahresumsatz und aktuell 1200 Mitarbeitern, sitzt in Jeans und Pulli am Tisch. Er ist auch als x-facher Millionär in der Mensa der Universität essen gegangen. Bis er eines Tages seinen Studentenausweis zücken musste. Jetzt sitzt er da. Kurze Haare, Seitenscheitel, Drei-Tage-Bart, bemüht um ein Lächeln. Aber die Anspannung ist ihm anzumerken. Es geht um sein angeschlagenes Image und einen bevorstehenden Gerichtsprozess. Im Dezember 2012 hatte sein steiler Aufstieg einen starken Dämpfer erhalten. Das von ihm gegründete Reiseportal „ab-in-den-Urlaub.de“ ist zwar bis heute mit drei Millionen Besuchern monatlich immer noch Deutschlands größte Urlauber-Website, aber Staatsanwälte in Dresden ermitteln, und es soll einen Prozess geben.

"Ich habe mich nie dafür interessiert"

In jenen dunklen Tagen im Dezember 2012 hatten LKA-Beamte die Unister-Zentrale in Leipzigs Barfußgässchen gestürmt, kiloweise Akten beschlagnahmt und drei Manager verhaftet: Wagner, Mitgesellschafter Daniel Kirchhof und Finanzmann Thomas Gudel. Es geht um angebliche Steuerhinterziehung und illegale Versicherungsgeschäfte. Wagner kommt nach ein paar Tagen gegen eine Kaution von 500.000 Euro und ein Aktienpaket frei, ebenso die anderen beiden. Aber: die Schmach bleibt und die Ungewissheit. „Wissen Sie“, sagt er im Waldi, „ich habe mich nie dafür interessiert, ob wir für unsere Produkte Versicherungssteuer oder Umsatzsteuer zahlen müssen. Ich bin froh, wenn es jetzt endlich zur Gerichtsverhandlung kommt und geklärt wird, ob das ein ,Verbrechen’ war.“

Wagners Welt ist nicht das Rechnungswesen, er ist das, was man in der Branche einen Nerd nennt, ein Computerfreak. Er ist kreativ, entwickelte schon Anfang der 2000er-Jahre als BWL-Student in Leipzig eine Internet-Tauschbörse für junge Leute und stellte später als Start-up-Unternehmer die Websites „fluege.de“ und „ab-in-den-Urlaub.de“ auf die Beine oder besser ins Netz. Deren Botschaften werden von Reiner Calmund und Michael Ballack unters Volk gebracht. Wagner hatte Erfolg. Viel Erfolg. Inzwischen gibt es unter dem Dach von Unister Dutzende nationale und internationale Internetportale mit verschiedensten Inhalten.

Wagner ist ein Grenzgänger, lotet in seinem Business alles Machbare aus, wird vor allem in der Reise-Branche zum Feindbild. Da kommt auch Neid auf, so einen schwärzt man gern an. Konstantin Korosides, damals noch Firmensprecher an Wagners Seite, vertrat schon bald die Auffassung, dass die Strafverfolgung auf Denunziationen von Wettbewerbern basiert, die Unister kaputt machen wollen. Beweisen kann er das nicht, aber es ist schon erstaunlich, mit wie viel Verve die Ermittler zu Werke gingen.

Wagner wuchs in der Bauhaus-Stadt Dessau auf, wie auch die Zwillinge Christian und Oliver Schilling, die später zunächst zur Bundespolizei gingen. Wagner holte seine Jugendfreunde bald nach zu Unister, sie halten jeder 11 Prozent an der Firma. Oliver, der in Markkleeberg wohnte, kam beim Flugzeugabsturz mit ums Leben, hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Im Gespräch im März macht Wagner klar, dass er um Unister und um sein Renommee kämpfen will und nicht so richtig versteht, was ihm widerfahren ist. „Wenn Sie plötzlich in den Knast kommen und gar nicht wissen, warum, das ist schon merkwürdig.“

Turbulenzen und finanzielle Schieflage

Ab 2013 gerät Unister in finanzielle Schieflage. Ein 40-Millionen-Euro-Kredit bei der Hanse Vertriebspartner AG, eine Tochter der Hanse Merkur Versicherung, kann nicht termingerecht zurückgezahlt werden, weitere Verbindlichkeiten drücken. Hinter vorgehaltener Hand wird spätestens 2014 von Insolvenzverschleppung gesprochen.

Wagner denkt über den Verkauf seines Unternehmens nach. Im Ganzen oder in Teilen. In den Medien wird der Wert allein der Reisesparte zeitweilig mit einer Milliarde Euro und die ProSiebenSat 1-Gruppe als möglicher Interessent gehandelt. Doch ein Verkauf kostet viel Zeit und noch mehr Geld. Heerscharen Anwälte und Wirtschaftsprüfer sind bei einem derartigen Megadeal beschäftigt. Flüssig ist Wagner zu dieser Zeit nicht mehr. Im Dezember 2014 wird Wagner beim Leipziger Unternehmer Steffen Göpel vorstellig und unterbreitet dem Gründer der GRK Holding einen Vorschlag: Wagner ist bereit, für einen Vier-Millionen-Euro-Kredit Zinsen in Höhe von einer Million Euro zu zahlen. Göpel erhält zeitnah sein Geld plus Zinsen zurück und wird über seine Opus 30 Vermögenverwaltung mit einem fünfprozentigen Anteil Gesellschafter der Unister-Holding. Wagner spricht später von Wucherzinsen, verliert einen Gerichtsstreit und muss zahlen.

Es gibt immer neue Negativschlagzeilen auch über Entlassungen von Mitarbeitern und schlechtes Klima, und die Verkaufsbestrebungen werden durch einen internen Krach bei Unister noch erschwert. Wagners Hunger nach Beteiligungen ist größer als der nach Luxus. Unister wächst schnell, nicht alle Beteiligungen sind segensreich. Interne Kritik an seinem Expansionskurs schmettert der allmächtige Firmengründer ab. Die Fluktuation in der Führungsriege spricht Bände. Wagner verschleißt nicht nur einige Vorstandsmitglieder – zuletzt gehen die Holding-Geschäftsführer Peter Zimmermann und Andreas Prokop –, sondern überwirft sich auch noch mit seinem 18-Prozent-Gesellschafter Daniel Kirchhof (38), den er auch schon aus Uni-Zeiten kennt. Kirchhof wehrt sich, überträgt seine Anteile mittels komplizierter Verfahren an Steffen Göpel. Nach etlichen Scharmützeln – auch vor Gericht – ist Göpel diesbezüglich wieder raus bei Unister und Kirchhof wieder drin und der teilt am Freitag per Pressemitteilung mit: „Ich trauere … Wir sind alle traurig und sprachlos.“ Und weiter heißt es, Wagner habe ein neues Wirtschaftssegment geschaffen, Großes aufgebaut und „uns allen eine gute, auf die Zukunft ausgerichtete Arbeit gegeben“. Wagner habe das „historische Leipzig als Standort“ gewählt und „baute gemeinsam mit uns Gründern einen der international größten Online-Reisevermittler auf“.

Trauer um Unister-Gründer und Geschäftsführer Thomas Wagner: Vor der Unisterzentrale im Leipziger Barfußgässchen wurden am Freitag Blumen abgelegt.

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Dort, bei den Mitarbeitern, herrscht jetzt größte Verunsicherung. Zwar teilte Unister-Sprecher Dirk Rogl gestern mit, der Betrieb laufe planmäßig weiter und neben tiefer Trauer herrsche auch Entschlossenheit, die Geschäfte fortzusetzen, aber das dürfte nicht so einfach sein. Zwar heißt es intern, Wagners langjährige Lebensgefährtin (32), die im Reisebereich bei Unister Travel tätig ist, könnte mehr Verantwortung übernehmen, als neue Geschäftsführerin dürfte sie jedoch keinesfalls in Frage kommen. Als eine Interimslösung kämen wahrscheinlich die verbliebenen Gesellschafter in Betracht. Aber was wird aus Wagners Gesellschafteranteilen? Er besitzt 42 Prozent und damit den größten Einzelanteil, hinterlässt keine Ehefrau und keine Kinder. Erben sind wohl seine Eltern in Dessau ...

Kredit-Deal in Venedig offenbar geplatzt

Der junge Mann, der die Öffentlichkeit, Alkohol und Nikotin mied, lebte mit seiner Lebensgefährtin in einer bescheidenen Dachgeschosswohnung (70 Quadratmeter) im Leipziger Stadtteil Gohlis. Seinen einzigen Luxus, einen weißen Porsche, parkte er immer um drei Ecken. Warum machte er sich am Mittwoch mit einem alten Privatflieger auf den Weg nach Venedig, mit einem Piloten, der 73 Jahre alt war? Aus gut informierter Quelle heißt es, Wagner wollte Geld für die Firma besorgen. Es soll um ein Darlehen von über 10 Millionen Euro gegangen sein, das ein ehemaliger leitender Bankangestellter aus Leipzig eingefädelt hat. Wagner sollte 1,5 Millionen Euro Sicherheit hinterlegen – in Venedig, wo das Darlehen cash ausgezahlt werden sollte. Der Deal platzte offenbar, „Thomas ist betrogen worden“, sagt ein langjähriger Wegbegleiter. „Er war ein Genie, ein toller Unternehmer und in manchen Dingen zu gutgläubig.“

Von Jan Emendörfer und Guido Schäfer

Aktuelle Informationen über Unister und die Hintergründe finden Sie in unserem Themenspecial.

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